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Donnerstag, 17.05.2018

„Wir sind kein Männerverein“

Zuhair Qasems Verein will eine Anlaufstelle für Riesas Muslime schaffen. Geplant ist mehr als nur ein Gebetsraum.

Muslime müssen an der Gesellschaft teilhaben können und sich akzeptiert fühlen, sagt Zuhair Qasem. Er ist Vorsitzender des Vereins Islamisches Zentrum Riesa. Qasem stammt aus Palästina, seit 1991 lebt er in Riesa.
Muslime müssen an der Gesellschaft teilhaben können und sich akzeptiert fühlen, sagt Zuhair Qasem. Er ist Vorsitzender des Vereins Islamisches Zentrum Riesa. Qasem stammt aus Palästina, seit 1991 lebt er in Riesa.

© Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Herr Qasem, seit Mittwoch feiern die Muslime Ramadan. Was heißt das für Sie?

Viele denken, der Ramadan wäre ein Monat des Nachtlebens , leider auch viele Muslime. Das ist aber eigentlich nicht der Sinn. Es ist ein Monat der Arbeit, es geht um Fleiß, Nächstenliebe, Mitgefühl. Natürlich sollen wir Muslime uns besonders Gott hingeben und die Zeit des Ramadan für gottesdienstliche Handlungen verwenden, uns in Geduld üben. Aber meine anderen Aufgaben muss ich trotzdem erledigen! Ich kann nicht nachts lange wachbleiben und dann am Tag sagen: Lass mich in Ruhe, ich habe Ramadan!

Wie bereiten Sie sich denn auf den Fastenmonat vor?

Als ich nach Deutschland kam, habe ich fast 15 Jahre lang überhaupt nicht gefastet. Erst seit 1998 faste ich wieder jedes Jahr. Seit einem Jahr außerdem auch an zwei Tagen in der Woche. Da freue ich mich schon vorher drauf, weil es mir guttut. Ich war aber auch immer happy, wenn es vorbei war. (lacht)

Inwiefern ist es denn für Ramadan hinderlich, dass in Riesa nach wie vor ein zentraler Treff für die Muslime fehlt?

Im Ramadan gibt es ein zusätzliches Gebet in der Nacht, das auch von vielen Muslimen besucht wird, die außerhalb des Ramadans nicht immer zum Gemeinschaftsgebet kommen. Ein Gebetsraum wäre wichtig, ist aber kein Muss. Allerdings ist die provisorische Lösung in Gröba nicht optimal. Die Nachtgebete enden spät in der Nacht, wenn kaum noch Busse fahren.

Ihr Verein setzt sich seit längerer Zeit für einen zentralen Treffpunkt ein, zuletzt war das frühere Gebäude von Betten-Johne in Altriesa im Gespräch. Wie ist da der Stand?

Wir haben einen überarbeiteten Bauantrag eingereicht und kommen gerade der Forderung der Stadt nach, Abstandsflächen vermessen zu lassen und einen Lageplan zu erstellen. Ich hoffe, dass es Mitte Juli Neues zu vermelden gibt.

Das Vorhaben Ihres Vereins hat nicht nur Fürsprecher. So mancher Riesaer macht sich auch Sorgen, ein Gebetsraum könnte Radikale anziehen ...

Unser Riesaer Verein hat sich ja gegründet mit dem Ziel, eine lokale und selbstverwaltete Struktur zu schaffen. Seit unserer Gründung stehen wir in engem Austausch mit den Behörden und anderen religiösen Institutionen in Riesa. In der Präambel unserer Satzung steht dementsprechend auch schwarz auf weiß, dass wir keinerlei Toleranz für Bestrebungen haben, die sich gegen die hier geltende demokratische Ordnung richten. Zum Grundgesetz gehört auf der anderen Seite aber auch die Religionsfreiheit und das Recht auf Räumlichkeiten, um seinen Glauben auszuüben. Wenn wir das den Muslimen versagen, dann bieten wir denjenigen die Möglichkeit zu agitieren, die gegen ein gutes Zusammenleben sind. Unser großes Ziel ist es, das Zusammenleben der Muslime in Riesa mit den Riesaern so leicht und gut wie möglich zu gestalten.

Dann wäre es allein mit einem Gebetsraum vermutlich nicht getan. Was haben Sie noch vor?

Der Gebetsraum ist die erste Etappe, damit die Leute zur Ruhe kommen, sich erst einmal akzeptiert fühlen. Das macht viel aus. In einem zweiten Schritt würden wir gerne Nachhilfe anbieten, vor allem für die Kinder, damit die nicht alle nach der 8. Klasse von der Schule abgehen. Es ist ein Irrglaube anzunehmen, dass sie auf gepackten Koffern sitzen und demnächst zurück in ihre Heimatländer gehen. Es geht ja schon damit los, dass die Kinder teilweise vier, fünf Jahre hier sind, zur Schule gehen und Deutsch gelernt haben. Die müssen wir ausbilden. Es wird vielen nicht schmecken, aber diese Kinder sind ein Teil unserer Gesellschaft. Es geht um die Frage: Wie sollen sie an der Gesellschaft mitwirken? Da müssen wir als Riesaer Mut haben. Um diesen Mut auch anzukurbeln, wollen wir als Verein auch versuchen, uns am Stadtleben zu beteiligen, zum Dialog einzuladen und, wenn es irgendwann so weit ist, Besuche in unseren Räumlichkeiten zu ermöglichen. Viele Riesaer kennen Islam und Muslime nur aus den negativen und düsteren Schlagzeilen, wir wollen hier vor Ort ein positives Gegenbeispiel aufbauen.

Denken Sie denn, dass Sie alle Muslime in Riesa mit den Angeboten erreichen können?

Es gibt Leute, die praktizieren ihre Religion unabhängig vom Verein. Das muss auch nichts schlechtes sein. Dann gibt es welche, die haben Angst, etwas Falsches oder Verbotenes zu tun, wenn sie ihre Religion hier ausüben. Die haben das Gefühl, die Deutschen hätten etwas gegen den Islam. Das ist gefährlich und sollte sowohl von muslimischer als auch nicht-muslimischer Seite mit Gegenbeispielen entkräftet werden. Eine weitere Aufgabe, die wir haben, ist auch möglichst viele Frauen im Verein einzubinden. Das ist mir wichtig: Wir sind kein Männerverein, hier sitzen zwei Damen im Vorstand. Übrigens hat die Frau auch im Islam Rechte, nur selbst viele Muslime wissen das nicht oder vergessen es gerne. Nur ein kleines Beispiel: Wenn die Frau arbeiten geht und Geld verdient, ist das ihr Geld. Sie muss dem Mann nichts davon abgeben, das ist ihre Entscheidung.

Sie wollen auch Arabischunterricht für Kinder anbieten. Lernen die meisten Kinder die Sprache nicht zu Hause?

Das ist immer noch etwas anderes, als Hocharabisch zu sprechen und vor allem zu schreiben. Ich denke, wenn bei uns Arabisch gelehrt wird, dann kann das auch eine Bereicherung sein. Wenn Kinder mehrsprachig aufwachsen, lernen sie auch später viel schneller Fremdsprachen. Das ist später im Leben ein Vorteil.

Das Gespräch führte Stefan Lehmann.