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Dienstag, 20.03.2018

Vier Jahre Integration

Osman Kalaf aus dem Irak will eine Ausbildung in einem Dresdner Altenheim machen. Profis räumen die Hürden weg.

Von Georg Moeritz

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Bremse lösen: Der Iraker Osman Kalaf betreut Frank Schubert in der Kurzzeitpflege eines der großen Dresdner Seniorenheime. Der Flüchtling ist erst einmal Pflegehelfer. Im Herbst beginnt seine dreijährige Ausbildung.
Bremse lösen: Der Iraker Osman Kalaf betreut Frank Schubert in der Kurzzeitpflege eines der großen Dresdner Seniorenheime. Der Flüchtling ist erst einmal Pflegehelfer. Im Herbst beginnt seine dreijährige Ausbildung.

© Ronald Bonß

Wer im Irak schon eine Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen hat und sich deutsch verständigen kann, müsste unter den sozialen Berufen in Deutschland eigentlich etwas Passendes finden. Zum Beispiel eine der sechs freien Stellen im Seniorenzentrum Professor Rainer Fetscher, einem der größten Altenheime in Dresden mit rund 270 Betten. Doch ein Flüchtling wie der 27-jährige Osman Kalaf ist auf Helfer angewiesen, bevor er selbst helfen darf: Die Jobvermittlerin im Jobcenter Pirna brachte ihn mit einem Arbeitsmarktmentor der Arbeiterwohlfahrt (Awo) zusammen. Der wiederum steht im Kontakt zu den Willkommenslotsen der Handwerks- und Handelskammern, die sich mit dem Bedarf der Betriebe auskennen.

Nun darf sich Osman Kalaf nützlich machen: Menschen aus dem Bett helfen, sie waschen und beim Umziehen unterstützen. Er begleitet Frank Schubert aus dessen Kurzzeitpflegezimmer in den Speiseraum, wo an diesem Montag Hühnerbrühe und Rinderherzragout auf dem Plan stehen. Der junge Pflegehelfer klappt die Fußstützen am Rollstuhl hoch und rückt Frank Schuberts Füße zurecht. Der ist es gewöhnt, immer mal neue Pflegehelfer kennenzulernen: „Ich komme mit allen Betreuern gut aus“, sagt Schubert. In dem Heim arbeiten auch einige Lehrlinge aus Vietnam, aus Polen und aus der Ukraine.

Fast ein Jahr ist es her, dass Osman Kalaf sich in dem Awo-Seniorenzentrum vorstellte. Er konnte den Schulabschluss aus dem Irak und den Führerschein vorweisen. Doch für eine Ausbildung zum staatlich anerkannten Altenpfleger fehlte ihm das Zeugnis über Deutschkenntnisse der Stufe B2. Die Berufsfachschule verlangt es. Also stellte ihn das Altenheim nach zwei Wochen Probezeit zunächst als Pflegehelfer ein – in Teilzeit, damit er nebenbei Deutschkurse belegen konnte. Inzwischen ist Kalafs 20-Stunden-Job auf 30 Stunden aufgestockt worden. Im Herbst beginnt dann seine dreijährige Ausbildung, zum Tariflohn von 920 bis 1 076 Euro im Monat. Kalaf wird über 30 Jahre alt sein, bevor er als ausgebildeter Altenpfleger arbeiten darf. Dann gehören auch Wunden versorgen und Insulin spritzen zum Beruf.

Am Montag besuchte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) Kalafs Arbeitsplatz. In dem Heim mit 230 Mitarbeitern sind fünf Flüchtlinge beschäftigt, auch aus Syrien und Afghanistan. Doch der Minister versuchte nicht, Flüchtlinge als Heilmittel gegen Fachkräftemangel in der Pflege darzustellen. Mehrmals nannte es Dulig „naiv“, an einfache Lösungen zu glauben. Er selbst habe anfangs gedacht, über Ausbildung gelinge die Integration vieler Flüchtlinge schneller. Doch die Berufsschule sei für sie oft schwer, da sie viele Jahre Schulbesuch in Deutschland voraussetze. Dulig nannte jedoch Arbeits- und Ausbildungsplätze „Schlüssel zur gelungenen Integration“. Damit wachse auch die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Seit gut einem Jahr helfen Arbeitsmarktmentoren wie Robert Fischer aus Pirna Flüchtlingen, eine Stelle zu finden. Laut Dulig haben die 48 sächsischen Mentoren bisher 282 Geflüchteten zu einer Stelle verholfen, 122 bekamen einen Ausbildungsplatz. Die Mentoren betreuen jeweils etwa 20 Flüchtlinge und haben daher mehr Zeit für jeden als etwa die Vermittler vom Jobcenter. Fischer berichtete, dass er mit den Flüchtlingen an den Bewerbungsunterlagen arbeitet und sie auch zu Vorstellungsgesprächen begleitet. Er hat schon Metallbauer und Schweißer vermittelt, gefragt seien auch Servicekräfte für die Gastronomie. Ein Syrer mit Kenntnissen in fünf Sprachen erwies sich als „perfekt fürs Hotel“. Dagegen musste ein studierter Chemietechniker erfahren, dass er in Deutschland zunächst nur als Laborhelfer angelernt werden konnte – um Fachsprache und Geräte kennenzulernen.

In der Altenpflege sei Zuwendung das Entscheidende, sagte die Leiterin des Seniorenzentrums, Doris Gebauer. „Meint es jemand gut mit mir“, dann wird er nicht wegen seiner Herkunft abgelehnt. In den vergangenen zwölf Monaten haben sich bei den sächsischen Arbeitsagenturen 2 666 Flüchtlinge abgemeldet, weil sie Arbeit gefunden haben. Als arbeitsuchend zählen derzeit 17 270 Flüchtlinge in Sachsen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. diplomats

    Asyl ist, wenn überhaupt, ein Schutz auf Zeit. Asylbewerber müssen sich nicht integrieren, sie dürfen auch nicht arbeiten. Wir benötigen keinen Import von "Altenpflegern" aus dem Irak oder Afghanistan. Und nein, es steigt auch keine Akzeptanz in der Bevölkerung. Diese Leute sollten jetzt umgehend in ihre Heimat zurück und ihre eigenen Alten pflegen. Eine kulturnahe und qualifizierte Einwanderung aus der Ukraine und Vietnam ist kein Problem und innerhalb der EU gibt es auch genügend Arbeitskräfte, man denke an die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien.

  2. Patrick Berg

    @1/ diplomats An Ihrem Beitrag merkt man, dass Sie nicht mal den Hauch einer Vorstellung davon haben, wie Pflege dieser Tage aufgestellt und welche Perspektiven sich abzeichnen. Und warum jetzt ein Arbeitnehmer aus Vietnam kulturnaher ist als einer aus dem Irak müsste auch mal erklärt werden. Ach ja, und dann hätte ich gerne noch die Info, wo die lange Schlange junger Arbietsloser aus Spanien steht. Wahrscheinlich neben den braven deutschen Jugendlichen, die lieber Hartz IV beziehen, als in der Pflege zu arbeiten.

  3. Thomas

    Die Spanier sind entsetzt wenn sie in Deutschland erstmal in der Pflege arbeiten. Warum werden die spanischen Abschlüsse inD nicht anerkannt? Habe schon 2 Spanier kennengelernt die nach einem Jahr wieder weg sind. Erste Grund Wenig Verdienst bei schlechten Arbeitszeiten. Zweiter Grund keine Kollegialität. Dritter Grund schlechtes Image in der Bevölkerung. Deswegen brauchen wir alle die gut sind und es ist egal woher die Menschen kommen und ja das hilft bei der Integration von AfDlern

  4. diplomats

    Natürlich, weil die Pflegedienste kein ordentliches Gehalt an einen Spanier zahlen wollen, importieren wir uns Pfleger aus dem Irak oder Afghanistan. Tolle Lösung. Nein, die Deutschen wollen keine Männer aus Afghanistan, Irak oder Syrien hier ansiedeln, nur weil 1 von 1000 eventuell mal in der Pflege arbeitet. Euer Linkspopulismus zieht nicht mehr.

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