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Donnerstag, 08.11.2018

Wie Weißwasser noch zu seinem Weihnachtsbaum kommt

Ohne einen genehmigten Haushalt sind der Stadt die Hände gebunden. Dank engagierter Bürger und Sponsoren ist der weihnachtliche Schmuck gerettet.

OB Torsten Pötzsch freut sich über das Engagement der Bürger, sieht die Stadt 2019 aber nicht außen vor.
OB Torsten Pötzsch freut sich über das Engagement der Bürger, sieht die Stadt 2019 aber nicht außen vor.

© Constanze Knappe

Ronny Förster, ein Ex-Hoyerswerdaer, der jetzt in Weißwasser lebt, wollte seiner ehemaligen Heimatstadt einen Weihnachtsbaum spendieren. Die viel zu groß gewordene Douglasie im Garten der Familie würde sich aber auch an einem öffentlichen Platz in Weißwasser gut machen, befand er. Doch hier wie da hatte Ronny Förster mit seinem Ansinnen kein Glück. Von der Stadt Hoyerswerda hieß es, dass die Kosten für den Transport zu hoch sind und Aufwand und Nutzen in keinem Verhältnis stünden. Selbiges erklärte auch Weißwassers Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) in der jüngsten Sitzung des Stadtrats. Doch in der Glasstadt liegt das Problem noch viel tiefer. Während Hoyerswerda inzwischen seinen Baum hat, sollte es 2018 in Weißwasser nämlich an keinem der drei sonst üblichen Standorte einen Weihnachtsbaum geben. Zumindest keinen städtischen. TAGEBLATT hakt nach.

Herr Pötzsch, hat Weißwasser 2018 zum ersten Mal keinen Weihnachtsbaum?

Das konnten wir in der Kürze der Zeit nicht recherchieren. Ich bin sicher, dass in den letzten Jahren immer an einer Stelle in der Stadt ein öffentlicher Weihnachtsbaum gestanden hat.

An einem Baum kann es doch aber auch diesmal nicht gemangelt haben?

Nein. Bäume bekommen wir jedes Jahr ganz viele von den Einwohnern aus Weißwasser und dem Umland angeboten, die wir als Weihnachtsbaum nutzen können. Jeder möchte kostenlos seinen zu groß gewordenen Baum von seinem Grundstück auf diese Weise „entsorgt“ bekommen.

Warum hat sich die Stadt bei so vielen Angeboten dann dagegen entschieden?

Sie hat sich nicht dagegen entschieden. Sie konnte nur so handeln, weil sie derzeit keinen genehmigten Haushalt hat und somit nur Pflichtausgaben gemäß Gesetz tätigen darf. Dazu zählt die Aufstellung eines oder mehrerer Weihnachtsbäume nicht.

Könnte man das Projekt Weihnachtsbaum nicht mit bürgerlichem Engagement umsetzen? Es könnten doch auch Spenden gesammelt werden?

Der Prozess läuft bereits. Die Kosten eines Baums für Fällung, Transport, Aufstellung, Anbringen und Abnehmen der Lichterkette, für die dafür erforderliche Technik, aber auch Kosten für Personal, für den Rückbau des Baumes und die Stromkosten werden von mehreren Privatleuten und Firmen übernommen. Die internen Kosten für Genehmigungen, für die Sperrungen bei der Fällung, beim Aufstellen und dem Rückbau, für das Aus- und das Abschmücken, für die Bereitstellung der Technik und der Lichterketten sowie für den Abbau dieser Dinge wird die Stadt tragen, denn dafür fließt kein Geld.

An einer Stelle in der Stadt, wo in den vergangenen Jahren einer der Weihnachtsbäume stand, möchte die evangelische Kirche einen Weihnachtskranz aufstellen. Wie ich erfahren habe, wird für diese Stelle ein Baum gesponsert und die Stadtwerke Weißwasser werden den Strom bezahlen.

Müssen Einwohner der Stadt denn damit rechnen, dass es zukünftig gar keinen Weihnachtsbaum mehr gibt?

Nein. Ein Weihnachtsbaum ist kein Problem, wenn ein Haushalt da ist. Obwohl das Engagement der Bürger in dieser Sache immer gut ist, wie sich jetzt zeigt. Weihnachten ist auch ein Fest des Zusammenhaltens und des Miteinanders. In diesem Jahr wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Baum auf dem Marktplatz geben und einen beim weihnachtlichen Wochenende auf dem Gelände der Telux. Vielleicht noch einen weiteren Baum und zusätzlich noch den Adventskranz. Wir sind mit dem Thema zeitig an die Öffentlichkeit gegangen, um auch offen zu kommunizieren, warum der Stadt gerade beim weihnachtlichen Schmuck die Hände gebunden sind.

Warum wurde der bisherige Standort des Weihnachtsmarktes verlegt?

Dazu gab es vor mehreren Wochen eine öffentliche Diskussion, wo alle bisherigen Standorte näher betrachtet wurden. Der Weihnachtsmarkt wechselte seit Anfang der 2000er-Jahre alle vier bis sechs Jahre seinen Standort. Zu den Faktoren für diese Entscheidung gehören Kosten, Sicherheit, Erfahrungen, Parkmöglichkeiten, Lage, Infrastruktur, Rahmenbedingungen für Kinder, Medienanschlüsse und mehr. Die Wahl fiel deshalb nun auf das Telux-Gelände.

Das scheint aber offenbar nicht allen in der Stadt zu gefallen?

Die Themen Weihnachtsbaum und Weihnachtsmarkt werden von einigen Leuten bewusst aufgegriffen, um gegen die Verwaltung, inklusive den Oberbürgermeister, zu agieren. Die gleichen Akteure, also der Stadtverein Weißwasser und der Verein Mobile Jugendarbeit und Soziokultur, die seit vielen Jahren den Weihnachtsmarkt für die Stadt organisieren, tun das auch in diesem Jahr. Sie tragen auch alle Risiken bis hin zum finanziellen Risiko.

Das Gelände der Telux nimmt seit einem Jahr einen immer größeren Stellenwert im kulturellen Leben der Stadt und in der Vernetzung von Akteuren ein. Es bietet Gruppen eine Heimstätte, die ihre alten Treffpunkte verloren haben. Es ist eine Vielzahl von Dingen auf dem geschichtsträchtigen Gelände geplant. Leider wird von einigen Mitmenschen sehr konsequent gegen diese Entwicklung gearbeitet, um ein schlechtes Bild in der Bevölkerung zu zeichnen. Ich kann nur sagen, das Soziokulturelle Zentrum ist ein positives Beispiel für Entwicklungen in Weißwasser, die von unten heraus entstehen. Kreativität, Leidenschaft und Motivation sind die Motoren dabei.

Mit OB Torsten Pötzsch sprach Silke Richter