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Donnerstag, 23.11.2017

Warnung aus Weißwasser: Ehrenamtler nicht überfordern

Sie sind kein Allheilmittel für verfehlte Politik. Darin sind sich Wissenschaftler und Akteure in Weißwasser einig.

Von Constanze Knappe

Die Teilnehmer der Konferenz, unter ihnen Dr. Robert Nadler (3.v.li.), unterwegs bei Telux. Andreas Nelte (2.v.li.) führte sie durch einstige Werkhallen.
Die Teilnehmer der Konferenz, unter ihnen Dr. Robert Nadler (3. v. li.), unterwegs bei Telux. Andreas Nelte (2. v. li.) führte sie durch einstige Werkhallen.

© Joachim Rehle

Eine Kleinstadt wie Weißwasser lebt vom bürgerschaftlichen Engagement. Um das herauszufinden, braucht es keine Studie. Zumal der Ausgangspunkt in Weißwasser so schlecht nicht ist. „Die Vereinsdichte pro Bürger ist größer als im Bundesdurchschnitt“, erklärt Frank Schwarzkopf. Der Vorsitzende des Stadtvereins ist zugleich Koordinator des vom Bundesforschungsministeriums geförderten Projekts „Kleinstadt gestalten“ in Weißwasser oder wie es hier heißt „Ort schafft“. Das läuft seit anderthalb Jahren. Zur Halbzeit trafen sich am Dienstag im Soziokulturellen Zentrum Telux Organisatoren und Akteure.

Sport und Kultur als Felder ehrenamtlicher Arbeit fallen den meisten auf Anhieb ein. Aber bürgerschaftliches Engagement ist auch in Weißwasser viel breiter. Heute jedenfalls. Es stellt sich die Frage, wie weither es damit in zehn oder zwanzig Jahren sein wird und wie es dann noch gelingen kann, Menschen dauerhaft für ein Ehrenamt zu begeistern. Das ist der Ansatz einer sogenannten Feldstudie des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) in Dortmund. Weißwasser sei als Beispiel wie geschaffen, so Dr. Robert Nadler.

Der Diplom-Geograf mit den Schwerpunktthemen Ländlicher Raum und Rückkehrer verweist auf den Paragrafen 72 im Grundgesetz. Darin ist von der Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen die Rede. Allerdings leite sich daraus kein Rechtsanspruch für Regionen ab, keine Kommune könne die Gleichwertigkeit einklagen. Nach seiner Aussage wurden Fördermittel lange Zeit nach dem Gießkannenprinzip verteilt, inzwischen aber nach der Metropolenförderung. Soll heißen, Geld geht an die Großstädte mit der Maßgabe, dass Verbesserungen dort auch in den umliegenden Raum wirken. „Doch zum einen geben Großstädte kaum freiwillig Geld ab und zum anderen liegt Weißwasser nicht gerade in der Nähe einer Metropole, um davon profitieren zu können“, bringt es Robert Nadler auf den Punkt. Städte wie Weißwasser und andere werden es immer schwerer haben, neben Pflichtaufgaben noch andere zu bewältigen. Für alles, was an freiwilligen Leistungen dabei auf der Strecke bleiben wird, soll nach offizieller Lesart das Ehrenamt einspringen. Beim ILS hinterfragt man das äußerst kritisch – gerade in Weißwasser. Und das gleich in dreierlei Hinsicht.

Auch bei freiwilligen Leistungen entscheidet der Stadtrat demokratisch, wie die Verwaltung die Aufgabe angehen soll. Ob jede ehrenamtliche Gruppe mit ihren eigenen Interessen das Wohl der Allgemeinheit ebenso im Blick hat, darf bezweifelt werden. Andersherum stecken Ehrenamtler ihre Energie in Form von Lebenszeit in eine Sache, um ihren Interessen nachzugehen. Die Stadt aber müsste freiwillige Aufgaben, die sie selber nicht bewerkstelligen kann, thematisch vorgeben. Das beeinträchtigt nach Ansicht von Robert Nadler die Motivation. Zudem sieht der Wissenschaftler „ein geografisches Dilemma“. Nämlich dort, wo das Ehrenamt in der ländlichen Region am notwendigsten ist, sind aber auch die Probleme der Demografie wie Schrumpfung und Alterung am größten. „Es werden immer weniger Leute da sein, die sich überhaupt im Ehrenamt engagieren könnten“, erklärt er. Aktuell sind es bundesweit 45,7 Prozent der Männer und 41,5 Prozent der Frauen, wobei letzteres nicht unbedingt Ausdruck des fehlenden Willens, sondern oft der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist. Wie all das unter einen Hut zu bringen ist, analysieren die Wissenschaftler bei der Begleitung des Projekts „Ort schafft“. Zur Halbzeit haben sie und die Beteiligten in Weißwasser bereits erste zentrale Erkenntnisse herausgearbeitet.

Ehrenamt muss wieder Freude machen. „Junge Leute sind durchaus bereit, sich im Ehrenamt einzubringen, sie wollen sich nur nicht ständig reglementieren lassen“, stellt Frank Schwarzkopf fest. Für jedes der sechs Einzelprojekte unter dem Dach „Ort schafft“ – der geplante Jugendklub als siebtes wurde aufgegeben – stehen 60 000 Euro an Sachkosten zur Verfügung. „Ursprünglich war gedacht, dass die Akteure darüber relativ frei verfügen können“, erklärt Frank Schwarzkopf. Doch schnell hätten sich Zwänge gezeigt durch gesetzliche Vorschriften, Förderrichtlinien, Vergabeordnungen. Die Gefahr sei riesengroß, dass das Ehrenamt durch Bürokratie im Keim erstickt wird, wenn man für Alles und Jedes einen Antrag schreiben muss.

Ehrenamt braucht Zeit. Aufgaben auszulagern, das verleitet zu der Annahme, dass sie von den Leuten in ihrer Freizeit genauso schnell erledigt werden können wie von Experten in deren bezahlter Arbeitszeit. „Das ist ein Trugschluss“, erklären der Wissenschaftler und der Praktiker aus dem Stadtverein übereinstimmend. Man würde Ehrenamtler überfordern. Mit der Konsequenz, dass sie die Lust verlieren.

Ehrenamt braucht Mitstreiter. „Leuten mit Ideen fällt es leichter, Entscheidungen zu treffen, wenn sie sie mit anderen teilen können“, sagt Robert Nadler. Zudem müssten Ehrenamtler befähigt werden, ihre Ziele durchzusetzen. In der Regel sind sie aber weit weniger geschult als Leute, die sich professionell mit den Themen befassen.

Mit dem Projekt „Ort schafft“ wurde in Weißwasser einiges angestoßen (SZ berichtete). Darin war man sich am Dienstag einig. Neben dem Nutzen für die Stadt geht es aber um die Frage, wie man mehr Leute fürs Ehrenamt begeistern, bürgerschaftliches Engagement auch in Zukunft fördern kann. Aus den guten und schlechten Erfahrungen in Weißwasser soll ein Handbuch entstehen. Als bundesweite Empfehlung.