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Dienstag, 03.05.2016

Was der Muezzinruf mit Immissionsschutz zu tun hat

Die Religionsfreiheit schützt islamische Gebetsrufe – wenn es nicht zu laut wird.

Von Peter Heimann, Berlin

In Mannheim nebeneinander: die Kirchturmspitze der Liebfrauenkirche und das Minarett der Yavus-Sultan-Selim-Moschee
In Mannheim nebeneinander: die Kirchturmspitze der Liebfrauenkirche und das Minarett der Yavus-Sultan-Selim-Moschee

© picture alliance / dpa

AfD-Parteivize Alexander Gauland hat den Anti-Islam-Kurs seiner Partei gegen Kritik der politischen Konkurrenz verteidigt. „Das Minarett und der Ruf des Muezzin sind für uns Ausdruck ebenjenes politischen Anspruchs an die Gesellschaft, den wir nicht haben wollen“, sagte er gestern im Radio. In dem am Wochenende von der AfD beschlossenen Grundsatzprogramm heißt es, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Muslime könnten weiterhin ihrem Glauben in Gebetsstätten nachgehen, so Gauland. Der Islam kenne aber keine Trennung von Gesellschaft und Religion – dem wolle seine Partei entgegentreten.

Die evangelische Kirche dagegen hält die Positionen einiger AfD-Politiker für nicht mit dem Grundgesetz und den Werten des Christentums vereinbar. „Teile der AfD stellen das Recht auf freie Religionsausübung infrage“, erklärte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, am Montag. Die SZ analysiert wichtige Details des Themas:

Wie viele Muslime leben überhaupt in Deutschland?

Die islamische Religionszugehörigkeit wird im Gegensatz zur christlichen nicht zentral erfasst. Deswegen ist eine exakte Angabe der Zahl von in Deutschland lebenden Muslimen nicht möglich. In einer repräsentativen statistischen Erhebung über die Bevölkerung, dem Mikrozensus, wird zwar seit 2009 die Religionszugehörigkeit abgefragt, allerdings ist die Angabe freiwillig. Die verlässlichste Quelle über die Anzahl der in Deutschland lebenden Muslime ist eine Umfrage des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge von 2009. Danach leben etwa vier Millionen Muslime in Deutschland. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von fünf Prozent. Zum Vergleich: Es gibt rund 24 Millionen Katholiken und etwa 23 Millionen Protestanten in Deutschland. Dementsprechend gibt es viel mehr christliche Kirchen als Moscheen. Etwa die Hälfte aller Muslime in Deutschland verfügt über die deutsche Staatsbürgerschaft. Muslime leben weit überwiegend in den alten Bundesländern, ein Drittel in Nordrhein-Westfalen.. Nur zwei Prozent sind Schätzungen zufolge in Ostdeutschland zu Hause.

Wie viele Moscheen gibt es inzwischen in Deutschland?

Auch darüber führt kein Amt Buch. Stand 2011 soll es nach Angaben des Islamarchivs in Deutschland um die 160 „klassische“ Moscheen mit Kuppel oder Minarett gegeben haben. Mittlerweile sind es in jedem Fall mehr. Dazu kommen mindestens 2 600 Gebets- und Versammlungshäuser sowie ungezählte sogenannte „Hinterhofmoscheen“. Schätzungen gehen von mehreren Tausend solcher Gebetsräume aus. Etliche weitere Moscheen sind im Bau oder in Planung – die Rede ist häufig von rund 100. Der Bau von Moscheen stieß wiederholt auf Protest in Teilen der Bevölkerung.

Wie viele Moschee-Gemeinden sehen die Behörden als gefährlich an?

Rund 90 Moschee-Gemeinden in Deutschland stehen nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz unter geheimdienstlicher Beobachtung. „Wir haben Sorge, dass es viele islamistische Moschee-Gemeinden in Deutschland gibt, die wir auch in den Blick nehmen müssen“, sagte Präsident Hans-Georg Maaßen am Montag. Dabei handele es sich um meist arabischsprachige „Hinterhofmoscheen“, wo Anhänger mit Hassreden zum Dschihad aufgewiegelten. Der Verfassungsschutz beobachte religiöse und politische Extremisten, so Maaßen:. „Was wir uns nicht anschauen, sind die Muslime in Deutschland.“

Wie sieht es mit Salafisten in Deutschland aus?

Der Salafismus bleibt nach wie vor die am stärksten wachsende islamistische Strömung in Deutschland, hält der aktuelle Verfassungsschutzbericht fest: Mit propagandistischer Arbeit in den sozialen Netzwerken, provokativen Straßenaktionen und dem Einsatz salafistischer Prediger aus dem Ausland, die sich oftmals radikaler äußern als ihre deutschen Pendants, würden immer neue Anhänger rekrutiert. Salafistische Gruppierungen verzeichnen mit rund 7 000 Personen in Deutschland weiterhin steigende Anhängerzahlen.

Wo in Deutschland gibt es eigentlich Muezzin-Rufe?

Traditionell ruft ein Muezzin die Muslime der Umgebung von einem Minarett herab zum Gebet auf. In Deutschland wird diese Praxis von Ort zu Ort unterschiedlich gehandhabt. Es soll derzeit etwa 30 geben, vor allem in NRW. Kritiker sehen im Ruf des Muezzin weniger „Religionsausübung“ als Herrschaftsanspruch. Grundsätzlich allerdings sind islamische Gebetsrufe in Deutschland durch die Religionsfreiheit geschützt. Sie können aber nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz untersagt werden, wenn die Lautstärke für Nachbarschaft oder Straßenverkehr zu hoch ist. In Kiel ertönt der jüngste auf 54 Dezibel begrenzte dreiminütige Sprechgesang seit wenigen Tagen über acht Lautsprecher. Oft gab es Diskussionen, manchmal auch Klagen, wenn ein neuer Muezzin eingeführt wurde. (mit dpa)