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Mittwoch, 20.12.2017

Wenn Stämme auf Gleise kippen

Erneut kollidierte ein Zug mit Bäumen – diesmal bei Pulsnitz. Die Städtebahn verstärkt Vorwürfe an den Netzbetreiber.

Von Reiner Hanke

Nichts geht mehr, weil immer öfter Bäume auf die Strecken der Städtebahn fallen und den Zugverkehr lahmlegen. Foto: Städtebahn
Nichts geht mehr, weil immer öfter Bäume auf die Strecken der Städtebahn fallen und den Zugverkehr lahmlegen. Foto: Städtebahn

Rödertal. Es ist ein Alptraum für Lokführer: Bäume quer auf den Gleisen – wie jetzt zwischen Kamenz und Pulsnitz. Mit 110 Stundenkilometern raste die Städtebahn auf das Hindernis zu. Der Lokführer stieg sofort auf die Eisen und brachte den Zug mit quietschenden Bremsen zum Stehen. Die Kollision mit dem Baum konnte er nicht mehr verhindern. Nur aufgrund seiner schnellen Reaktion mit der Notbremsung blieb eine größere Katastrophe erspart. So kollidierte der Zug mit gebremsten 50 km/h mit dem Baum und es blieb laut Städtebahn „bei einem hohen Sachschaden am Triebzug“, so Marketingchefin Franziska Straube.

Das ereignete sich am vorigen Donnerstag. Passagiere und Personal kamen zum Glück mit dem Schrecken davon, niemand wurde verletzt. Aber in der Führungsetage der Städtebahn kochte nach diesem Vorfall der angestaute Ärger hoch: „Entlang der Strecken der Städtebahn Sachsen fahren unsere Züge wie im Strauch- und Baumtunnel“ kritisiert Torsten Sewerin, Geschäftsführer der Städtebahn Sachsen GmbH.

Die Städtebahn Sachsen betreibt seit 2010 nach Ausschreibungen mehrere Verbindungen rund um Dresden. Dazu gehören die Verbindungen nach Kamenz, Königsbrück, Altenberg und Sebnitz. Seit der Übernahme des Bahnbetriebes vernachlässige die Deutsche Bahn AG als Eigentümer der Strecken den kompletten Vegetationsschnitt entlang der Trassen. Und das, obwohl die Städtebahn jedes Jahr etwa zehn Millionen Euro an Trassennutzungsgebühren zahle und die Bahn zum Rückschnitt verpflichtet sei, kritisiert der Geschäftsführer. Die Bahn habe sich daran zu halten.

So habe die Städtebahn in den vergangenen zwei Jahren zehn umgekippte Bäume auf ihren Strecken gezählt. Der Sachschaden liege mittlerweile bei einer Million Euro für die Reparaturen: „Dazu kommen Kosten für Schienenersatzverkehr und erhebliche Aufwendungen wegen Zugumleitungen“, zählt Torsten Sewerin auf. Dazu komme der ganze Ärger für die Fahrgäste, wenn Züge ausfallen.

Inzwischen habe die Städtebahn die DB Netz AG als verantwortlichem Tochterunternehmen auf den desolaten Zustand und die mangelhafte Pflege des Pflanzenwuchses an den Strecken angesprochen und auch schriftlich darauf hingewiesen. Torsten Sewerin: „Der Vorstand der DB Netz AG sowie deren Vertriebs- und Rechtsabteilungen scheinen taub auf ihren Ohren zu sein“, ärgert sich der Städtebahnchef. Es passiere nichts. Im Gegenteil würden die Strecken immer mehr zuwachsen. Auch der Lack außen an den Zügen nehme Schaden, wenn Äste entlangschrammen. Im Vordergrund stehe aber die Sorge um die Sicherheit der Passagiere, die habe oberste Priorität. Diese Situation will die Städtebahn nicht mehr länger hinnehmen.

Forderungen des Umweltschutzes

Die Vorwürfe kommen nicht von ungefähr. Erst bei den jüngsten Herbststürmen – als es zu erheblichen Störungen im Bahnverkehr kam – hagelte es Kritik an der Baumpflege der Bahn. Die Eisenbahngesellschaft Metronom beklagte, hohe Bäume würden oft zu nah an den Gleisen stehen. Der Fahrgastverband Pro Bahn forderte ebenfalls, Bäume und Sträucher besser zu beschneiden. Dabei ging es allerdings vordergründig um den Fernverkehr der Deutschen Bahn. Die Kritik der Städtebahn deutet darauf hin, dass es offenbar auch auf regionalen Strecken Probleme gibt. Die Deutsche Bahn wies die Vorwürfe nach den Stürmen allerdings zurück, kündigte aber an, die Folgen der Stürme genau zu analysieren – nach Medienberichten auch mit Blick auf den Baumschnitt. Genau den verteidigt die Deutsche Bahn im Fall der Städtebahn Sachsen. Die fahre auf „Strecken, auf denen die Vegetation entsprechend rechtlicher Vorgaben nach guter forstwirtschaftlicher Praxis“ zurückgeschnitten werde. Bäume an den Strecken würden auch regelmäßig inspiziert. Das ließ jetzt eine Bahnsprecherin auf SZ-Anfrage wissen. Der Rückschnitt orientiere sich zudem an den Forderungen des Umweltschutzes. Das alles geschehe grundsätzlich mit Blick auf einen sicheren Schienenverkehr: „Egal, welches Eisenbahnverkehrsunternehmen auf einer Schienenstrecke fährt“, versichert die Deutsche Bahn. Mehr als 1000 Mitarbeiter seien im sogenannten Vegetationsmanagement des Unternehmens im Einsatz. Für dieses Programm investiere es pro Jahr insgesamt einen dreistelligen Millionenbetrag.

Abstimmungen nötig

Für die Arbeiten seien zudem intensive Abstimmungen mit Umweltbehörden und teilweise mit privaten Anliegern notwendig. Die Bahn sei dabei auch auf die Zustimmung der Beteiligten angewiesen. Das Unternehmen stellt klar: Grundsätzlich seien die Eigentümer von Wäldern dafür verantwortlich, dass von ihren Grundstücken keine Gefahr ausgehe. Im Übrigen sei die Bahn bereits längere Zeit in Kontakt mit der Städtebahn zu diesem Thema.

Mit solchen Aussagen will sich die Städtebahn nicht zufriedengeben. Erst recht nicht nach dem Crash in der Vorwoche bei Pulsnitz. So habe das Unternehmen die Aufsichtsbehörde, das Eisenbahnbundesamt, eingeschaltet. Außerdem prüfe die Städtebahn juristische Schritte gegen die DB Netz AG.