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Donnerstag, 25.01.2018

Warum wir 2030 gesünder sind – auch ohne Arzt

Eine neue Studie zeigt, was uns in Zukunft erwartet. Wer sich überwachen lässt, wird im Vorteil sein.

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Alles unter Kontrolle: Sensoren werden permanent Daten erfassen.
Alles unter Kontrolle: Sensoren werden permanent Daten erfassen.

© Elnur Amikishiyev/ddp images

  • Alles unter Kontrolle: Sensoren werden permanent Daten erfassen.
    Alles unter Kontrolle: Sensoren werden permanent Daten erfassen.
  • Michael Carl (49) ist Forschungsdirektor des Instituts 2b Ahead Think Tank in Leipzig.
    Michael Carl (49) ist Forschungsdirektor des Instituts 2b Ahead Think Tank in Leipzig.

Patienten werden zu Gesundheitskunden, Krankenkassen zu Gesundheitsförderern und Ärzte zu einem Ratgeber unter vielen: Dieses Zukunftsbild malt das Trendforschungsinstitut 2b Ahead Think Tank in einer Studie, die in Kooperation mit der AOK Plus entstand. Wir sprachen mit Michael Carl, der den Forschungsbereich des Instituts in Leipzig leitet.

Herr Carl, müssen wir uns in Zukunft Sorgen um unsere Gesundheit machen?

Nein, zur Sorge oder gar Angst besteht kein Grund. Wir erkennen keine Verschlechterung der Versorgung, aber tiefgreifende Veränderungen rund um das Thema Gesundheit. Das Bild des Menschen von seinem Körper und sein Umgang damit wird anders, auch die Finanzierung von Gesundheit wird sich ändern. Und diese Veränderungen setzen die Anbieter und Versicherungen unter Druck.

Was wird sich in den nächsten zehn Jahren ändern?

Heute wird der Körper so wahrgenommen, wie er ist. Wenn ich Schnupfen habe, gehe ich zum Arzt mit der Erwartung, dass er mich wieder gesund macht. Künftig wird es darum gehen, meinen jetzigen Gesundheitszustand zu optimieren. Angenommen, mein Fitness- oder Wohlbefinden-Level beträgt 78 Prozent, dann will ich wissen, wie ich es auf 81 Prozent steigern kann.

Sie sprechen in Ihrer Studie nicht von Patienten, sondern von Gesundheitskunden. Was wird aus den Kranken?

Selbstverständlich wird es in zehn Jahren noch Menschen geben, die sich ein Bein brechen oder Diabetes haben. Wenn wir aber immer nur über Patienten reden, dann haben wir nur die Objekte des Gesundheitswesens im Blick. Das ist das Bild der Vergangenheit. In der Zukunft sucht der Mensch aktiv nach Wegen, wie er sein Wohlbefinden steigern kann. Ob das ein kranker oder fitter Mensch ist, spielt dabei gar keine Rolle.

Ob Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Rückenleiden: Die meisten Betroffenen wissen doch, dass sie ihrer Krankheit mit einer gesünderen Lebensweise vorbeugen könnten, tun es aber nicht. Was macht Sie so sicher, dass sich das ändern wird?

Zunächst habe ich ein optimistisches Menschenbild. Aber ich sehe auch immer mehr Menschen, die mit Fitnessarmbändern und Smartwatch unterwegs sind. Und das ist erst der Anfang. Im Jahr 2030 werden wir alle zahlreiche smarte Sensoren in unserem Alltag nutzen, auch in Kleidung, Fahrzeugen und im Haushalt. Gesundheitstracker sind dann durchgehend im Einsatz, es erfolgt ein permanenter Austausch der Daten. Die Selbstkontrolle und -optimierung wird in Zukunft ganz selbstverständlich sein.

Und der Arzt wird zum Datenmanager?

Der Arzt ist nicht mehr der alleinige Ratgeber – schon deshalb, weil er gar nicht mit der Vielzahl der Daten umgehen kann. Der Arzt von morgen steht im Wettbewerb mit all den anderen Akteuren auf dem Gesundheitsmarkt: Nahrungsmittelkonzerne, Sportartikelhersteller, Tourismusunternehmen. Zugegeben, ein ungleicher Kampf.

Hier der Gesundheitskunde, dort die Anbieter – wer zieht daraus mehr Nutzen?

Die Erfahrung der digitalen Welt zeigt, dass Google, Facebook und Co. bei Daten mit einiger Wahrscheinlichkeit die Gewinner sind. Der Zugriff auf die Daten der Menschen ist der Schlüssel, um ein erfolgreiches Geschäftsmodell aufbauen zu können. Idealerweise profitieren aber beide Seiten davon: Wer meine Daten haben will, muss mir dafür etwas bieten.

Aber liefere ich mich mit der Preisgabe meiner intimsten Daten nicht der totalen Überwachung aus?

Das ist eine Frage des Standpunkts. Wir sehen Technologien entstehen, die es Gesundheitskunden ermöglichen, selbst Herr ihrer Daten zu sein und selbst entscheiden zu können, wann sie wem und wie lange bestimmte Daten von sich preisgeben. Aus unserer Sicht ist dies ein Feld zum Beispiel für Blockchains, die Technologie hinter den Digitalwährungen wie Bitcoin. Sie ermöglicht in hohem Maße einen sicheren und souveränen Umgang mit Daten. Im Moment ist der praktische Umgang damit zwar noch etwas kompliziert. Aber in Zukunft wird man das so leicht bedienen können wie eine App.

Datenhoheit schön und gut – aber in der Regel habe ich als Kunde heutzutage doch gar keine Wahl: Entweder ich will eine bestimmte App und erlaube dem Anbieter den Zugriff auf meine Daten, oder ich bekomme die App nicht.

Solche Nutzungsbedingungen wird es sehr wahrscheinlich auch in Zukunft geben. Aber wir beobachten, dass die Menschen ihre Daten immer dann bereitwilliger teilen, wenn sie einen Vorteil davon haben. Diese Gruppe wird immer größer. Und je größer diese Gruppe wird, desto mehr Daten gibt es – und desto genauer ist die Empfehlung, wie sich die Menschen verhalten sollen.

Was passiert mit Menschen, die sich der Technik – aus welchem Grund auch immer – verweigern?

Solche Menschen wird es immer geben, aber ihre Zahl schrumpft. Seine Gesundheit allein durch den Arzt seines Vertrauens managen zu lassen, wird mehr und mehr zum Sonderfall. Wer sich der Erfassung und Weitergabe seiner Daten verweigert, wird einen Preis dafür zahlen – entweder mit höheren Gesundheitskosten oder mit einer schlechteren Qualität.

Also eine neue Zwei-Klassen-Medizin?

Ja, aber das hat nichts mit Politik zu tun, sondern es ist die Konsequenz aus der eigenen Entscheidung. Die Menschen entscheiden selbst, in welcher Klasse von Medizin sie sich befinden wollen. Entscheidend ist dabei nicht das Geld, sondern es sind die Daten, die man preisgibt.

Ist das das Ende vom Solidarprinzip?

Es wird ein neues Solidarprinzip sein: Wenn viele Menschen ihre Daten miteinander teilen, dann profitieren alle davon.

Sie haben die Studie mit Unterstützung der AOK Plus angefertigt. Warum ist das Thema für Kassen interessant?

Die gesamte Versicherungsbranche steht unter Druck, intern und extern. Mit den geschilderten Veränderungen wird sich der Druck weiter verstärken. Heute ist die Tätigkeit der Krankenkassen – von ergänzenden Präventionsangeboten abgesehen – auf hilfsbedürftige Patienten ausgerichtet. Demjenigen, der Optimierung sucht, hat das Gesundheitssystem noch nicht viel anzubieten. Krankenkassen müssen überlegen, wie sie zu Gesundheitsförderern werden – und auch sie stehen im Wettbewerb.

Wird es künftig individuelle Krankenkassenbeiträge geben?

Davon gehen wir aus. Die Herausforderung besteht darin, eine Balance zwischen individuellen Tarifen und einer solidarischen Absicherung aller zu schaffen.

Was bedeutet das für das System gesetzlicher und privater Kassen?

Wie lange diese Trennung aufrechterhalten wird, ist eine politische Entscheidung und schwer zu prognostizieren. Die Trennung fußt jedenfalls in der Vergangenheit. In unserem Zukunftsbild gibt es dafür keine Begründung mehr.

Die Gesundheitskosten steigen von Jahr zu Jahr. Wird Gesundheit im Jahr 2030 noch bezahlbar sein?

Diese Frage stand nicht im Fokus unserer Betrachtungen. Wir erwarten schon, dass die Kosten weiter steigen. Die Menschen leben länger, aber sie werden auch länger arbeiten. Und schon heute ist den Menschen ihre Gesundheit mehr wert als nur der Kassenbeitrag: Wir geben in etwa genauso viel Geld für Prävention – Kurse, Medikamente, Vitamine – aus wie die Krankenversicherung für die klassischen Krankheitskosten.

Das Gespräch führte Steffen Klameth.