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Mittwoch, 13.06.2018

Wie Weltmeister wohnen

Watu… – was? Nahe Moskau beziehen die Deutschen ihr WM-Quartier. Ein „Campo Bahia“ wie 2014 ist es nicht.

Von Sven Geisler

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Der Eingangsbereich des Hotels „Watutinki“ vor den Toren Moskaus versprüht kaum Charme. Aber im Inneren bietet der Komplex beste Bedingungen.
Der Eingangsbereich des Hotels „Watutinki“ vor den Toren Moskaus versprüht kaum Charme. Aber im Inneren bietet der Komplex beste Bedingungen.

© Getty Images Sport/Getty Images

  • Der Eingangsbereich des Hotels „Watutinki“ vor den Toren Moskaus versprüht kaum Charme. Aber im Inneren bietet der Komplex beste Bedingungen.
    Der Eingangsbereich des Hotels „Watutinki“ vor den Toren Moskaus versprüht kaum Charme. Aber im Inneren bietet der Komplex beste Bedingungen.
  • Dieser Speisesaal erinnert an eine Bahnhofskantine. Ob die Spieler hier tatsächlich essen, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall haben sie einen Sternekoch dabei.
    Dieser Speisesaal erinnert an eine Bahnhofskantine. Ob die Spieler hier tatsächlich essen, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall haben sie einen Sternekoch dabei.
  • Vom Schwimmbad schwärmen ehemalige Hotelgäste, für die deutsche Mannschaft wurde außerdem extra ein Fitnessraum wunschgemäß eingerichtet.
    Vom Schwimmbad schwärmen ehemalige Hotelgäste, für die deutsche Mannschaft wurde außerdem extra ein Fitnessraum wunschgemäß eingerichtet.
  • Sicher gelandet. Seine Tasche lässig geschultert steigt Joachim Löw am Dienstagnachmittag vor seinem Assistenten Thomas Schneider aus dem Sonderflieger.
    Sicher gelandet. Seine Tasche lässig geschultert steigt Joachim Löw am Dienstagnachmittag vor seinem Assistenten Thomas Schneider aus dem Sonderflieger.

Daraus wird leider nichts. Dabei ist es eine typisch russische Einladung. „Ich würde gern mal mit den Deutschen einen trinken“, sagt Wjatscheslaw Sikorski – und fügt enttäuscht hinzu: „Aber keiner lässt mich.“ Wie dem leidlich Fußballinteressierten, der fürs Morgenmagazin von ARD und ZDF erzählte, geht es auch den anderen der gut 10 000 Einwohner in Watutinki. In dem Vorort von Moskau reihen sich zwölf- bis siebzehnstöckige Plattenbauten aneinander, außerdem gibt es zwei Kirchen, zwei Cafés, eine Minibar – und Ruhe.

Hier hat am Dienstagnachmittag der Titelverteidiger sein Quartier bezogen für die Weltmeisterschaft in Russland – hinter einem bis zu viereinhalb Meter hohen Metallzaun. Der Hotelkomplex liegt abgeschieden in einem Tannen-, Birken- und Kastanienwald, seit Tagen wird er von Sicherheitskräften bewacht, sogar das Fotografieren ist verboten. Lohnende Motive gibt es sowieso kaum, jedenfalls nicht von außen. Bilder im Internet zeigen blank polierten Marmor in der Lobby und dunkle Holzmöbel auf den Zimmern, ehemalige Gäste schwärmen vom Schwimmbad.

Sotschi wäre Löw lieber gewesen

Die Entscheidung für den abgelegenen Spa-Komplex ist Joachim Löw nicht leicht gefallen. Der Bundestrainer hätte lieber wieder im Ferienort Sotschi am Schwarzen Meer mit dem Blick auf die Bergketten des Kaukasus das Basislager aufgeschlagen, dort, wo die Mannschaft im vorigen Sommer während des Confed Cups gewohnt hat: direkt an der Strandpromenade. Das hatte schon eher etwas vom Campo Bahia, dem inzwischen fast mythisch verklärten Camp am Atlantikstrand von Santo André in der brasilianischen Provinz.

Der Ferienkomplex war zur WM 2014 nach den Wünschen der deutschen Delegation gebaut worden, jeweils vier Spieler wohnten in einer Hütte mit Blick auf den Strand. Von WG-Atmosphäre konnte zwar trotzdem keine Rede sein, weil jeder sein eigenes Zimmer mit Bad hatte und sich die Stars natürlich weder um den Einkauf noch um den Müll kümmern mussten. Löw war begeistert: „Dieser Wohlfühlfaktor zwischen den emotionalen Spielen, der Anspannung und dem Druck tut gut“, sagte er – damals. Jetzt hört sich das ein wenig anders an: „Jammern gilt nicht.“

Die Mannschaft sei schließlich nicht zum Urlaub in Russland, ergänzt Oliver Bierhoff, sondern um das Turnier zu gewinnen. Tatsächlich sind es rein pragmatische Gründe, die für Watutinki sprechen. „Wir haben das Turnier selbstbewusst von hinten gelesen“, wird Bierhoff in einem Beitrag auf dfb.de zitiert. Was der Manager meint, ist die Nähe zu Moskau, das Luschniki-Stadion liegt nur 33 Kilometer entfernt. Dort trifft die deutsche Elf in ihrem ersten Gruppenspiel am Sonntag, 17 Uhr, auf Mexiko. Der Blick geht jedoch schon weiter. „Wenn wir die Gruppe als Erster abschließen, könnten wir Halbfinale und Finale im Luschniki bestreiten“, sagt Bierhoff.

Anders als in Brasilien müsste der Tross vor den entscheidenden Spielen nicht umziehen. Gepäck hatten sie reichlich mit an Bord des Airbus A 321, mit dem die Mannschaft am Dienstag leicht verspätet um 13.29 Uhr im Regen von Frankfurt am Main gestartet und kurz nach 17 Uhr Ortszeit – Moskau ist eine Stunde voraus – auf dem Flughafen Wnukowo gelandet ist. Einige Zahlen aus der Ladungsliste: 160 Paar Schuhe, 60 Fußbälle und 26 Sätze Trikots. Insgesamt waren es zwölf Tonnen Gepäck.

Toni Kroos hatte am Abend zuvor in der ProSieben-Sendung „Late Night Berlin“ zugegeben, nicht allzu viele private Sachen einpacken zu müssen außer einer Dreierpackung Zahnbürsten und der Biografie von Sänger Robbie Williams: „Die werde ich beenden, hab’ ich schon angefangen.“ Die Spieler müssten sich um viele Dinge nicht selbst kümmern, meinte der Champions-League-Sieger von Real Madrid. „Grundsätzlich ist es ja so, dass uns der Arsch schon ein bisschen hinterhergetragen wird. Sprich: So viel muss ich gar nicht mitnehmen. Das meiste ist schon da.“

Nur eines, sagt Georg Behlau, stehe nicht in der Macht des weltweit mitgliederstärksten Sportverbandes. „Wir können nicht das Meer von Sotschi nach Moskau bringen, aber wir werden alles daran setzen, dass sich unsere Spieler wohlfühlen.“ Der 49 Jahre alte Sportmanager ist seit 2004 für die Organisation um das Team verantwortlich und eine von 40 Personen inklusive Trainerstab, die sich um das Wohlergehen und die Leistungsfähigkeit der 23 Spieler kümmern. Sternekoch Anton Schmaus aus Regensburg und Felix Markwardt, Koch im Kölner Hyatt, versorgen sie kulinarisch, je vier Ärzte und Physiotherapeuten medizinisch.

Siegespark die Sehenswürdigkeit

Die 72 Zimmer im Hotel Watutinki sind bis 18. Juli geblockt und danach wieder für 122 Euro pro Nacht zu buchen. „Wir haben optimale Bedingungen“, betont Bierhoff. Zum Trainingsgelände von ZSKA Moskau sind es nur fünf Minuten mit dem Bus. Die erste Einheit absolviert die Mannschaft am Mittwochvormittag öffentlich, ansonsten wird das Gelände streng bewacht. Es gehört dem Verteidigungsministerium.

Die Politik spielt in der früheren Garnisonsstadt eine große Rolle. Zu Zeiten der Sowjetunion war hier das Zentrum für Funk- und Satellitenkommunikation ansässig, heute ist es der Militärnachrichtendienst GRU. Die einzige Sehenswürdigkeit ist der Siegespark („Ruhm den Kriegssiegern 1941-45!“) mit Flaniermeile. Dort findet sich der Spruch: „Als Held wird man nicht geboren, zum Helden wird man!“

Ob dieses Motto hilft, einen „Geist von Watutinki“ zu entfachen? Der Name soll übrigens auf Katharina die Große zurückgehen, die, ermattet von einer langen Reise, eine Rast „hier im Schatten“ („Wot tut w tjenke“) befahl. Die Sonne, das sollte Löw an dieser Geschichte interessieren, brannte gnadenlos. Diesen Wunsch hat der Bundestrainer doch für den im besten Fall fünfwöchigen Aufenthalt: „Wir hoffen, dass es nicht die ganze Zeit regnet.“ (mit sid, dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. nettosteuerzahler

    Ja die Sicherheit bei dieser WM absolute Priorität! Auf Grund der angespannten Globalen Situation rechnen die Russen fest mit Provokation und Angriffen gegen Einrichtungen Teilnehmern und Gästen.

  2. Peter

    Fußballteams müssen doch nicht immer in 5-Sterne-Super-Luxushotels mit Spa und Traumstand wohnen. Ein bisschen mehr Bescheidenheit würde so manchem überbezahlten Fußballprofi mal ganz gut tun. Es ist ja nicht so, als ob es in dem russischen Hotel keinen Strom und kein warmes Wasser gäbe. Außerdem sind die deutschen Fußballer wie auch die deutschen Fans in Russland sehr freundlich empfangen worden. Russland ist für seine gute Gastfreundschaft bekannt (da wird man als Tourist schon mal von fremden Einheimischen eingeladen) und dass Essen dort ist auch gut. Außerdem gibt es zahlreiche Sehenswürdigkeiten.

  3. Leser

    Hauptsache es hat bei der Berichterstattung nicht wieder nur Gemecker und Hetze das Wort.

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