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Dienstag, 09.08.2016

Wie gefährlich ist Stehpaddeln auf der Elbe?

Nach dem tödlichen Unfall an der Gierseilfähre in Kurort Rathen werden Warnschilder gefordert. Das ist umstritten.

Von Gunnar Klehm und Jörg Stock

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Jan Diestel ist ein Könner seines Fachs. Regelmäßig trainiert er Stand-up-Paddling auf der Elbe. Nun macht er sich Sorgen um den Ruf dieses neuen Trendsports.
Jan Diestel ist ein Könner seines Fachs. Regelmäßig trainiert er Stand-up-Paddling auf der Elbe. Nun macht er sich Sorgen um den Ruf dieses neuen Trendsports.

© Norbert Millauer

  • Jan Diestel ist ein Könner seines Fachs. Regelmäßig trainiert er Stand-up-Paddling auf der Elbe. Nun macht er sich Sorgen um den Ruf dieses neuen Trendsports.
    Jan Diestel ist ein Könner seines Fachs. Regelmäßig trainiert er Stand-up-Paddling auf der Elbe. Nun macht er sich Sorgen um den Ruf dieses neuen Trendsports.
  • Die Fähre Bergland in Kurort Rathen hängt an einem Seil, das mit gelben Tonnen markiert ist. Zum Überqueren des Flusses wird die Strömung ausgenutzt.
    Die Fähre Bergland in Kurort Rathen hängt an einem Seil, das mit gelben Tonnen markiert ist. Zum Überqueren des Flusses wird die Strömung ausgenutzt.
  • Dieses Schifffahrtszeichen macht auf die Gierseilfähre aufmerksam. Befindet sich die Fähre auf der linken Elbseite, spannt ihr Halteseil quer über den Fluss, er ist gesperrt.Sicherheitshinweise ernst nehmen
    Dieses Schifffahrtszeichen macht auf die Gierseilfähre aufmerksam. Befindet sich die Fähre auf der linken Elbseite, spannt ihr Halteseil quer über den Fluss, er ist gesperrt.Sicherheitshinweise ernst nehmen

Sächsische Schweiz. Jan Diestel ist traurig. Und er ist auch ein bisschen sauer. Der 50-jährige Pirnaer, der von sich sagt, das Stand-up-Paddling ins Dresdner Elbtal geholt zu haben, fürchtet, dass der tragische Unfall an der Rathener Gierseilfähre den neuen Trendsport in ein schlechtes Licht rückt. Er ist überzeugt: Wenn man die Regeln beachtet, kann beim Stehpaddeln nichts schief gehen.

Am frühen Sonntagnachmittag war ein 50-jähriger Dresdner mit seinem Paddelboard, vermutlich nach Kollision mit dem Halteseil der Fähre, gekentert. Dabei verfing sich die Leine, die ihn mit seinem
Board verband, an einer Boje des Fährseils. Die Strömung drückte den Mann minutenlang unter Wasser. Zwar konnten Zeugen des Unglücks ihn befreien. Er verstarb jedoch später im Krankenhaus.

Diestel, Inhaber des Boardsport-Ladens „Wild East“ in Dresden und ehemaliger Profi-Surfer, fährt seit etwa acht Jahren auf Paddelboards. Mehrmals in der Woche trainiert er auf der Elbe. Dabei sieht er immer wieder, wie Boote trotz des Verbots das Seil der Rathener Fähre kreuzen. Das lautlose Wasserfahrzeug sei ungewöhnlich und viele Leute könnten mit der gelben Bojenkette, die das Halteseil markiert, nichts anfangen. „Die wissen einfach nicht, was das ist.“

Für den Board-Profi ist es offenkundig, dass die Fähre für fremde Wassersportler eine Gefahr darstellt. Da man kein Geländer um sie herum bauen könne, sagt er, müssten Warnschilder her, die auch für Schifffahrtslaien verständlich seien. Es reiche nicht, sagt Diestel, wenn die Wasserschutzpolizei jenseits der Fährstelle auf der Lauer liege und Strafzettel verteilte.

Für die Beschilderung entlang der Elbe ist das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt zuständig. Die Gierseilfähre in Kurort Rathen wird in beiden Fahrtrichtungen mit dem offiziellen Hinweiszeichen „Nicht frei fahrende Fähre“ angekündigt. Wer auf der Elbe fährt, sollte sich damit vertraut machen, sagt der Leiter des Amtes in Dresden, Klaus Kautz. „Alles andere ist grobe Selbstüberschätzung“, sagt er. Extra Warnschilder für Laien seien nicht vorgesehen.

Nichtamtliche Schilder will auch die Gemeinde nicht aufstellen. Die Gierseilfähre sei nicht gefährlicher als jede Boje oder jeder Anleger, den es entlang der Elbe gibt, sagt Rathens Bürgermeister Thomas Richter (parteilos). „So tragisch der Fall auch ist: Ein zusätzliches Schild hätte das sicher nicht verhindert“, sagt er. In seiner 16-jährigen Amtszeit ist das der erste tödliche Unfall an der Gierseilfähre. Ein ähnlicher Fall sei ihm nicht bekannt.

Keine Statistik für Bootsunfälle

Wie man sich beim Vorbeifahren an der Gierseilfähre zu verhalten hat, ist auch Bestandteil jeder Belehrung der Ausleihstationen von Paddel- oder Schlauchbooten entlang der Elbe. Inwieweit sich der Verunglückte an der Stelle auskannte, ist unklar. Zu den laufenden Ermittlungen gab die Polizei keine Auskunft. „Bootsvermieter werden aber regelmäßig darauf kontrolliert, dass es ordentliche Belehrungen gibt“, sagt Stefan Walther, Pressesprecher der zuständigen Bereitschaftspolizei. Gierseilfähren sind an der Elbe auch gar nicht so selten. In Sachsen gibt es noch eine bei Belgern. Weitere sechs solcher Fähren sind in Sachsen-Anhalt allein bis zur Saale-Mündung auf der Elbe im Einsatz. So weit reicht die Zuständigkeit des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Dresden.

Dass solche Fähren einen Unfallschwerpunkt darstellen, ist durch nichts belegbar. Weder im Schifffahrtsamt noch bei der Wasserschutzpolizei wird eine Unfallstatistik für Flüsse geführt. Das ist bei Straßen anders. Auf Unfallschwerpunkte wird oft sogar mit Schildern hingewiesen. „Dort gibt es ein ganz anderes Verkehrsaufkommen. Das ist mit Wasserstraßen nicht vergleichbar“, sagt Polizeisprecher Walther. Selbst wenn eine Statistik geführt werden würde, die Zahl der Unfälle auf der Elbe sei so gering, dass sie sich empirisch nicht verwerten lasse. Den letzten tödlichen Unfall eines Wassersportlers gab es nach SZ-Recherchen auf der Oberelbe im Juli 2006. Damals konnte eine 19-jährige Kajakfahrerin, die gekentert war, nur noch tot geborgen werden. Von der Strömung war sie unter den Rumpf eines in Bad Schandau ankernden Hotelschiffs gedrückt worden.

Leine wurde zum Verhängnis

Bei dem Unfall am Sonntag war dem Paddler zum Verhängnis geworden, dass er mit einer Leine, der sogenannten Leash, förmlich an sein Brett gefesselt war. Laut Jan Diestel ist die Verwendung dieses Seils, das das Sportgerät vor Verlust schützen soll, in der Szene nicht unumstritten. So verzichteten einige aus Sicherheitsgründen auf den Einsatz, etwa beim Befahren von Wildwasser. Diestel benutzt die Leash nur bei widrigem Wetter, etwa bei starkem Wind, wenn er Gefahr läuft, sein Brett schwimmend nicht mehr einzuholen. Die Leine wird mit einem Klettverschluss am Bein festgemacht, der sich mittels einer leicht zu greifenden Schlaufe schnell öffnen lässt. Ob das in einer starken Strömung wie auf der Elbe gelinge, sei wohl auch eine Sache der Erfahrung, denkt Diestel.