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Mittwoch, 01.08.2018

Wenig Geld, viel Mut

Wie verändert ein Grundeinkommen einen Menschen? In Finnland testet der Staat seit 2017 ein Modell für Arbeitslose. Juha Järvinen ist einer, der offen darüber spricht.

Von Oliver Beckhoff

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Während sich viele eher schamvoll zurückhalten, spricht der Finne Juha Järvinen (39) offen über sein Leben mit Grundsicherung.
Während sich viele eher schamvoll zurückhalten, spricht der Finne Juha Järvinen (39) offen über sein Leben mit Grundsicherung.

© dpa

  • Während sich viele eher schamvoll zurückhalten, spricht der Finne Juha Järvinen (39) offen über sein Leben mit Grundsicherung.
    Während sich viele eher schamvoll zurückhalten, spricht der Finne Juha Järvinen (39) offen über sein Leben mit Grundsicherung.
  • Juha in seiner Werkstatt, in der er Schamanentrommeln herstellt. Wenn er die verkauft, hat der Erlös auf sein Grundeinkommen keinen Einfluss.
    Juha in seiner Werkstatt, in der er Schamanentrommeln herstellt. Wenn er die verkauft, hat der Erlös auf sein Grundeinkommen keinen Einfluss.

Den Umschlag mit der Behörden-Post lässt er geschlossen. Erst am Abend, als seine Frau Mari von der Arbeit im Krankenhaus zurückkommt, öffnen sie ihn gemeinsam. Monate später wird Juha Järvinen den Moment als Ende seines Sklavendaseins bezeichnen.

Der Brief kommt von der finnischen Sozialbehörde Kela. Sie teilt Juha mit, dass er nun Teil eines sozialen Experiments ist, mit dem sein Land Antworten auf drängende Zukunftsfragen finden will: Wie wollen wir leben und arbeiten, wenn sich ringsherum alles ändert? Wie soll der Staat dafür sorgen, dass die Bürger finanziell abgesichert sind?

Statt des Arbeitslosengeldes steht Juha zwei Jahre ein Grundeinkommen zu. Es fällt etwa hundert Euro niedriger aus als die Summe, die er vorher vom Amt erhielt. Doch alles, was er zusätzlich verdient, darf er behalten. Während des Experiments ist er dem Arbeitsamt keine Rechenschaft schuldig. Wie werden er und die anderen damit umgehen? Werden Menschen mit Grundsicherung eher träger oder aktiver?

Die erste Überweisung – 560 Euro – geht im Januar 2017 auf Juhas Konto ein. Im Dezember 2018 soll die letzte Zahlung kommen. Er erhält damit etwa die Hälfte des Höchstsatzes, mit dem Finnen noch als arm gelten. Wofür der 39-Jährige das Geld ausgibt, ist ihm überlassen.

Wo vom Grundeinkommen die Rede ist, geht es meist um eine finanzielle Mindestabsicherung, die der Staat ohne Bedingungen zahlt. Die Idee kam in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder auf, auch in Deutschland. Eine Initiative „Mein Grundeinkommen“ verlost hier regelmäßig Grundeinkommen von monatlich 1 000 Euro für ein Jahr. Und 2017 trat bei der Bundestagswahl ein Bündnis Grundeinkommen an, also eine Partei, die allein das Ziel einer neuen Grundsicherung verfolgt.

Gegner und Befürworter führen zudem teils hitzige Debatten. Für die einen ist das Grundeinkommen ein Heilsversprechen. Für andere bedeutet es das Ende des Leistungsprinzips und gilt als kaum bezahlbar.

In den industrialisierten Staaten befeuert die Digitalisierung die Diskussion. Es geht um Roboter, die Menschen als Arbeitskräfte ersetzen, um Computer, die mit Aktien handeln, und um Algorithmen, die in Service-Centern den Chat mit Kunden steuern. Was passiert dann mit den Menschen, die als Arbeitskräfte nicht mehr gebraucht werden? Ob neu entstehende Berufe die Entwicklung abfedern, ist umstritten. Und wo Arbeit – wie heute in manchen Branchen – zu wenig einbringt, reicht das Einkommen teils trotz mehrerer Jobs nicht zum Leben aus.

Auch die Demografie drängt zur Suche nach Alternativen. Denn wo sich Bevölkerungspyramiden umdrehen – und die Zahl der Rentner steigt –, müssen weniger Arbeitende eine größere Zahl von alten Menschen finanzieren. Die Sozialsysteme drohen zu kippen, Zeit für neue Ideen.

Doch woher das Geld für ein Grundeinkommen nehmen, wenn viele Sozialkassen überlastet sind? Es könnten Gruppen beteiligt werden, die sich bei der Finanzierung des Gemeinwesens noch zurückhalten, sagen Befürworter – zum Beispiel durch Steuern auf Börsenumsätze oder höhere Erbschaftssteuern. Bestimmte heutige Leistungen könnten auch eingespart werden oder im Grundeinkommen aufgehen. Viele der Rechenmodelle sind selbst wieder umstritten.

Als Medien beginnen, über das Experiment zu berichten, stoßen sie schnell auf Juha und dessen Familie, die in Jurva in der Region Südösterbotten im Westen Finnlands ein altes Schulhaus bewohnt. Etwa 300 Anfragen werden es im ersten Jahr. Warum taucht vor allem er in der Berichterstattung auf und nicht die 1 999 anderen Bezieher? „Ich will darüber reden“, sagt er. Viele andere schämten sich.

Doch auch Juhas Erscheinung trägt zum Interesse bei: mit geflochtenen Armbändern, Bart und Zylinder wirkt er alternativ. Dazu ist er ein Arbeitsloser aus einem Bildungsmilieu: die Eltern Künstler, der Vater war lange Direktor einer Kunsthochschule. Die Familiensituation ist vieles, nur nicht durchschnittlich: sechs Kinder, ein Haus am Rande der Wildnis, voller wunderlicher alter Möbel.

Sohn Akseli ist als Teenager ein so talentierter Fußballer, dass er von finnischen Erstligisten umworben wird. Und mittendrin ein Familienhund mit einem Anteil Wolfsblut. Der Hund kennt keine Leine, die Kinder kennen kaum Zwang.

Bis 2012 schreinerte Juha zwischen Finnland und Russland Fenster für traditionelle Holzhäuser. Es fühlte sich damals richtig an, sagt er. Wie heute mit Grundeinkommen, wenn er Instrumente baut.

Das Handwerk liegt ihm, die Buchhaltung nicht. Als sein altes Geschäft damals den Bach runterging, konnte er die Werkstatt nicht mehr betreten, ohne dass ihm übel wurde: erst die Angst, dann die Übelkeit, dann der Burn-out. Juha gab keine Steuererklärung mehr ab. Das Finanzamt forderte Geld. Weil er nicht zahlen konnte, wurden Werkzeuge und Maschinen zwangsversteigert.

„Ich habe gearbeitet, seit ich 13 war, Steuern gezahlt“, sagt er. Davon zeugt ein sehniger Körper. „Aber als ich ausgebrannt war, hat der Staat mir nicht geholfen, sondern mehr Leid verursacht.“ Schuld waren die Umstände, nicht die Idee, davon ist er bis heute überzeugt.

Von da an musste Mari, die Krankenschwester und so alt wie Juha ist, die Familie fast allein durchbringen. Wenn das Geld knapp wurde, halfen Juhas Brüder oder Maris Schwestern. Leer getrunkene Milchpackungen sammelte die Familie im Küchenschrank, um im langen finnischen Winter die alten Ofenrohre zu befeuern. Und was Juha „Sklavendasein“ nennt, das Leben als Arbeitsloser, fing da erst an.

Die rund 60 Kilometer lange Fahrt nach Seinäjoki, das Warten vor Arbeitszimmern. Dann vor den Beamten beweisen, dass man nicht faul gewesen ist, weil sonst Sanktionen drohen. Und wenn man es doch war: nichts anmerken lassen. Keine größeren Beträge dazuverdienen, weil das wieder abgezogen würde.

Welche Rolle die Arbeit im Leben der Menschen spielen sollte, wird seit Ewigkeiten diskutiert. Es ist eine Beziehung, die viele wie ein Naturgesetz empfinden: Die Arbeit gehört zum Leben. Wer arbeitet, hat nach dieser Logik Anrechte, wer es nicht tut, ist selbst schuld.

Schon in der Bibel ist die Vorstellung zu finden. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, so mahnt Apostel Paulus die Bewohner der griechischen Stadt Thessaloniki. Bei Martin Luther wird daraus: „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen.“

„Dieser finnische Typ bekommt 600 Dollar Grundeinkommen pro Monat dafür, dass er absolut nichts tut“, titelt das englischsprachige Magazin Business Insider in einem Text über Juha. Zwischen Schmarotzer und Gewinner, das ist die Bandbreite der Interpretationen, die er auslöst – je nach Menschenbild. Anderen gilt er schnell als Experte für das Projekt, an dem er teilnimmt. Einmal war sogar das japanische Sozialministerium am Telefon.

Juha selbst beschreibt sich und die Situation eher trocken. Er glaube nicht, dass ein Grundeinkommen Menschen zu Wodka-trinkenden Couch-Potatoes mache, erläutert er, als er im Berliner Haus der Kulturen an einer Diskussion teilnimmt. Die Tageszeitung taz hat dazu eingeladen. Für ein paar Tage sei das vielleicht toll. Aber dann werde es auch langweilig, so allein mit dem Wodka auf der Couch. Im Publikum wird gelacht. Er spricht Finnisch. Eine Dolmetscherin übersetzt simultan.

Er erzählt von den Schamanentrommeln aus Holz und Rentierhaut, die er baut und verkauft, seit er das Grundeinkommen bekommt. „Und damit lässt sich Geld verdienen?“, will der Moderator wissen. Für eine Trommel zahlten Fans mehrere Hundert Euro, sagt Juha, der die Instrumente mit Schnitzereien kunstvoll verziert. Die aufwendigsten sind im Internet für mehr als 2 000 Euro zu finden.

Auch von einem Projekt namens „Art Bnb“ erzählt er. Es steht für „Art, Bed & Breakfast“, ein Herbergsprojekt, das er mit einem Freund plant und organisiert – Schlafmöglichkeiten und Künstlerwerkstätten unter einem Dach. Aber sind das die großen Würfe? Können Trommeln und Urlaubsangebote für Künstler nach dem Grundeinkommen weiter tragen?

„Ich sehe meine Situation heute positiv“, sagt Juha. Ob es reicht, um am Ende auf eigenen Beinen zu stehen? Er spekuliert nicht. Dass es nach der letzten Rate erst mal ohne Grundeinkommen klappen muss, ist bereits klar. Das Experiment soll regulär auslaufen. Und im Anschluss sollen die Wissenschaftler die Ergebnisse prüfen und veröffentlichen.

Die Forschergruppe der Sozialbehörde hatte vergeblich vorgeschlagen, das Experiment auf 10 000 Teilnehmer auszuweiten. „Auch auf Menschen, die im Berufsleben stehen“, erläutert Michael Opielka, Professor für Sozialpolitik an der Ernst-Abbe Hochschule in Jena, der seit Jahren über Grundeinkommen forscht und als Befürworter gilt. Der Erkenntniswert wäre gestiegen, so das Argument.

Die Regierung in Helsinki habe aber wohl „kalte Füße“ bekommen, sagt Opielka. „Die Finanzen dürften eine Rolle gespielt haben“, schon jetzt koste der Modellversuch immerhin rund 30 Millionen Euro. Nun setze das konservativ-liberale Kabinett in Finnlands Hauptstadt wieder auf „das klassische Arsenal“: Restriktionen, Weiterbildung, Leistungskürzungen.

Rund 400 Kilometer entfernt, in Jurva, nimmt Juha das zur Kenntnis. Sollten seine Zuverdienste für eine Selbstständigkeit nicht reichen, wird er 2019 wieder offiziell arbeitslos sein. Das Amt würde das Geld für die Trommeln anrechnen. Die Järvinens stünden finanziell wohl wieder schlechter da. Je näher das Ende des Jahres rückt, desto öfter meldet sich die Angst, dass alles von vorne beginnen könnte.

Wie kann man mit einer Großfamilie 560 Euro als Befreiung empfinden, in einem der teuersten Länder der Erde? Die Euphorie, die Juha Järvinen in vielen Berichten verströmt, wirkt angesichts des Geldbetrags überzogen. Zum Leben reicht das in Finnland nicht. Doch in Juhas Wahrnehmung ist es der Unterschied zwischen Macht und Ohnmacht: Zum ersten Mal seit seiner Pleite hat er mit dem Grundeinkommen das Gefühl, sein Leben in der eigenen Hand zu haben.

„Wir sind immer noch arm“, sagt Juha. Es ist eine Feststellung, keine Klage. Aber der Brief der Sozialbehörde habe für ihn etwas geändert: nicht den Umstand, aber das Gefühl, das damit verbunden ist. Wer Vertrauen bekomme, Chancen erhalte, der schöpfe Mut, sagt Juha. Für ihn als Arbeitslosen hat es funktioniert. Zum Beweis führt er aber auch seine älteste Tochter an.

Als Ansi 13 wird, bittet sie den Vater um ein Zelt. Sie will im Wald schlafen, ihre Angst überwinden. Juha gibt es ihr. In der ersten Nacht baut Ansi das Zelt auf dem Hof auf. In der zweiten Nacht zieht sie hundert Meter weiter, an den Waldrand. Den Rest der Woche verbringt sie zwischen dunklen Nadelgehölzen und lauscht vor dem Einschlafen den Waldtieren, deren Stimmen immer vertrauter werden.

Vier Jahre ist das her. Im vergangenen Jahr ist Ansi nach Südkorea gereist, ganz allein, mit 16. Juhas Augen funkeln, als er das erzählt. Vor Stolz. (dpa)

Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Hansi

    Dieses Experiment sollte auch in D durchgeführt werden!

  2. P.lehmann

    Immer wieder wird die Finanzierbarkeit als Haupt Gegenargument ins Feld geführt. Aber schauen wir uns doch mal das aktuelle Finanzsystem an. Nicht mal mehr 10% existieren als realer Wert. Alles andere sind "Werte" erschaffen aus dem Nichts. nutzen wir doch die Digitalisierung aus und erschaffen ein komplett neues System. Und zwar eins, was parallel zum bisherigen System funktioniert. Ob ich als Bank einen Wert aus dem Nichts erschaffe oder als Staat z. B. Mit einer sozialbank jeden Bürger einen Betrag X im Monat überweise kommt im Endeffekt auf dasselbe heraus. Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass dieses System europaweit ja sogar weltweit eingeführt werden sollte geknüpft an gewisse Bedingungen. Schulische Ausbildung, abgeschlossene Lehre oder Studium und eine Zeit X als Arbeitszeit. der Betrag wird dann monatlich unabhängig von der wirtschaftlichen Leistung des jeweiligen Staates an dem Bürger überwiesen und die Restsumme verfällt am Monatsende.

  3. P.lehmann

    Und selbst wenn man dieses Grundeinkommen in das normale Finanzsystem des jeweiligen Staates ein gliedert würde ich zumindest für Deutschland behaupten, dass der eingesperrte bürokratische Aufwand in der Summe sogar noch eine Verbesserung der Finanzlage darstellt. Schon heute sind z. B. In Deutschland die Verwaltungskosten für Hartz IV deutlich höher als wie die Summe die der betreffende ausgezahlt bekommt. Ein absoluter Wahnsinn. Da kann ich dann auch gleich einen Betrag X dem jeweiligen Bürger überweisen erschaffen aus dem Nichts so wie das heutzutage auch jede Bank bei der Aufgabe eines Kredites tut.

  4. Marc Brossmann

    @1. Ja, das sollte es. Wird es aber nicht. In Deutschland ist man noch lange nicht so weit - wie in so vielen anderen Dingen auch, die die Zukunft betreffen. Die Diskussionen hierzulande zeugen zumindest für mich von einem furchtbaren Menschen- und Menschheitsbild. Und die Politik? Die wird erst reagieren, wenn sie durch gesellschaftliche Verhältnisse gezwungen wird, und das wird dauern. Die aktuelle Regierung steht für alles, nur nicht dafür, auf die Fragen der Zukunft irgendeine Antwort zu haben, haben zu wollen. Bis es so weit ist, wurschteln wir sicher noch ein paar Jahrzehnte rum und verschleißen die eine und andere Generation.

  5. Steinhardt

    Ist schon komisch in Deutschland, für "Bankenrettung", "Flüchtlinge", "Fachkräfte" stehen sofort und ohne viel Diskussion hunderte MILLIARDEN zur Verfügung, aber wenn es um "Hartzer" oder auch nur ansatzweise theoretisch um ein Grundeinkommen geht, da wird gejammert und gestöhnt und sich gewunden und alles ins Feld geführt, um ja nicht einen müden Cent zu viel zu bezahlen. Einfach nur widerlich.

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