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Mittwoch, 16.05.2018

Verzicht als Willens- und Glaubens-Probe

Von Uwe Jordan

Sharif Geso in seinem Imbiss „Masare Sharif“.
Sharif Geso in seinem Imbiss „Masare Sharif“.

So ähnlich muss sich Tantalos fühlen, denke ich; jener altgriechische König, den die Götter (für allerdings unerhörte Freveltaten) in der Unterwelt immerdar grausam mit Hunger und Durst strafen: Weder kann er das ihm bis zum Kinn reichende Wasser zum Trinken erreichen; und die Früchte, die sich an Zweigen bis zu seinem Kopf neigen, schwingen in unerreichbare Höhe, sobald er sie pflücken will.

Vor Sharif Geso liegen in den Edelstahlwannen des Tresens taufrische Tomaten, Krautschnitze, Zwiebeln, Salatblätter und Saucen; hinter ihm dreht sich an zwei Dönerspießen appetitliches Kalbfleisch und in den Eisschränken der Bar gleich daneben locken gekühlte Getränke. Doch für Sharif Geso sind sie ab heute genau so unerreichbar wie einst die Labe des Tantalos; genau so unerreichbar wie Bor und Plow, für die Hochglanzplakate Reklame machen.

Alle ist verboten – tagsüber

Denn Sharif Geso ist glaubensstrenger Muslim, der alle Gebote des Koran beachtet, unter anderem das fünfmal am Tage zu verrichtende Gebet. Wie sollte er da das Fasten vernachlässigen, das das Heilige Buch des Islam jedem Rechtgläubigen vorschreibt – den Ramadan? Ist die Enthaltsamkeit schon für den normalen Bekenner des Islam nicht ganz leicht, ist sie für Sharif Geso wohl noch schwerer. Denn er hat den Imbiss „Masare Sharif“ an Hoyerswerdas Bautzener Allee 83 B, im WK VI, an der Bushaltestelle Rosarium. Da kann er den kulinarischen Genüssen, die er seinen Gästen bietet, nicht einmal durch Ignoranz, begünstigt durch Abwesenheit der wohlschmeckenden und erfrischenden Dinge, entkommen: Sie liegen ja direkt vor ihm; den ganzen Tag lang. Da braucht es ein gehöriges Maß an Willensstärke.

Sharif Geso ergänzt die Liste des laut Koran im Ramadan Unmöglichen: Auch Zigaretten, Rauchen überhaupt, sind / ist verboten; Zärtlichkeiten mit und selbst ein unbedachter Blick auf Frauen: Nix da!

Aber Allah wird verzeihen, dass Letzteres im säkularen Deutschland schon rein technisch nicht zu machen ist. Auch sonst hat der Allweise und Allerbarmer, offenbart durch seinen Propheten, den Gläubigen einige Marsch-Erleichterungen gewährt. In der zweiten Sure des Koran, Al-Bakarah („Die Kuh“, offenbart zu Medina / siehe Kasten), gibt es die entsprechenden Vorschriften, die durch Auslegungen der islamischen Rechtsgelehrten eine Anzahl von Präzisierungen erfuhren.

Die wesentlichste Botschaft aber hat schon Mohammed selbst überbracht: Tagsüber Fasten, nachts genießen dürfen – von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang; auch wenn das für besonders glaubensstrenge Muslime eine Auslegungsfrage ist. Wenngleich Mohammed ja da keine Zweifel offengelassen hat. Streiten kann man allenfalls ob der erkennbaren Farbe des Fadens – und ob nicht auch die Augenkraft des Betreffenden da eine Rolle spielt.

Daher ist es auch für Sharif Geso etwas leichter, das Gebot zu halten. Freilich anerkennt er: Wenn der Ramadan in den Winter fällt (das wird aber erst nach 2025 wieder so sein), sei es einfacher. Dann seien die Tage kürzer (mithin die fastenbefreiten Nächte länger), und außerdem gebe es weniger Hitze, die einen in der Mittagsglut nach einem Glas Wasser dürsten lässt.

Ab heute bis zum 14. Juni muss Sharif Geso also auf die leiblichen Freuden verzichten. Tagsüber. Das ist heldenhaft verschmerzbar. Er ist ja nicht Tantalus, der gerechte Strafe leidet, sondern er unterzieht sich einer Glaubenspflicht. Und seine Gäste müssen schon gleich gar nichts entbehren. Geso empfiehlt als Spezialitäten des Hauses besonders Bor, einen afghanischen Eintopf mit Rindfleisch, Tomaten, Kartoffeln und diversen Würz-Saucen – oder Plov (Persisch für „Reis“), zubereitet aus besonders lockerem und „bissfestem“ langkörnigem Reis, Zwiebeln, Brühe und Fleisch, bei Masare Sharif mit Hühnerfleisch.

Es gibt nur Speisen, die „halal“ sind

Sharif Geso ist eines wichtig: In seinem Imbiss gibt es nur Speisen, die „halal“ (erlaubt) sind, also dem islamischen Reinheitsgebot entsprechen. Heißt: Rind-, Kalb- und Lammfleisch ja; Schwein dagegen ist selbst bei Schnitzel-Döner ausgeschlossen.

Worauf sich Geso zum Ende des Ramadan am meisten freut? Neben dem dann tagsüber wieder erlaubten Griff zu einer Erfrischung bei Hitze auf „id“: das Fest des Fastenbrechens (auch „Zuckerfest“), das er in Dresden mit Glaubensfreunden feiert.

P.S.: Am 21. August beginnt 2018 das höchste islamische Fest: das Opferfest.

Masare Sharif – Hoyerswerda, Bautzener Allee 83 B, geöffnet Mo-Do 9-22 / Fr/Sa/So 9-24 Uhr

Die Bezeichnung ist eine Verquickung des Namens des Eigentümers (der aus Afghanistan stammt) und der Bezeichnung „Masar-e Scharif“ – der Hauptstadt des gleichnamigen afghanischen Distrikts und der Provinz Balch. „Masar-e Scharif“ ist die viertgrößte Stadt in Afghanistan (in dessen mittlerem Norden). Sie hat knapp eine halbe Million Einwohner. Masar-e Scharif bedeutet übersetzt „Wallfahrtsort des Edlen“, denn hier wird die Grabstätte von Ali ibn Abi Talib, Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, vermutet. „Masar-e Scharif gilt hierdurch als bedeutendster Wallfahrtsort Afghanistans und als heilige Stadt des Islam“, vermeldet Wikipedia.