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Freitag, 09.11.2018

Wer hat uns verraten?

Weg mit dem Alten: Heute vor 100 Jahren bricht in Deutschland die Revolution aus. Doch die Deutschen geben ihr keine Chance.

Von Oliver Reinhard

1918 bat die Armeeführung um Waffenstillstand. Doch bald darauf schoben reaktionäre Kräfte mit ihrer „Dolchstoßlegende“ (hier ein Wahlplakat) der Revolution die Schuld an der Niederlage zu – eine tödliche Hypothek für den Neuanfang.
1918 bat die Armeeführung um Waffenstillstand. Doch bald darauf schoben reaktionäre Kräfte mit ihrer „Dolchstoßlegende“ (hier ein Wahlplakat) der Revolution die Schuld an der Niederlage zu – eine tödliche Hypothek für den Neuanfang.

© INTERFOTO / Sammlung Rauch

Kaum hat die bolschewistische Revolution ihren sozialistisch-liberalen Vorgänger hinweggefegt, beginnt der Terror. Mit Massenverfolgung, Massenmord, Chaos, Bürgerkrieg. Auch Rosa Luxemburg im fernen Deutschland ist entsetzt über das, was in Russland geschieht. „Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors“, schreibt sie, „sie hasst und verabscheut den Menschenmord“. Darin ist sie sich mit den meisten deutschen Demokraten einig. So etwas wie die bolschewistische Apokalypse darf im Deutschen Reich niemals geschehen, gerade jetzt nicht, nach dem soeben beendeten und verlorenen Weltkrieg, wo die Novemberrevolution eben erst das Kaiserreich samt Militärdiktatur ausgekehrt hat.

Doch die Angst vor bolschewistischem Terror ist da, und sie ist groß. Obwohl angesichts der wirklichen Bedrohung hemmungslos übertrieben, beherrscht sie das Denken und Handeln vieler Zeitgenossen. Auch ihrer führenden Politiker, der neuen Regierung unter dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Am 9. November 1918 wird er zum Reichspräsidenten ernannt, kurz darauf ruft Philipp Scheidemann vom linken SPD-Ableger USPD in Berlin die Republik aus. Eine neue Zeit beginnt.

Dass die deutsche Novemberrevolution scheitern wird, hat viele Gründe. Einer der wichtigsten ist eben diese Angst vor den Auswüchsen der russischen Revolution – und damit die russische Revolution selbst. Nicht minder gravierend: Die meisten Deutschen, auch Ebert, geben ihrer eigenen Revolution keine wirkliche Chance.

Bis heute gilt, was vor einem Jahrhundert geschah, in vielen Köpfen als „ungeliebte Revolution“. In der kollektiven Erinnerung der Deutschen sitzt sie in der Schmuddelecke der großen europäischen Befreiungsbewegungen und Umstürze. Weil inzwischen jeder weiß, dass sie misslang und wohin ihr Kind, die Weimarer Republik, 15 Jahre später führte. Und weil jene Mär, die Revolution habe wegen der Gefahr des bolschewistischen Terrors doch zwingend abgewürgt werden müssen, noch in unseren Tagen vielfach mit der historischen Wahrheit verwechselt wird.

Bereits während sie im Gange ist – und die Zeitgenossen gar nicht wissen können, wohin sie führen wird –, überschütten selbst liberale Denker die Revolution mit Häme. Für „tollen Mummenschanz“ und „ekelhaften Karneval“ hält sie der Soziologe Max Weber. „Das ist die Revolution“, lästert das blasierte Schriftstellergenie Thomas Mann, „fast ausschließlich Juden“. „Den Generalstreik einer besiegten Armee nennen wir deutsche Revolution“, höhnt Walter Rathenau von der Deutschen Demokratischen Partei. Übler sprechen nur Repräsentanten des Alten von ihr, Monarchisten, Nationalisten, Militärs. Und Friedrich Ebert: „Ich hasse sie wie die Pest.“

So ganz falsch ist „Generalstreik einer besiegten Armee“ nicht. Denn so beginnt die Revolution, mit einem Streik Tausender Matrosen der Hochseeflotte, die sich weigern, zu einem letzten und aussichtslosen Gefecht auszulaufen. Sie wissen nur zu gut: Der Krieg ist im Spätherbst 1918 längst verloren, die Soldaten sind kampfesmüde und friedenssehnsüchtig. Schon am 4. Oktober hat die Reichsregierung – auf Drängen der Obersten Heeresleitung – die Gegner Deutschlands um Waffenstillstand gebeten. So nimmt es nicht Wunder, dass der Matrosenaufstand rasch auf die Heeresteile in der Heimat und Hunderttausende Arbeiter übergreift, immer politischer wird, sich überall Arbeiter- und Soldatenräte bilden. Die Basis dominieren Sozialdemokraten und Sozialisten. An ihre Spitze setzt sich SPD-Chef Friedrich Ebert, vorläufig lediglich Mitglied der Regierung des Reichskanzlers Max von Baden.

Wenn die SPD heute, ein Jahrhundert später, vor allem Erinnerungen an die ersten Tage der Revolution ins Gedächtnis ruft, dann ist das verständlich: Ab dem Moment, da Ebert sich zu ihrer Galionsfigur machen will, tut er alles, um sie einzudämmen und zu entschärfen. Aus Angst. Vor einer sozialistischen Republik. Lieber eine parlamentarische Monarchie mit dominanten bürgerlichen Kräften und einem neuen, aber machtlosen Kaiser. Die jedoch hat er schon, seit der Verfassungsänderung am 28. Oktober, sogar genehmigt von der Heeresleitung, weil diese ihre Verantwortung für Waffenstillstand und Niederlage auf die „Bürgerlichen“ abschieben will. Was ihr mit der „Dolchstoßlegende“ auch gelingt, jener Lüge, nach der die Revolution die Armee hinterrücks gemeuchelt hätte.

Zudem fürchtet Ebert, nicht grundlos, dass die meisten Deutschen ein plötzliches Ende der Monarchie gar nicht wollen. Mehr noch: dass es von dieser Seite zum Aufstand kommen könnte. Deshalb rät er den neuen Armeechef Groener, den selbst im Militär unhaltbar gewordenen Kaiser Wilhelm II. zur Abdankung zu bewegen und „noch einmal die letzte Gelegenheit zur Rettung der Monarchie zu ergreifen.“ Damit erfüllt er eine Hauptforderung der Revolution – und rettet zugleich die Eliten des alten Systems. Die nämlich braucht der anderntags zum Kanzler Gekürte. Weil im Land Armut, Krankheit und Hunger herrschen, die Ordnung aufrechterhalten, ein Millionenheer von der Front zurückgeführt und abgemustert werden muss; eine ungeheure Aufgabe. So verbündet sich der höchste Politiker der Revolution mit ihren erbittertsten Feinden. Im traumwandlerischen oder einfach hilflosen Glauben, sie würden eine demokratische Republik mittragen.

Aus Furcht vor der revolutionären Konkurrenz betreiben Friedrich Ebert und sein Parteigenosse Gustav Noske die schrittweise Entmachtung der Arbeiter- und Soldatenräte, der eigentlichen Träger der Revolution. Obwohl sich die Räte hauptsächlich aus Sozialdemokraten und Sozialisten zusammensetzen. Und obwohl sie es sind, die Eberts Koalition aus SPD und USPD schützen vor den Forderungen und Attacken der radikalen Linken unter Karl Liebknecht, der unaufhörlich die „Diktatur des Proletariats“ beschwört. Denn das – Extremisten – sind die Räte zum allergrößten Teil nicht. Und die Ablösung der einen Diktatur durch eine andere, das wollen sie schon gar nicht. Aber eben auch keine „Revolution light“ unter Ebert. Also besetzen 100 ihrer Obleute den Reichstag, formieren ein Revolutionsparlament und halten am 10. November Wahlen im Berliner Zirkus Busch ab, um die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Doch Ebert gelingt es erneut, seine Gefolgsleute zu mobilisieren; die Wahl endet in seinem Sinne.

Fortan blutet die Revolution aus. Als die räte-treue Volksmarinedivision in Berlin meutert, weil ihr Sold nicht gezahlt wird, eröffnen Regierungstruppen auf Geheiß Eberts das Feuer. Worauf die USPD aus der Regierung austritt. Anfang 1919 gehen Hunderttausende Berliner auf die Straße, wollen die Regierung absetzen und „ihre“ Revolution im zweiten Anlauf doch noch durchsetzen. Aber sie sind schlecht organisiert, haben keine Führung, keinen militärischen Rückhalt, und Angst vor der eigenen Courage. Liebknechts Radikale greifen zu den Waffen. Ebert lässt ihren Aufstand zusammenschießen, Luxemburg und Liebknecht werden ermordet. Das Bündnis zwischen Regierung und ultranationalen Militärs wird immer enger. Es „bewährt“ sich beim Niederschlagen der – ohne Blutvergießen erstaunlich gut funktionierenden – Räterepublik in München. Dort kommt es tatsächlich zu Terror und Massenerschießungen; durch die Truppen der Reaktion.

Friedrich Ebert kann zufrieden sein. Die SPD regiert einen bürgerlichen Staat, linke Sozialdemokraten und Sozialisten sind kaltgestellt, damit auch die Räte, die die Todfeinde der Demokratie entwaffnen, aber nicht töten wollten. Zwar ist der alte Obrigkeitsstaat weg. Im Hintergrund aber lässt Ebert dessen Eliten in Militär und Verwaltung weiterhin die Strippen ziehen. Was die von ihm betriebene Spaltung der Kräfte des Neuanfangs bedeutet, wie stark die Reaktion geblieben ist und wie sehr ihn diese ebenso wie „seine“ Arbeiter als Verräter betrachten, erfährt er spätestens bei der Reichstagswahl 1920: Die SPD-Stimmen halbieren sich. Doch die Revolution hat sich schon lange zuvor selbst das Rückgrat gebrochen. Auch aus Angst vor sich selbst.

Dennoch, sie hat sehr viel erreicht: erste wirkliche Demokratie, modernes Wahlrecht, fortschrittliche Verfassung, weitreichende Sozialgesetze. Und man kann keine Revolution nur danach beurteilen, was sie umsetzen konnte. Unbedingt dazu gehört, was ihre tragenden Kräfte erreichen wollten: einen totalen Bruch mit der alten Ordnung. Nicht zuletzt dieser Wille macht sie zum Jahrhundertereignis.

Einen ihrer größten Stolpersteine – neben Ebert – hat die Revolution sich indes nicht selbst in den Weg gelegt: das gewaltige kollektive Trauma des verlorenen Krieges. Anders als die Regierungen der Sieger im Westen hatte sie keine Gelegenheit, auf die bleierne Frage „Wofür?“ nach irgendeinem Sinn des Todes von Millionen deutscher Soldaten eine Antwort zu geben. Und die Republik, die sie gebar, war nicht imstande, diesem Trauma eine mehrheitlich akzeptable, tröstende, positive Zukunftsvision anzubieten. Zur Tragik der deutschen Geschichte gehört, dass die Nationalsozialisten darin erfolgreicher waren.