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Mittwoch, 06.04.2016

Wer hat Angst vorm schwarzen Nazi?

„Lutz Bachmann abschieben!“: Mit Forderungen wie dieser versucht ein Schauspieler Pegida zu verwirren.

Was ist deutsch? Pegida jedenfalls nicht, findet der Mann, der als „Schwarzer Nazi“ am Montagabend Parolen rufend durch die Stadt fuhr.
Was ist deutsch? Pegida jedenfalls nicht, findet der Mann, der als „Schwarzer Nazi“ am Montagabend Parolen rufend durch die Stadt fuhr.

© Christian Juppe

Ein normaler Montagabend in Dresden, jetzt endlich wieder mit Frühlingssonne und zumindest äußerlich: Wärme. Man könnte jetzt auf den Elbwiesen liegen und in die Abendsonne blinzeln. Aber wer liegt an einem Montagabend in Dresden schon auf den Elbwiesen? Eben. Vor dem Schauburg-Kino in der Neustadt klettert um kurz nach 18 Uhr ein schwarzer Mann auf den Vordersitz eines alten blauen Bullis. Hinter dem Bulli hängt ein großes Transparent. „Der schwarze Nazi“ steht darauf, und: „Integrationskurse für Wutbürger! Mehr Goethe, weniger Faust! Kartoffeln!“

Der "schwarze Nazi" auf Tour durch Dresden

Später am Abend wird hier im Kino die Filmgroteske „Der schwarze Nazi“ gezeigt. Die Handlung: Der Kongolese Sikumoya Mumandi, der einst als Flüchtling nach Leipzig kam, will deutscher Staatsbürger werden. Er rezitiert Goethe, liebt Bier und Volkslieder; im Alltag wird er angefeindet. Nach einem Schlag von Neonazis auf den Kopf ist er plötzlich selbst ein Rassist, der alles verabscheut, was nicht deutsch ist. Er wird Integrationsbeauftragter der NPO (Nationale Patrioten Ost), einer Parodie auf die NPD. Dort bringt er die Abläufe gehörig durcheinander. Regie geführt haben die Leipziger Filmemacher Tilman und Karl-Friedrich König, Söhne des Jenaer Jugendpfarrers Lothar König, der sich nach seiner Teilnahme an einer Demonstration gegen Neonazis im Februar 2011 vor Gericht verantworten musste. Der blaue Bulli ist sein Bus, der „Lauti“. Detail am Rand: Genau vor drei Jahren, am 4. April 2013, hat in Dresden Königs Prozess begonnen.

Jetzt lenken seine beiden Söhne das Gefährt durch die Stadt. Zwischen ihnen sitzt der schwarze Mann, hinten im Bus sind Journalisten und Mitglieder der Filmcrew, darunter ein Schauspieler namens Daniel, der sich vorstellt mit den Worten: „Ich bin der muskulöse Nazi.“ Man ahnt: Das wird wohl ziemlich heiter werden.

Der schwarze Mann hat ein Megafon in der Hand und einen Plan im Kopf: den Pegidisten entgegenfahren, die heute am Wiener Platz demonstrieren. Nachmittags hat das Blog Neustadt-Geflüster über die Filmvorführung und die Bulli-Aktion berichtet. Die Pegida-Organisatoren teilten den Beitrag und schrieben: „Diese Naivmenschen werden nie verstehen, dass Weltoffenheit/Internationalität und Massenmigration nicht dasselbe sind.“ Super Sache, finden die Filmemacher: „Das ist die beste Werbung, die wir kriegen können.“

Verwirrend ist indes, dass der Mann mit dem Megafon, der bei der Aktion die Filmfigur des schwarzen Nazis mimt, nicht der Hauptdarsteller ist, sondern ein Komparse, der jenen im Film doubelt. Im wahren Leben ist er Künstler, in Bonn geboren, in Kenia aufgewachsen, seit vier Jahren in Leipzig.

Von der Schauburg geht es Richtung Albertplatz. Draußen scheint die Sonne, aber der Schauspieler muss sich erst einmal warm reden. „Pegida ist undeutsch, ihr Chef ist ein Krimineller, Lutz Bachmann muss abgeschoben werden“, tönt es zaghaft durch das geöffnete Fenster.

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Köpfe drehen sich, Münder verziehen sich zum Grinsen, Daumen werden hochgestreckt. Viele Passanten gucken auch einfach nur verwirrt. Carolabrücke, St. Petersburger Straße. Der Mann mit dem Megafon spricht jetzt lauter. „Die einzige deutsche Partei ist die NPO. Die Nationalen Patrioten Ost. Ich werde genau schauen: Wer ist integriert und wer tut nur so?“ Auf den vorderen Sitzen haben sie inzwischen Volksmusik aufgedreht, es wird gejodelt.

Am Ufa-Palast ein paar nordafrikanisch aussehende junge Männer, einer zeigt dem Bulli den Stinkefinger. Der Wagen nähert sich dem Hauptbahnhof. Menschen, die zusammengerollte Deutschlandflaggen auf der Schulter tragen. Manche gucken wohlwollend, manche schmunzeln. Aber dann: „Pegida ist undeutsch“, scheppert das Megafon, „sehr, sehr undeutsch, super-undeutsch, komplett undeutsch“.

Jeder interpretiert die Aktion, wie er will, nicht jeder versteht die Ironie, aber vielleicht reicht es ja auch aus, die Leute ein bisschen zu verwirren. Spaß haben die Businsassen auf jeden Fall. Halt an der Ampel neben dem Wiener Platz. Etwa zehn Polizisten stehen da und verziehen keine Miene. Doch, als der Bus ein zweites Mal an ihnen vorbeifährt, grinst eine Beamtin. Indes hat sich ein Polizeifahrzeug an den Lauti drangehängt, er wird ihm eine ganze Weile folgen. Ein Taxifahrer mit Migrationshintergrund fährt die Scheibe runter und macht das Victory-Zeichen.

Sonst passiert nicht viel, und das ist auch gut so. Zurück in der Schauburg wird in einem vollen Saal der Film gezeigt. Das Publikum in Dresden, sagt der Regisseur Karl-Friedrich König danach, sei anders als in Leipzig. „Irgendwie weltoffener.“

„Der schwarze Nazi“: bis 11. April im Kino Schauburg, Vorführzeiten unter www.schauburg-dresden.de