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Dienstag, 15.09.2015

Vom Gift-Rathaus zur Notunterkunft

Bis zu 1 000 Flüchtlinge sollen ins alte Technische Rathaus ziehen. Gesundheitsgefahr bestehe nicht.

Von Linda Barthel

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In den kommenden Tagen sollen Hunderte Flüchtlinge in das alte Technische Rathaus an der Hamburger Straße ziehen.
In den kommenden Tagen sollen Hunderte Flüchtlinge in das alte Technische Rathaus an der Hamburger Straße ziehen.

© André Wirsig

  • In den kommenden Tagen sollen Hunderte Flüchtlinge in das alte Technische Rathaus an der Hamburger Straße ziehen.
    In den kommenden Tagen sollen Hunderte Flüchtlinge in das alte Technische Rathaus an der Hamburger Straße ziehen.
  • Hier sollen bald Flüchtlinge wohnen können. Die Vorbereitungen für die ersten 200 laufen.
    Hier sollen bald Flüchtlinge wohnen können. Die Vorbereitungen für die ersten 200 laufen.
  • Der Innenhof des Gebäudekomplexes an der Hamburger Straße.
    Der Innenhof des Gebäudekomplexes an der Hamburger Straße.
  • Das Gebäude beherbergte zu DDR-Zeiten den VEB Schreibmaschinenwerk Dresden. Später wurde daraus das Technische Rathaus der Landeshauptstadt.
    Das Gebäude beherbergte zu DDR-Zeiten den VEB Schreibmaschinenwerk Dresden. Später wurde daraus das Technische Rathaus der Landeshauptstadt.

Dort, wo einst die Dresdner Stadtverwaltung arbeitete, entsteht derzeit eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Das frühere Technische Rathaus an der Hamburger Straße wird in den nächsten Tagen für den Einzug von 250 bis 500 Asylbewerbern vorbereitet. Das teilte Landesdirektionssprecher Holm Felber gestern auf SZ-Anfrage mit. Innenminister Markus Ulbig (CDU) hatte zunächst von 200 Plätzen gesprochen. Er erklärte zudem, dass die Zahl anschließend sogar in den vierstelligen Bereich steigen könnte.

Seitdem die Ämter 2010 ausgezogen sind, steht der fast 23 000 Quadratmeter große Komplex in der Friedrichstadt leer. Zwar kaufte die Firma RTM Immobilien das ehemalige Bürohaus bereits ein Jahr später, im Anschluss passierte jedoch nicht viel. Bauarbeiten dauerten länger als angekündigt und die Mietflächen blieben leer. Über seinen Sprecher ließ Eigentümer Ralf Trosien erst kürzlich ausrichten, dass die 14 800 Quadratmeter große Fassade Ende des Monats endlich komplett saniert sein soll. Außerdem führe man mit zwei potenziellen Mietern Verhandlungen.

Das dürfte sich jetzt erledigt haben. Schnellstmöglich sollen in den nächsten Tagen Brandschutz und Elektrik erneuert werden, damit die Flüchtlinge in das Gebäude ziehen können. Dieses war in den vergangenen Jahren als Gift-Rathaus bekannt geworden. Dass der Komplex mit einst mehr als 750 Verwaltungsmitarbeitern bis zum Herbst 2010 geräumt wurde, war die Folge schwerer Vorwürfe. Demnach hatten Gutachten erhöhte Schadstoffwerte belegt. Die wurden wiederum als Ursache für gehäuft auftretende Krebserkrankungen von Rathaus-Mitarbeitern gesehen. Die Staatsanwaltschaft hatte sogar gegen Rüdiger Freiherr von Künsberg, dem Vorbesitzer, ermittelt. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt. In einem Schreiben der Behörde heißt es, dass keine gesundheitsgefährdende Schadstoffbelastung im Technischen Rathaus festzustellen war und die aufgetretenen Krankheitsfälle nicht auf das Arbeitsumfeld zurückzuführen sind. Die Staatsanwaltschaft hatte hierfür verschiedenste Gutachten zum Gebäudekomplex herangezogen. Demnach spreche auch die Sanierung aus dem Jahr 2008 gegen eine Kontamination. Es wurden allerdings krebserregende Stoffe im Boden festgestellt – ein Erbe der Näh- und Schreibmaschinenproduktion, die rund 100 Jahre in dem Haus angesiedelt war.

Gestern gab Ulbig diesbezüglich jedoch Entwarnung. Der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement habe das Objekt geprüft und festgestellt, dass weite Teile des Gebäudes ohne Bedenken nutzbar sind. Der Hauseigentümer stützt diese Aussage. Wie mit der Stadt vereinbart, seien die Schadstoffe im Boden bereits vergangenes Jahr mittels einer sogenannten Bodenluftabsaugung beseitigt worden, so Trosiens Sprecher. Das Umweltamt habe die vertragsgemäße Durchführung und Überwachung der Sanierungsarbeiten schriftlich bestätigt. Die Stadt teilte gestern auf SZ-Anfrage mit, dass dem so ist.

Dennoch sind im Komplex noch einige Bauarbeiten nötig. Die Mitglieder vom Technischen Hilfswerk haben deshalb auch noch keinen Auftrag erhalten, das ehemalige Rathaus mit Betten und anderen Gütern auszustatten. Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) wurde noch nicht informiert. Ist die neue Unterkunft bezugsfertig, sind noch mehr freiwillige Helfer als bisher gefordert. „Wir werden alle Kräfte mobilisieren“, sagt Sprecher Kai Kranich. „Die Alternative wäre ja, dass es für die Flüchtlinge gar keine Betreuung gibt.“ Mit einem hoffnungslosen Personalmangel habe das DRK derzeit glücklicherweise noch nicht zu kämpfen. (mit jr, sr)

SZ-Reporter Ulrich Wolf bei Twitter