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Dienstag, 12.06.2018

„Wir mussten zusehen, wie unsere Existenz kaputtgeht“

In einer Forellenzucht in Nedaschütz verendeten Tausende Fische – und noch immer sind viele Fragen offen.

Von Katja Schäfer

1 Forellen verendet

Noch immer können es Frank und Kerstin Wehner kaum fassen, dass in den Becken ihrer Zuchtanlage keine Fische mehr schwimmen. Fast der komplette Bestand ist durch eine Verunreinigung des Schwarzwassers vernichtet worden.
Noch immer können es Frank und Kerstin Wehner kaum fassen, dass in den Becken ihrer Zuchtanlage keine Fische mehr schwimmen. Fast der komplette Bestand ist durch eine Verunreinigung des Schwarzwassers vernichtet worden.

© Rocci Klein

Nedaschütz. Wie geht es jetzt weiter? Kerstin Wehner weiß es nicht. Weder im Kleinen, noch im Großen. Ein dramatisches und anstrengendes Wochenende liegt hinter ihr und ihrer Familie. Eine Verunreinigung des Schwarzwassers hat am Freitagabend innerhalb kürzester Zeit den gesamten Bestand der Forellenzucht vernichtet, die sie mit ihrem Mann Frank in Nedaschütz bei Göda betreibt. Ihren Aussagen nach sind Fische mit einem Gewicht von insgesamt 13 Tonnen verendet. „Da war alles dabei, von kleinen Brutfischen über Laichfische bis hin zu großen Speisefischen; vor allem Forellen, aber auch Saiblinge und andere“, sagt die 52-Jährige.

Forellen verendet

Woran die Fische starben, ist bisher nicht bekannt. Fest steht nur, dass irgendwo oberhalb der Zuchtanlage eine unbekannte Substanz ins Schwarzwasser eingeleitet wurde, die offensichtlich giftig war. Um was für einen Stoff es sich dabei gehandelt hat, wird derzeit noch untersucht. Wasserproben waren gleich am Freitagabend und dann noch mal am Montag genommen worden. „Mit den Ergebnissen ist erst Ende der Woche zu rechnen“, sagt der Leiter des Umweltamtes im Bautzener Landratsamt, Georg Richter, als er am Montagnachmittag bei Familie Wehner vor Ort ist. Warum es so lange dauert, begründet er so: „Der operative Aufwand für die Untersuchung von einer erst mal unbekannten Substanz ist auch in Zeiten moderner Technik sehr hoch. Das braucht seine Zeit.“

Kerstin Wehner zeigt Verständnis dafür. Sie ist froh über den Besuch des Landratsamtsvertreters, nachdem sie sich am Wochenende „von den Behörden allein gelassen“ fühlte. „Den ganzen Sonntag ist nichts passiert, wir haben keine Mitteilungen vom Amt bekommen, wie es weitergeht. Dabei brauchen wir ganz dringend Auskünfte“, ärgerte sie sich am Montagmorgen. Doch ihr bleibt nichts anderes übrig, als auf die Untersuchungsergebnisse zu warten. „Erst dann können wir zusammen mit dem Landratsamt entscheiden, wie es weitergeht, was mit dem Schlamm aus den Becken geschieht, wie die Anlage gereinigt werden muss. Und was mit den paar Stören passiert, die überlebt haben. Anfangs hieß es, sie müssten getötet werden, weil sie vermutlich vergiftet seien.“

Auch wenn diese kurzfristigen Entscheidungen getroffen werden, steht die langfristige noch aus: Wie geht es mit der Nedaschützer Forellenzucht insgesamt weiter? „Das ist im Moment ganz schwer zu sagen“, gibt Kerstin Wehner zu, die seit 22 Jahren Fische züchtet, seit 2001 in Nedaschütz. Verkauft werden die Forellen, Störe, Schleien und anderen Tiere an Gaststätten, aber auch an Teichwirtschaften und als Setzfische an Anglerverbände. Wie die Zukunft aussieht, wird im Wesentlichen davon abhängen, wie die Sache finanziell ausgeht. Auf Hilfe von einer Versicherung können die Züchter nicht hoffen. „Für solche Fälle gibt es keine Versicherung“, bedauert Kerstin Wehner. Wehners müssen abwarten, ob ein Verursacher für die Verunreinigung des Gewässers gefunden wird und sich dann mit ihm privatrechtlich auseinandersetzen. Eine Vermutung, wo das Unglück herkam, haben sie, sagen dazu aber nichts. „Wir werden sehen, was die Ermittlungen der Kriminalpolizei ergeben“, meint die 52-Jährige.

Wären die Fische an einer anerkannten Tierseuche gestorben, hätten die Halter Anspruch auf Versicherungsgeld. „Aber das ist hier nicht der Fall“, sagt die Nedaschützerin. Eine herbeigerufene Tierärztin hat am Freitagabend bestätigt, dass weder eine Krankheit noch die sommerlichen Temperaturen der Grund für den Tod der Tiere waren. Frank Wehner hatte an jenem Abend gerade die Fische im unteren Becken gefüttert und wollte den leeren Futtersack aufräumen. Da sah er, dass im oberen Becken verschmutztes Wasser ankam und die ersten Fische schon tot an der Oberfläche trieben. Die Weiteren starben innerhalb kurzer Zeit. „Wir konnten nichts dagegen machen, nur zusehen, wie unsere Existenz kaputt geht“, schildert Kerstin Wehner und ringt dabei um Fassung.

Seit Sonnabend ist ihr Betrieb geschlossen. Einnahmen gibt es nicht mehr. Dafür jede Menge zusätzliche Ausgaben. Zum Beispiel für die Entsorgung der Kadaver durch ein Spezialunternehmen. Stundenlang hatten Wehners am Sonnabend damit zu tun, die toten Fische aus den Becken zu schaufeln. „Das musste möglichst schnell gehen, denn die fingen schon nach Mitternacht an zu stinken“, berichtet Kerstin Wehner. Ganz überwältigt ist sie von der Hilfsbereitschaft, die die Familie erlebt hat. „Ein großes Dankeschön geht an alle Nachbarn, Freunde, Bekannten und die Einsatzkräfte von der Feuerwehr“, betont Kerstin Wehner. Viele haben mit angepackt, Technik bereitgestellt oder einfach was zu essen vorbeigebracht. Über all die aufmunternden Worte freuen sich Wehners ebenso wie über den Besuch von Gödas Bürgermeister Gerald Meyer (parteilos), der am Montagvormittag vor Ort war, um zu fragen, wie die Gemeinde der Familie helfen kann. „Was hier passiert ist, ist schließlich eine ganz gravierende Sache, die an die Existenz geht“, begründet er das Angebot.

Betroffen von dem Vorfall sind aber nicht nur die Wehners, sondern weitere Einwohner aus der Gegend. Bereits am Wochenende hatte das Landratsamt Anliegern des Schwarzwassers von Nedaschütz bis zum Zusammenfluss in die Schwarze Elster geraten, vorsorglich kein Wasser aus dem Bach zu nutzen, da eine Umwelt- und Gesundheitsgefährdung nicht ausgeschlossen werden könne. Die Gemeinde Göda hat den Hinweis auf ihre Internetseite gestellt. Er gilt weiterhin, und zwar so lange, bis klar ist, womit das Schwarzwasser verunreinigt wurde. Umweltamtsleiter Georg Richter beruhigt aber: „Da bisher keine weiteren toten Fische oder andere Anzeichen auf Vergiftungen vorliegen, gehen wir davon aus, dass der Schadstoffeintrag einmalig war und durch die entsprechende Verdünnung der Flüsse spätestens in der Schwarzen Elster keine Gesundheitsgefährdung mehr besteht.“ Seit 26 Jahren ist er schon im Umweltbereich tätig, aber so ein massenhaftes Fischsterben wie am Wochenende in Nedaschütz hat er noch nicht erlebt, gibt der Mitarbeiter des Landratsamtes zu. „Diese Dimension ist gewaltig und tragisch“, sagt Georg Richter.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Marco M.

    Hoffentlich findet man die Verantwortlichen. Eine Schande, was da passiert ist!

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