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Sonntag, 12.08.2018

Wetter der Extreme

Christian Bernhofer von der Professur für Meteorologie der TU Dresden, die ihren Sitz in Tharandt hat, beobachtet seit Jahrzehnten, wie das Wetter spielt. Der SZ erklärt er, weshalb eine Klimaerwärmung nicht mehr zu leugnen ist

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Christian Bernhofer (63), Professor für Meteorologie der TU Dresden ist in Wien aufgewachsen und wohnt seit 1995 in Tharandt. Dort ist eine von mehreren Klimastationen, mit der Temperatur, Niederschlag, Windgeschwindigkeiten und viele andere Werte ermittelt werden, die zu Forschungszwecken dienen.
Christian Bernhofer (63), Professor für Meteorologie der TU Dresden ist in Wien aufgewachsen und wohnt seit 1995 in Tharandt. Dort ist eine von mehreren Klimastationen, mit der Temperatur, Niederschlag, Windgeschwindigkeiten und viele andere Werte ermittelt werden, die zu Forschungszwecken dienen.

© Karl-Ludwig Oberthür

  • Christian Bernhofer (63), Professor für Meteorologie der TU Dresden ist in Wien aufgewachsen und wohnt seit 1995 in Tharandt. Dort ist eine von mehreren Klimastationen, mit der Temperatur, Niederschlag, Windgeschwindigkeiten und viele andere Werte ermittelt werden, die zu Forschungszwecken dienen.
    Christian Bernhofer (63), Professor für Meteorologie der TU Dresden ist in Wien aufgewachsen und wohnt seit 1995 in Tharandt. Dort ist eine von mehreren Klimastationen, mit der Temperatur, Niederschlag, Windgeschwindigkeiten und viele andere Werte ermittelt werden, die zu Forschungszwecken dienen.

Tharandt. Heftige Orkanböen im Winter, Hitze und Dürre im Sommer: Ist das noch normal? Christian Bernhofer von der Professur für Meteorologie der TU Dresden, die ihren Sitz in Tharandt hat, beobachtet seit Jahrzehnten, wie das Wetter spielt. Der SZ erklärt er, weshalb eine Klimaerwärmung nicht mehr zu leugnen ist und warum sich nicht nur in Städten immer öfter tropische Nächte einstellen.

Bernhofers Thesen

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Die Temperatur steigt im Mittel weiter an.
Im Mittel beträgt die Temperatur für den zurückliegenden Monat Juli 19,6 Grad Celsius. Im Juni davor lag die Durchschnittstemperatur bei 17,6 Grad. Beide Monate waren um mehr als zwei Grad wärmer als die durchschnittlichen Monatstemperaturen vergangener Jahrzehnte, so die Aufzeichnungen der Klimastation an der Pienner Straße in Tharandt. Auch wenn es nach diesem besonders warmen Sommer in den nächsten Jahren wieder kühlere Sommermonate geben wird, ist dennoch ein Temperaturanstieg zu erkennen, wie Christian Bernhofer erklärt. Der 63-Jährige hat seit 2010 die Professur für Meteorologie der TU Dresden mit Sitz in Tharandt inne. Die Jahresmitteltemperatur, ist in den vergangenen Jahrzehnten angestiegen. An der Klimastation in Tharandt wurde 1960 eine mittlere Jahrestemperatur von knapp 8 Grad Celsius gemessen. 2017 betrug die Jahresmitteltemperatur bereits fast 9,2 Grad.

Die Tropischen Nächte nehmen zu.
Von einer tropischen Nacht ist die Rede, wenn die Temperatur auch nachts nicht unter 20 Grad Celsius fällt. In Tharandt komme das aufgrund der ländlichen und etwas höheren Lage zwar seltener vor als beispielsweise in Freital oder Dresden. Selbst im Juli lagen die Temperatur immer noch unter der 20-Grad-Marke. Anders beispielsweise in Dresden-Klotzsche. Die Messstation des Deutschen Wetterdienstes registrierte dort allein für den Monat Juli zwei tropische Nächte. Die Spitze wurde am 31. Juli erreicht mit 23,2 Grad Celsius. An dieser Station ist das die drittwärmste Nacht seit 1917. Zur Einordnung: Inklusive der beiden jüngsten Juli-Tage gab es seit dem Jahr 1917 in Klotzsche gerade einmal 83 Tropennächte, also im Schnitt weniger als eine pro Jahr. „Tropische Nächte werden sich in Zukunft häufen“, sagt der Tharandter Christian Bernhofer, auch abseits der Städte.

Die Jahreszeiten gehen nicht nur gefühlt schneller ineinander über.
Die subjektive Wahrnehmung, dass die Übergangsjahreszeiten, also Frühling und Herbst, immer kürzer in Erscheinung treten und der Wechsel von Winter- und Sommermonaten schneller vonstattengeht, hat seine Gründe. „Die Vegetation beginnt etwa drei Wochen früher als noch vor einigen Jahrzehnten“, sagt Bernhofer, nämlich bereits Ende März. „Das, was empfunden wird, entspricht auch den Dingen, die passieren.“ Während die Frühjahre relativ mild und zunehmend trocken verlaufen, sei der Goldene Oktober eher zum Goldenen November avanciert. Denn die warmen Sommer gehen zunehmend in die Verlängerung. „Die beiden Übergangsjahreszeiten haben sich in den Winter hineingefressen“, bestätigt Christian Bernhofer. Die Jahresbilanz fällt damit immer wärmer aus.

Im Winter fällt weniger Schnee.
Auch die frostigen Winter nehmen im Trend eher ab. Das heißt, die Tage, an denen im Herbst erstmals Frost ist, treten aufgrund der längeren Sommer zunehmend später in Erscheinung. Und die frostigen Tage ziehen sich auch immer mehr aus dem Frühjahr zurück, so die Messungen, die aus der Tharandter Klimastation gewonnen wurden. Der Dezember 2015 war der wärmste Dezember, der jemals in Tharandt gemessen wurde. Dennoch würden frostige Winter nicht so stark abnehmen, wie vielleicht vermutet. „Das liegt daran, dass Frost vor allem in den Nächten auftritt und diese sind trotz Klimawandel nicht kürzer“, sagt Christian Bernhofer. Auch von schneereichen Wintern müssen wir uns aufgrund tendenziell steigender Temperaturen zwar nicht gleich ganz verabschieden. Diese werden aber eher seltener. „Die Wahrscheinlichkeit für Schneefälle hat abgenommen. Unmöglich sind diese aber nicht“, sagt er.

Die Frühjahre werden tendenziell immer trockener.
Ob die Niederschläge in Zukunft zu- oder abnehmen, lasse sich pauschal nicht beurteilen, sagt Christian Bernhofer. Regenereignisse würden generell starken Schwankungen unterliegen. Einen Trend kann der Experte aber feststellen: „In den Sommermonaten haben die Niederschläge seit den 60er-Jahren zugenommen“, sagt er. Auch wenn es oftmals anders empfunden wird, seien die Monate Juli und August eigentlich eine eher regenreiche Zeit, weniger die Wintermonate. Dieser trockene Sommer ist ein Extrem. Dagegen werden die Frühjahre tendenziell trockener. Außerdem sei festzustellen, dass sich die Menge des Niederschlags im Trend anders verteilt. „Es gibt immer weniger Regentage, dafür aber umso stärkere Niederschläge“, sagt er. Anders ausgedrückt, seien die Niederschlagsereignisse tendenziell von immer höherer Intensität. „Für Vegetation und Landwirtschaft ist das nicht ideal“, sagt Bernhofer.

Die Stürme können heftiger in Erscheinung treten.
Mit den Stürmen ist es wie mit den Niederschlägen. Sie sind lokal geprägt und fallen sehr unterschiedlich aus. „Lokale Böen können aber mit lokalen Niederschlagsereignissen zunehmen“, sagt Christian Bernhofer. Das heißt, Stürme wie Gewitter und damit verbundene starke Niederschlagsereignisse stünden oftmals miteinander im Zusammenhang. Die Orkane „Herwart“ und „Friederike“, die vorigen Winter für Schäden in den Wäldern sorgten, seien aber nach wie vor Einzelereignisse, genauso wie die starken Stürme „Lothar“ oder „Kyrill“, die jeweils 1999 und 2007 gewütet haben. Solche Ereignisse würden zwar zunehmend ins Bewusstsein rücken. „Nachweislich haben Stürme oder Orkane in unserer Region aber nicht zugenommen“, erklärt der Professor. Im Gegenteil hätten die durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten in Mitteleuropa sogar abgenommen.

Die Klimaerwärmung zeigt sich auch an häufigeren Wetterextremen.
Der Juli 2018 war heiß und er zeigt zugleich die größte Temperaturspanne für einen Juli seit Beginn der Messungen in Tharandt vor 150 Jahren. Die maximale Lufttemperatur von 36,7 Grad Celsius wurde am 31. Juli erreicht. Das Minimum lag am 2. Juli bei 5,3 Grad. Die Tendenz, dass die durchschnittlichen Temperaturen steigen und Wetterextreme zunehmen, sei auch ein Hinweis auf die Klimaänderung, erklärt Professor Bernhofer. Nicht nur in Tharandt, sondern in ganz Mitteleuropa sei die globale Klimaänderung von etwa 1 Grad Celsius belegt und auch spürbar, erklärt Bernhofer. „Das ändert das Klima in etwa so, als läge das ganze Land zirka 100 bis 300 Meter tiefer“, sagt der Experte. Im Gebirge können so Temperaturen auftreten wie früher in Städten. „Der Klimawandel ist nicht zu leugnen“, sagt er.

Notiert von Verena Schulenburg