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Freitag, 10.10.2014

Vor der Einheit brauchte es den Mut zur Freiheit

Leipzig erinnert an „seine“ Revolution vor 25 Jahren, die nicht nur Deutschland nachhaltig veränderte.

Der mit Menschen gefüllte Leipziger Augustusplatz am Donnerstagabend: Mit mehreren Staatsgästen und einem Lichtfest erinnert die Stadt an die friedliche Revolution in der DDR vor 25 Jahren.
Der mit Menschen gefüllte Leipziger Augustusplatz am Donnerstagabend: Mit mehreren Staatsgästen und einem Lichtfest erinnert die Stadt an die friedliche Revolution in der DDR vor 25 Jahren.

© dpa

Als die Nacht hereinbricht, wird die Stadt in Licht getaucht. Auf den Leipziger Augustusplatz strömen Abertausende Menschen, sie zünden mehr als 25 000 Kerzen an, die den Schriftzug „Leipzig 89“ in den Abendhimmel leuchten. Kinder, Alte, junge Leute füllen den Platz, viele sichtlich bewegt, manche mit Tränen in den Augen. Auf einer Großbildleinwand am zentralen Treffpunkt sind Filme zu sehen, sie zeigen die historischen Momente der Friedlichen Revolution, Grußbotschaften, Gebete.

Das Lichterfest in Leipzig

Es wimmelt von einstigen Demonstranten und heutigen Schaulustigen, die Organisatoren sprechen von mehr als 150 000 Menschen. Um 18.35 Uhr läuten viele Kirchenglocken, dies sogar in der Dresdner Kreuzkirche. Am 9. Oktober 1989 um diese Uhrzeit war das Signal nach Berlin gegangen: „In Leipzig geht es gut.“

Die Stadt gedenkt feierlich jenes Tages, an dem vor 25 Jahren das SED-Regime erstmals spektakulär klein beigeben musste. Mehr als 70 000 Menschen waren mit dem Slogan „Wir sind das Volk!“ über den Innenstadtring marschiert – trotz des angedrohten Schießbefehls und eines gewaltigen Militäraufmarschs. Erst einen Monat später fiel die Berliner Mauer.

Der alte Stadtfunk sendet wieder

Damals herrschte noch Dunkelheit. Zum 25. Revolutions-Jubiläum nun herrscht Festtagsstimmung. Überall am Innenstadt-Ring sind Hochhäuser beleuchtet, blinken Lichtinstallationen und Videos, treten Künstler auf. Autos und Straßenbahnen sind von den achtspurigen Straßen verdrängt. Die Menschen, so sagt Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) am Abend, sollen Raum bekommen, sich zu begegnen. Wie damals.

Zum Jahrestag hat das Internetradio detektor.fm den alten Leipziger Stadtfunk wiederbelebt. An mehreren Straßenbahnhaltestellen in der Innenstadt war ein Thementag zur friedlichen Revolution zu hören. Unter anderem kamen Zeitzeugen von 1989 zu Wort, und es wurden historische Durchsagen gespielt. In Leipzig hatte es 50 Jahre lang einen Stadtfunk für Informationen über Veranstaltungen und den Verkehr gegeben. Über den Stadtfunk war am 9. Oktober vor 25 Jahren auch der eindringliche Appell gegen Gewalt von sechs Leipziger Persönlichkeiten, darunter Star-Dirigent Kurt Masur, verbreitet worden.

Am Nachmittag sieht es in Leipzigs Fußgängerzone fast noch so aus wie an allen anderen Tagen: Shoppen, Bummeln, Kaffee trinken. Doch wer einbiegt in den Hof der Nikolaikirche, trifft auf Hunderte Menschen, die in einer Traube um eine Großbildleinwand sitzen und stehen. In der überfüllten Kirche wird das traditionelle Friedensgebet gefeiert und nach draußen überragen.

Der frühere amerikanische Außenminister James Baker hält ein Grußwort und lobt den Mut von einst mit einem klangvollen sprachlichen Bild: „Der unbeugsame Geist der hier lebenden Bürger – wie auch der Menschen in den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten – ist der Hauptgrund dafür, dass der Eiserne Vorhang und der Kalte Krieg mit einem Wimmern und nicht in einem Knall endeten.“

Auf dem Kirchhof steht eine dichte Reihe Polizisten, sie schirmt die Schaulustigen von den Staatsgästen ab – ein Bild, das unfreiwillig an die bedrohliche Stimmung vom Herbst 1989 erinnert. Eine 60-Jährige sucht im Gewühl ihre erwachsene Tochter und ihr Enkelkind. Am 9. Oktober 1989 war sie nicht mehr in die Nikolaikirche gekommen, weil die Stasi die Plätze besetzt hielt. Damals brachte sie ihre Kinder nach Hause und stellte eine Kerze ins Fenster. Dann ging sie demonstrieren. Heute lebt ihre Tochter mit einem Mann aus Westdeutschland in München. „Das alles wäre doch nicht möglich gewesen“, sagt sie und strahlt.

Bundespräsident Joachim Gauck muss sich ähnlich fühlen. Am Vormittag hält er eine persönliche Rede im Gewandhaus. Seine Söhne Christian und Martin waren schon Ende der 80er-Jahre aus der DDR ausgereist. Rückblickend erinnert Gauck an die Ausreisewilligen und die Flüchtlinge, „deren Freiheitswillen viele damals nicht zu würdigen vermochten – auch ich nicht.“

Deren Sehnsucht nach Selbstbestimmung, nach Freiheit seien größer gewesen als die Angst vor dem Verlust der Heimat, von Freunden und Verwandten. „Doch wir fühlten uns damals von ihnen im Stich gelassen. Erst später haben wir begriffen, welch große politische Bedeutung auch sie für die Delegitimierung der DDR besaßen.“ Für Gauck – das sagt er mit Blick auf die scharfen Diskussionen innerhalb der Linken und deren mögliche Regierungsführung in Thüringen – war die DDR ein Unrechtsstaat. „Es gab keine unabhängige Gerichtsbarkeit, Willkür regierte das Land.“ Wehrdienstverweigerer mussten mit Gefängnisstrafen rechnen, jungen Leuten wurden Bildungswege verbaut. „Schon das offene Wort war riskant, wie wir heute aus den Stasi-Akten wissen.“

Es ist Gauck ein wichtiges Symbol, dass er die Präsidenten der Nachbarländer Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn, deren Bewegungen den Umbruch einleiteten, ausdrücklich zum 9. Oktober nach Leipzig eingeladen hat und nicht erst zum Jahrestag des Mauerfalls. „Kein 9. November ohne den 9. Oktober. Vor der Einheit kam die Freiheit.“ Das „Leipziger Wissen“ von einst bedeute heute: „Wir wollen nicht gelebt und regiert werden, wir wollen unser Leben selbst gestalten und regieren. Wir können das, wenn wir einander in der Tradition von Leipzig versprechen: Wir werden bleiben und werden, was wir 1989 waren.“

Damit mahnt der Bundespräsident zugleich die Verteidigung der Demokratie an. „Auch die Demokratie kennt Ohnmacht, selbstverschuldete Ohnmacht, wenn der Einzelne nicht mitredet, nicht mitgestaltet, nicht zur Wahl geht, sich nicht für zuständig erklärt, obwohl über ihn und seine Gesellschaft befunden wird“, sagt der einstige Rostocker Pfarrer. „Von uns allen hängt ab, ob und wie gut unsere Demokratie funktioniert.“ Wer nur abseits stehe und sich heraushalte, werde zum beherrschten Objekt. Ein Hinweis auch auf die Debatte um die Ausweitung der deutsche Außen- und Militärpolitik.

Kritik am „Revolutions-Disneyland“

Als Lehre aus der Geschichte forderte Gauck mehr Einsatz für die demokratischen Werte. „Nur so finden Intoleranz, nationalistische Hybris, Hass und Gewalt keinen Nährboden.“ Auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) vermisst 25 Jahre nach dem Mauerfall das Engagement der Menschen für Freiheit und Demokratie. 1989/90 sei die Demokratie eine Verheißung gewesen, sagte Tillich bei dem Festakt. Heute sähen viele nur die Mühen der Ebene. „Der Geist der Gemeinschaft, die sich für ein gemeinsames Ziel einsetzt, scheint sich verflüchtigt zu haben. Viele, zu viele gehen nicht einmal zur Wahl. Leider auch hier in Sachsen, im Mutterland der friedlichen Revolution“, sagte Tillich.

Es gibt viele sentimentale und emotionale Momente an diesem Leipziger Tag, von dem 200 Journalisten aus dem In- und Ausland berichten. Doch nicht alle in der Stadt mögen allerdings die Art der Feierlichkeiten. Das Stadtmagazin Kreuzer lästert über die „verkitschte Revolte“. „In Leipzig werden alle Mittel darauf konzentriert, ein Revolutions-Disneyland zu erschaffen, in dem Bestreben, die Marke Leipzig zu promoten.“ Wenn aber das Gedenken von einem lichten, weichgespülten Marketingfeuerwerk und Wohlfühlevent bestimmt werde, würden die Erinnerung und ein Nachdenken verschwinden. Auf dem Augustusplatz fühlt sich das an diesem Abend allerdings ganz anders an.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Martin H.

    Das Stadtmagazin Kreuzer hat recht. Es geht nur darum die Marke Leipzig zu promoten. Alles andere interessiert nicht. Die Stadt versucht seit geraumer Zeit sich die ´89 Wende unter den Nagel zu reißen. Da werden alle anderen Städte und Ereignisse ausgeblendet. Würde der MDR auch seine Programme einen ganzen Tag auf dieses "Event" richten, wenn er in Dresden, Magdeburg oder Erfurt stattgefunden hätte. Nein, dann wäre es nicht einmal eine Nachricht wert. Der Leipziger Sender kann wieder einen ganzen Tag seine Stadt feiern. Und das tut er, bis einem schlecht wird. Ich schalte nur noch ab.

  2. dyndre53

    Wenn ich heute Morgen in Medien die vielen Bilder von Leipzig so sehe und mit anderen Großevents vergleiche, weiß ich nicht, wie man von ca. 20.000 Menschen auf 150-200.000 (RSA) "hochschätzen" kann??? Ich kann es mir nicht vorstellen, daß bei dem verbreiteten Frust in der Bevölkerung und der angeblichen Politik(er)verdrossenheit mitten in der Woche und zudem noch abends wirklich so viele Leute den Weg dahin gefunden haben sollten?! Die Leistungsträger müssen früh raus, die "Hartzer" interessierts eh nicht und sollte Leipzig fast nur noch aus Rentnern bestehen??? Ein Volk von GEZwangsTV-Guckern geht doch nicht auf die Strasse! Merke: Teilnehmerzahlen sind von Seiten der "Veranstalter" regelmäßig zu hoch und seitens der Gegner meist zu niedrig "geschätzt". Betrifft im Übrigen die weltweite Berichterstattung über "Demos". Oder man erfährt, wie in den BRD-Staatsmedien, gleich gar nichts davon. Wie bezüglich der 1,5 Mio. Katalanen, die die Schn..e voll haben vom EU-Wahn.

  3. Realist

    @Martin H.: Sie scheinen ja ein richtiges Leipzig-Trauma zu haben! Ich finde LE einfach geil, bin dank Verwandtschaft und Freunden viele Male im Jahr dort! Nun ja, Viertel wie an der Eisenbahnstrasse kann man ja meiden ;-)

  4. jo

    Seit wann ist Sachsen das Mutterland der friedlichen Revolution? Immerhin haben dazu ALLE Demonstranten in der ehemaligen DDR dazu beigetragen - nicht nur DIE SACHSEN. Also Her Tillich, bitte den Ball flachhalten - übrigens, was haben Sie damals getan?

  5. PS

    @jo: Stimmt, alle Demonstranten haben dazu beigetragen. Doch die großen Demonstrationen - und den Verzicht auf Gewalt seitens der Staatsmacht - das alles gab es zuerst in Sachsen: Am 7. Oktober in Plauen. Am 8. Oktober in Dresden, und hier gab es erstmalig Gespräche zwischen den Demonstranten und der damaligen Staatsmacht - Gruppe der 20 und OB Berghofer, natürlich mit politischer Rückendeckung durch Modrow. Und dann am 9. Oktober in Leipzig - Aufruf der "Leipziger Sechs" (Masur, Lange, Zimmermann und die SED-Sekretäre Meyer, Wötzel und Pommert), Nicht-Entscheidung durch Krenz (immerhin auch ein Beitrag) und dann Anweisung zum Rückzug der Polizeikräfte durch den Bezirkssekretär Hackenberg - nach Aufforderung durch Wötzel.

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