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Samstag, 26.05.2018

Weit weg vom Ballermann

Von Christoph Ulrich

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Mit Rucksack nicht einfach: Schlucht bei Tossals Verds.
Mit Rucksack nicht einfach: Schlucht bei Tossals Verds.

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  • Mit Rucksack nicht einfach: Schlucht bei Tossals Verds.
    Mit Rucksack nicht einfach: Schlucht bei Tossals Verds.
  • Schöne Aussichten: Blick auf das Bergpanorama der Serra de Tramuntana mit dem Cúber-Stausee.Fotos: Christoph Ulrich (2),Heike Ulrich
    Schöne Aussichten: Blick auf das Bergpanorama der Serra de Tramuntana mit dem Cúber-Stausee. Fotos: Christoph Ulrich (2),
    Heike Ulrich
  • Steiniger Abstieg: Dieser Pfad führt zum Kloster Lluc.
    Steiniger Abstieg: Dieser Pfad führt zum Kloster Lluc.

Als der französische Komponist Frédéric Chopin 1838 in Valldemossa ankam, schwärmte er: „Ich werde in einem herrlichen Kloster an einem der schönsten Flecken dieser Erde wohnen.“ Die Natur und Landschaft auf Mallorca animierte den Musiker zu kreativen Leistungen. Er komponierte hier sein „Regentropfen-Prélude“.

Als Chopin mit seiner großen Liebe, der Schriftstellerin George Sand, einen Winter auf Mallorca verbrachte, war von Massentourismus auf der spanischen Balearen-Insel noch keine Rede. Gerade erst hatte der Fährverkehr von Barcelona aus begonnen. Heute regt sich Widerstand gegen die Menschenmassen. Die Einwohner der Hauptstadt Palma de Mallorca demonstrierten schon gegen den Tourismus-Boom. Im vergangenen Jahr reisten 13,7 Millionen Besucher nach Mallorca und seine Nachbarinseln. Immer wieder wird auf der Insel darüber diskutiert, wie die Touristenströme etwas eingedämmt werden können.

Seit den 90er-Jahren versucht der Inselrat deshalb, alternative Angebote abseits des Pauschaltourismus auf Mallorca zu schaffen. Dazu gehört auch ein Wanderwegenetz, das die Regionen der Insel durchzieht. Doch die Umsetzung erwies sich als kompliziert. Viele Gebiete auf Mallorca sind in Privatbesitz, und das seit mehr als 800 Jahren. Die Eigentümer wehrten sich dagegen, dass ihre Ländereien von Wanderern betreten werden.

Das galt auch für den Weitwanderweg GR 221 vom im Süden der Insel gelegenen Port d’Andratx bis Port de Pollença im Norden. Der letzte Prozess, um einen durchgängigen Weg zu sichern, endete nach mehr als zehn Jahren Dauer erst im Frühjahr 2016. Die Beschilderung auf dem ersten Teil der Wegstrecke ist deshalb wohl noch immer nicht vollständig und erfordert einen guten Orientierungssinn. Insgesamt umfasst die Gesamtstrecke des GR 221 rund 150 Kilometer, die man gut auf acht bis zehn Etappen verteilen kann, je nach Einschätzung der eigenen Kondition.

Ganz so viel Zeit haben wir bei unserem Test der Wegstrecke nicht. Wir, eine neunköpfige Wandergruppe, starten in dem kleinen Ort Es Capedellà im Südwesten Mallorcas, den wir vom Flughafen aus mit einem Kleinbus-Taxi erreichen. Nach der frühmorgendlichen Anreise frühstücken wir erst einmal in der Bar Nou. Die nette Wirtin macht uns ein zünftiges Bauernbrot mit Schinken, Tomaten und Käse. Das ist eine wichtige Grundlage, denn die Wanderstrecken des GR 221 dürfen nicht unterschätzt werden. Durchschnittlich sind pro Tag 700 Höhenmeter im Auf- und Abstieg zu bewältigen. Die Wege erfordern Kondition und eine gewisse Trittsicherheit.

Wir starten in der Mittagssonne und machen uns auf den Weg zu unserem ersten Zielort Estellencs. Es ist anfangs ein schöner, anspruchsloser Weg durch uralte Olivenhaine. Am Wegesrand wachsen Steineichen, es riecht nach Fenchel. Nach etwa einer Stunde geht es zügig bergauf zum Bergrücken des Es Castellet, 520 Höhenmeter sind zu überwinden. Nach sechs Stunden Wanderung erreichen wir das schön gelegene Bergdorf Estellencs mit der imposanten Kirche „Sant Joan Bautista“, vor der an diesem Abend ein kleines Fest mit Pizza, Bier und Live-Musik stattfindet.

Der GR 221 führt durch die Gebirgslandschaft der Serra de Tramuntana, die von der Unesco im Jahre 2011 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Der längste Wanderweg auf den Balearen heißt auf spanisch: „Rut de la peidra en seco“, die sogenannte Trockensteinmauer-Route, weil die Landschaft von Trockensteinmauern bestimmt wird, die angelegt wurden, um Terrassen für den Anbau von Oliven und Zitrusfrüchten zu schaffen. Zu einem Teil führt die Strecke über die alten gepflasterten Pfade, die einst die Berggemeinden verbanden. Immer wieder gibt es herrliche Ausblicke auf die Südwestküste Mallorcas. Am Wegesrand stehen uralte Kornspeicher und im höheren Bergland die Reste von Eishäusern, in denen früher im Winter der Schnee verdichtet wurde, um das Eis dann in den Städten zu verkaufen. Die Erfindung des Kühlschranks hat dieses Geschäft zunichte gemacht.

Nach zwei weiteren schönen, aber anstrengenden Tagesetappen von Estellencs nach Esporles und von dort nach Valdemossa brechen wir in Sóller, das wir von Valdemossa aus mit dem Linienbus erreicht haben, zur Königsetappe unserer Tour auf. Sie führt zum Refugi Tossals Verds, mitten in den Bergen der Tramuntana. Wir starten am Plaza da la Constitutió, dem Hauptplatz von Sóller, und wandern durch Zitrusgärten ins Nachbardörfchen Biniaraix. Bis dahin ist der Weg noch harmlos. Doch dann beginnt der Aufstieg. Insgesamt sind fast 1 000 Höhenmeter zu überwinden. Der alte Pilgerweg zum zwei Tagesmärsche entfernten Kloster Lluc führt in Serpentinen durch eine Schlucht. Der Pfad ist aufwendig, fast kunstvoll gepflastert. Wer zurückschaut, hat einen fantastischen Blick über das fruchtbare Tal von Sóller. Zur Mittagszeit erreichen wir das Wegkreuz am Coll de’Ofre. Vor uns liegt ein herrliches Bergpanorama mit den Stauseen Embalse de Cúber und Gorg Blau. Hier ist man ganz weit weg vom Massentourismus des Ballermanns.

Nachdem der Cúber-Stausee passiert ist, beginnt eine anspruchsvolle Berg- und Talwanderung durch Steineichenwälder und wilde Schluchten. Schwierigster Punkt für Weitwanderer mit rund zwölf Kilo Gepäck auf dem Rücken ist eine kleine Schlucht, die mit Ketten gesichert ist. Nach den knapp 20 Kilometern ist ein eiskaltes Dosenbier die passende Belohnung für den Flüssigkeitsverlust auf diesem Abschnitt. Wer den GR 221 wandert, sollte unbedingt genügend Mineralwasser mitnehmen. Auf den Streckenabschnitten gibt es keine Einkehrmöglichkeiten. Wer also einen Zehn-Kilo-Rucksack packt, muss täglich noch drei bis vier Kilo für den nötigen Getränkevorrat rechnen.

Das Refugi Tossals Verds gehört zu einer der derzeit sieben Wanderherbergen am GR 221. Die staatlichen Herbergen sind einfach eingerichtet mit großen Schlafräumen und knarrenden Holzstockbetten, sodass eine Packung Ohropax mit ins Gepäck gehören sollte. Es gibt ein einfaches Abendessen und ordentlichen Rotwein. Das Frühstück besteht aus ungesalzenem Brot mit einfachem Schnittkäse und Kochschinken. Aber der Kaffee ist so gut, dass man mit Elan die nächste Etappe in Angriff nehmen kann. Vor uns liegen noch 16 Kilometer mit 880 Höhenmetern bis zum Kloster Lluc und dem naheliegenden Refugi Son Amer. Es geht lange bergauf durch ausgedehnte Steineichenwälder, die zu den Besonderheiten der Gebirgsnatur auf Mallorca gehören. Die Steineiche ist immergrün und wird maximal 15 Meter hoch. Sie gilt als der am besten ans Mittelmeerklima angepasste Baum. Dem Wald folgt eine Heidelandschaft, bis wir den Pass Coll des Prat erreichen. Dort erfreut den Wanderer eine fantastische Aussicht bis zu den markanten Felsnasen bei Formentor. Der Abstieg zum Kloster über einen alten Reitweg ist beschwerlich und zieht sich hin, aber die Aussicht auf ein kühles Bier in der Gastwirtschaft des Klosters mobilisiert die letzten Kraftreserven.

Unsere letzte Etappe vom Kloster Lluc nach Port de Pollença fällt ins Wasser. Es regnet in Strömen, und wir entscheiden uns für eine Fahrt mit dem Linienbus. Das ist auf Mallorca eine preiswerte und zuverlässige Angelegenheit. Die Rucksäcke werden sicher im Gepäckraum des Busses verstaut. Auf plötzliche Wetterwechsel muss man auf den Balearen im Frühjahr und im Herbst vorbereitet sein. Die Sommermonate Juli und August eignen sich eher nicht zum Weitwandern.

Am nächsten Tag in Port Pollença haben wir Glück. Die Sonne strahlt wieder vom blauen Himmel. Nach den Strapazen der Wanderung genießen wir noch zwei Tage das Leben an der Strandpromenade, bevor der Rückflug startet. (fp)