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Donnerstag, 01.03.2018

Wie eine Orgel aus Bautzen nach China kam

Die Königin der Instrumente lockt viele Gäste in die Oberlausitz – und die Herstellerfirma Eule bis zur Terrakotta-Armee.

Von Tilo Berger

Hermann Eule Orgelbau GmbH

Die Eule-Orgel im Konzertsaal der Musikhochschule in Xian nimmt fast eine ganze Wand ein. Per Lkw, Schiff und Bahn wurden die Teile nach China gebracht.
Die Eule-Orgel im Konzertsaal der Musikhochschule in Xian nimmt fast eine ganze Wand ein. Per Lkw, Schiff und Bahn wurden die Teile nach China gebracht.

© PR

Bautzen. Manchmal erweist sich Kollege Zufall als sehr musikalisch. Die Bautzener Orgelbaufirma Eule hatte ein Instrument nach Lübeck geliefert. Dort hörte zufällig ein Professor aus China die Eule-Orgel. Und dachte fasziniert sofort an seinen Vater, der an der Musikhochschule in Xian arbeitete – in der Stadt der berühmten Terrakotta-Armee. Der Professor stellte den Kontakt zwischen den Bautzener Orgelbauern und der Hochschule in Xian her.

Dann kamen die Chinesen nach Bautzen, nicht nur einmal. Sie besichtigten die Orgelbaufirma, die Stadt, die Oberlausitz und wollten auch Eule-Orgeln in Aktion sehen und hören. Geschäftsführerin Anne-Christin Eule fuhr mit ihren Gästen unter anderem nach Prag und Salzburg. „Solche Rundreisen mit potenziellen Kunden sind absolut üblich“, berichtet die 42-Jährige. „Wir haben gute Erfahrungen damit, wenn sich jemand extra auf den Weg zu uns gemacht hat.“ Sie war schon mit Norwegern, Österreichern, Dänen, Tschechen und anderen unterwegs. Mittlerweile könnte sie wahrscheinlich auch als Reiseführerin arbeiten. Und auch wenn es am Ende immer um einen möglichen Vertragsabschluss geht, ist so eine Rundreise immer zugleich auch eine Werbetour für die Oberlausitz.

Dabei lernte Anne-Christin Eule schon die unterschiedlichsten Mentalitäten ihrer Gesprächspartner kennen. „Deutsche sagen klar Ja oder Nein. Bei Chinesen muss man auf die Gestik achten und die Reaktionen deuten.“ Das überaus freundliche Interesse ihrer Gäste aus dem Reich der Mitte deutete Anne-Christin Eule seinerzeit richtig. Im November 2014 setzten beide ihre Unterschriften unter den Vertrag. Zwei Jahre später waren im Konzertsaal der Musikhochschule Xian alle 4 083 Pfeifen aufgebaut und gestimmt.

Die ganze Belegschaft eingeladen.

Es geht nicht immer so schnell. Zwischen dem ersten Gedanken an eine neue oder auch zu restaurierende Orgel und dem fertigen Instrument können schon mal zehn Jahre oder mehr vergehen. Erstes Konzept, dessen Feinjustierung, Klarheit über die Finanzierung, dann die eigentliche Arbeit am Instrument, der Aufbau, bis jede Nuance zu 100 Prozent stimmt – da ist ein Jahr weiter gar nichts. Zurzeit restaurieren die Bautzener eine Orgel in Mainz. Die ersten Kontakte dazu gab es schon im Jahre 2003. Wo immer eine Eule-Orgel aufgebaut und geweiht wird, sind Fachleute aus Bautzen vor Ort. Und bleiben auch noch etwas, falls sich Kinderkrankheiten einstellen. „Das ist ganz normal“, erklärt Anne-Christin Eule, die 2006 die Geschäftsführung des Unternehmens von ihrer Großmutter Ingeborg übernommen hat.

Hermann Eule Orgelbau GmbH

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1929 übernahm Hermann Eules Tochter Johanna (1877 bis 1970) die Firma. Vier Jahre später restaurierte das Unternehmen zum ersten Mal eine Orgel – die Gottfried-Silbermann-Orgel in Crostau bei Schirgiswalde.

1957 führte Hans Eule (1923 bis 1971) die Geschäfte weiter. In seinen Amtsjahren baute die Bautzener Firma unter anderem 29 neue Orgeln für die Bundesrepublik.

1971 übernahm Hans Eules Ehefrau Ingeborg (1925 bis 2017) die Firma und amtierte auch während der Zeit der Verstaatlichung ab 1972 als Betriebsleiterin

2005 übergab Ingeborg Eule die Firma an ihre Enkelin Anne-Christin, die sie seit 2013 gemeinsam mit ihrem Mann Dirk führt.

Manchmal laden die Käufer einer Orgel gleich die ganze Eule-Belegschaft ein. Nach Trier fuhren alle 48 Mitarbeiter mit ihren Partnern. Zum ersten Orgelkonzert im umgebauten Dresdner Kulturpalast reichte das Kartenkontingent zwar für die gesamte Belegschaft, nicht aber für deren Partner. Und manchmal, wie in Xian, ist eine eher kleine Delegation dabei.

Etwa 40 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet die Hermann Eule Orgelbau GmbH mittlerweile im Ausland. Gerade erst bekam Anne-Christin Eule eine Anfrage aus der finnischen Hauptstadt Helsinki ins Haus.

Den Aufstieg in die erste Liga der internationalen Orgelbauer verdanken die Bautzener aber wiederum einem Instrument im Inland. Für die Basilika in Trier war eine große, zugleich aber unscheinbare Orgel zu bauen. „In dem leeren Raum sollte die Orgel eigentlich nicht zu sehen sein, das war der große Anspruch“, berichtet die Chefin. Daraufhin bauten die Bautzener ein Instrument in drei Teilen, jedes so breit wie die Fenster der Basilika. Jetzt wirkt die Orgel unter den Fenstern so, als wäre sie ein Teil davon. „Damit haben wir 2014 den internationalen Durchbruch geschafft“, freut sich Anne-Christin Eule. „Wir gehören jetzt zu den Firmen, die weltweit angefragt werden.“ Kein Instrument gleiche dabei dem anderen, erklärt sie. Wie jeder Mensch, so habe auch jede Orgel ihre inneren Organe wie Herz und Lunge. Aber die Seele und die Sprache, die seien ganz verschieden – „von Mensch zu Mensch, von Orgel zu Orgel“.

Langsam geht das Unternehmen auf den 150. Geburtstag zu und bleibt dennoch jung. Dafür sorgt regelmäßig Nachwuchs, der neu in die Firma kommt. Probleme, Stellen zu besetzen, kennt Anne-Christin Eule nicht. Und auch für die beiden Lehrstellen dieses Jahres gibt es vier Bewerbungen. Orgeln bauen kann nicht jeder. Musikalische Fähigkeiten müssten Mitarbeiter ebenso mitbringen wie räumliches Sehen und mathematische Kenntnisse. „Wir müssen uns immer wieder in etwas hineindenken, das es noch gar nicht gibt“, sagt die 42-jährige Chefin. „Jede Orgelbaufirma hat dabei ihre eigene Handschrift. Diese gilt es zu bewahren.“