erweiterte Suche
Mittwoch, 18.05.2011

Vom ,Grünen Grässlichen‘ zu Deutschlands Nummer 1

Sie sind der Deutschen liebstes Obst: Äpfel - rund 18 Kilo verdrückt jeder Bundesbürger pro Jahr. Der größte Anbaubetrieb der Republik hat seine Heimat in Sachsen, genauer in der sanften Hügellandschaft zwischen Grimma, Döbeln und Oschatz. Die Obstland Dürrweitzschen AG feiert in diesem Jahr ihr 20. Firmenjubiläum. Dahinter steckt eine Erfolgsgeschichte, die dreimal auf der Kippe stand.

Dürrweitzschen. Nonnen und Mönche des Zisterzienserordens in Kloster Buch waren es, die im 12. Jahrhundert die Obstbautradition an der Mulde begründeten. Die fruchtbaren Lößböden und das milde Klima (Jahresmittel 8,6 Grad) lassen seither die knackigsten Früchte wachsen.

Mit dem intensiven Obstanbau wurde in der Region jedoch erst zu DDR-Zeiten begonnen - 1976 mit der Gründung der LPG „Obstproduktion“. Nach der Wende nahm der visionäre Gartenbau-Ingenieur Gerd Kalbitz, zuvor Abteilungsleiter, die Zügel in der inzwischen kopflosen Kolchose in die Hand. Die LPG wurde 1991 zur Aktiengesellschaft, die Genossenschaftsbauern zu deren Aktionären. „Wir hatten 400.000 Aktien für je 50 Mark ausgereicht“, erinnert sich der 59-Jährige.

Die Obstland AG - das war zunächst ein Konzern mit 26 Tochterfirmen von der Obstproduktion bis zur Tankstelle und 890 Mitarbeitern. Weil der gesamtdeutsche Handel mit den alten Ost-Apfelmarken wie Alkmene und „Gelber Köstlicher“ (Volksspott: „Grüner Grässlicher“) nichts anzufangen wusste, ließ Kalbitz auf 1.200 Hektar neue Plantagen anpflanzen - mit Jonagold, Elstar, Golden Delicious und anderen Klassikern. Dazu noch Erdbeeren, Sauerkirschen, Birnen, Johannes- und Himbeeren.Zwei Jahre später drohte plötzlich das Aus. „Flächendeckender Hagel hatte die bevorstehende Ernte und einen Großteil unserer Kulturen vernichtet“, erinnert sich Kalbitz. Doch die Obstländer rappelten sich wieder auf, bepflanzten ihre Plantagen neu.

Die zweite Katastrophe kam im Jahre 2002 mit der Jahrhundertflut. Kalbitz: „Kurz nach der feierlichen Inbetriebnahme versank unsere Kelterei in der Mulde.“ Rund 3,5 Millionen Euro Schaden schlugen zu Buche. In einer Zeit, in der Obstland große Investitionskredite abzuzahlen hatte. Eine radikale Umschuldung und staatliche Zuschüsse retteten das Unternehmen.

Nur zwei Jahre später kam es für die Obstbauern wieder knüppeldick: Nach der EU-Osterweiterung überschwemmten Polen und Ungarn den hiesigen Markt mit Billigobst. Zwei Drittel der Sauerkirschbäume kostete dies das Leben. „Wenn die Polen ihre Sauerkirschen für 20 Cent das Kilo verkaufen und ich sie nicht billiger als 50 Cent anbieten kann, dann muss ich roden“, erklärt Kalbitz trocken. Angebaut werde die Sauerkirsche jetzt nur noch für die eigene Fruchtsaftproduktion. Dafür holten sich die Dürrweitzschener nun Haselnüsse auf den Acker - für die Nougatindustrie.

Jede Krise, so scheint es, hat die Obstland AG stärker gemacht. Das Unternehmen bewirtschaftet heute 1.450 Hektar Land und ist damit Deutschlands größter Obstbaubetrieb. Auf 85 Prozent der Plantagen wachsen Äpfel - rund 40.000 Tonnen pro Jahr.

Zum Konzern (360 Mitarbeiter) gehören heute vier Obstbaubetriebe, eine Bio-Obst GmbH, ein Ackerbauunternehmen, ein Verarbeitungsbetrieb, eine Vermarktungsgesellschaft, dazu ein Getränkehandel, eine Bau- und eine Elektrofirma. Damit ist die Obstland AG zwar kleiner als im Gründungsjahr, doch wesentlich besser aufgestellt. Neben Frischobst verkaufen die Dürrweitzschener unter ihrer Kernmarke „Sachsenobst“ eine riesige Palette an Säften und Nektaren. In der Meißner Brennerei von Prinz zur Lippe lässt Kalbitz zudem einen Teil seines Obstes zu edlen Bränden und Obstlern destillieren. Der Konzernumsatz belief sich 2010 auf stolze 57,6 Millionen Euro. (-bi.-)