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Freitag, 22.06.2018

Von den Eltern getrennt

Eine Familie hat Kindern viele Jahre im Steinbacher Kinderdorf ein Zuhause gegeben. Jetzt sucht der Verein Nachfolger.

Von Uta Büttner

Silke Borrmann (links) hat seit mehr als 20 Jahren Pflegekinder.
Silke Borrmann (links) hat seit mehr als 20 Jahren Pflegekinder.

© privat

Moritzburg/Coswig. Alkohol, Drogen, psychisch kranke Eltern, Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch. Es folgen Aufenthalte in Heimen, bei Pflegeeltern, in Krankenhäusern: Die Kinder haben einen langen Leidensweg hinter sich, bevor sie bei Familien wie den Borrmanns ein neues Zuhause finden. Manche sind gerade einmal eineinhalb Jahre alt, so wie das einst jüngste, von ihnen aufgenommene Kind. Die Borrmanns sind eine ehemalige Kinderdorffamilie in Steinbach.

Mehr als 20 Jahre lebten Silke und ihr Mann Torsten mit Tochter Sandra und sechs bis neun Pflegekindern in einem Haus des Vereins Albert-Schweitzer-Kinderdorf Sachsen. Ziel des Vereins: das Aufwachsen vernachlässigter Kinder in einer Familie, die ihnen Schutz, Geborgenheit und vielfältige Lernanreize gibt. Jetzt wollen sich die Borrmanns langsam zurückziehen, haben nur noch drei Teenager – 13, 15 und 18 – im Haus. Deshalb sind sie Ende des Jahres aus Steinbach in ihr eigenes Haus nach Brockwitz umgezogen und bilden damit eine kleine Außenstelle des Kinderdorfs.

Etwa 18 Kinder nahmen die Borrmanns in der gesamten Zeit auf. Zu fast allen besteht ein mehr oder wenig enger Kontakt. „Drei sind abgetaucht“, bedauert Silke Borrmann. Ein Mädchen lebte zwei Jahre in der Familie. „Sie war klug, der Weg auf das Gymnasium schon klar.“ Doch dann wollte die Zehnjährige zu ihrer Mutter zurück. So kam sie in eine Einrichtung nach Dresden, zunächst in die Nähe der Mutter. „Inzwischen ist sie in einer anderen heilpädagogischen Einrichtung“, soviel weiß Silke Borrmann.

Schicksale, die der Sozialpädagogin nahe gehen. Denn sie hat zu allen Kindern eine Beziehung aufgebaut. Manchmal, wie in dem Fall der Zehnjährigen, würde sich die Sozialpädagogin mehr Unterstützung durch das Amt wünschen. Sie versteht nicht, warum das Mädchen aus der beschützten Umgebung herausgeholt wurde.

In eine Kinderdorffamilie kommen Kinder, die voraussichtlich für viele Jahre nicht zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren können. Aber der Kontakt zu ihnen wird nie abgebrochen, sagt Silke Borrmann. Im Gegenteil: „Wir wollen die Herkunftsfamilie mit im Boot haben.“ Aber einfach ist das häufig nicht.

Der Verein sucht nun eine neue Familie für das Steinbacher Kinderdorf. „Der Bedarf ist riesengroß“, sagt Jasmin von Zahn vom Kinderdorfverein. Üblich ist, dass eine Familie bis zu sechs Kinder aufnimmt. Einer muss eine Ausbildung als Erzieher oder Sozialpädagoge aufweisen. Unterstützt wird das Paar durch Erzieher oder Heilerziehungspfleger im Haus.

„Es ist eine sinnvolle Tätigkeit. Man kann das Potenzial einer Familie zeigen“, sagt Silke Borrmann. Sie würde immer wieder diesen Lebensweg einschlagen. Doch inzwischen – mit 48 Jahren – kann sie sich nicht mehr für einen langen Zeitraum wie zehn Jahre verpflichten. Natürlich war die Zeit nicht immer einfach, Rückschläge gab es genug. „Aber ich konnte zu Hause arbeiten und hatte Zeit für ganz viele Sachen, die ich vorher nie hatte.

So gibt es viele Angebote im Kinderdorf wie Paddeln, Klettern, Reiten, kulturelle Beschäftigungen, Töpfern oder Nähen. Und Tochter Sandra empfand nie Neid oder Eifersucht. Die heute 29-Jährige war neun Jahre alt, als die Familie das erste Kind aufnahm. „Es hat sich sofort richtig für mich angefühlt, ihm einen Platz in unserer Familie zu geben. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie es vor uns stand, mit den strahlenden Augen, die Hoffnung und Sehnsucht nach etwas Gutem ausstrahlten.“

Den drei, noch verbliebenen, Mädels gefällt es bei den Borrmanns. Claudia*, 13 Jahre, lebt seit fünf Jahren bei ihnen. Zuvor war sie im Kinder- und Jugendnotdienst untergebracht. „Mir gefallen die Harmonie und der Zusammenhalt.“ Sie wünscht sich mehr Kinderdorffamilien und Erzieher für die Familien. „Ich finde, dass kleinere Kinder in einer Kinderdorffamilie besser aufwachsen können. Und kleine Kinder haben es aus meiner Sicht am schwersten, wenn sie von ihren Eltern getrennt werden. Ich wünsche mir natürlich auch, dass die Kinderdorfeltern ganz lange zusammenhalten, so wie meine.“ Und die zwei Jahre ältere Victoria* liebt vor allem den Spaß in der Familie. Sie wünscht sich einen weiteren Kontakt, auch nach ihrem Auszug. Die 18-jährige Julia* schätzt vor allem die Teamarbeit und Mitbestimmung.

Viele Kinder haben später trotzdem Probleme, eine Ausbildung durchzuziehen oder längere Beziehungen einzugehen. „Aber sie hatten die Chance, etwas anderes kennenzulernen. Sie hatten die Chance, ihren eigenen Weg finden zu können“, sagt Silke Borrmann. Und genau das ist das Anliegen des Vereins.

* Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

www.kinderdorf-online.de