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Dienstag, 21.04.2009

Unerkannt durch Freundesland – von Reisen in die Sowjetunion

Die Historikerin Ruth Leiserowitz nahm die deutsch-sowjetische Freundschaft wörtlich und begab sich auf Abenteuerreise in die UdSSR. Sie erklärt, warum und wie sich Jugendliche in der DDR heimlich ein eigenes Bild verschaffen wollten.

Von Ruth Leiserowitz

Das Leben in der kleinen DDR, dem Land, das sich in einem Tag von Norden nach Süden oder umgekehrt durchqueren ließ, war für Jugendliche nicht sonderlich aufregend. Im Gegenteil, die meisten Lebensbereiche waren von Staat und Partei komplett durchstrukturiert, und ein Lebenslauf konnte fast bis zur Rente durchgeplant werden. Wirkliche Herausforderungen, die nach Abenteuer rochen, bot das Ländchen kaum, und es gab viele junge Leute, die an dieser bleiernen grauen Langeweile zu ersticken drohten oder in komplette Gleichgültigkeit verfielen.

Aber es gab auch kleine Gruppen und Szenen, in denen sich Jugendliche zusammenfanden, die versuchten, ihre Träume zu verwirklichen, indem sie Ideen kreierten und diese in die Tat umsetzten. Wovon träumten junge DDR-Bürger hauptsächlich? Sie sehnten sich danach, zu reisen, andere Länder zu sehen, Leute kennenzulernen, etwas Exotik zu genießen. Während viele darüber jammerten, dass sie nicht nach Italien oder Mallorca durften, eroberten sich wenige einen Reisefreiraum in östliche Richtung – in die UdSSR.

Unterwegs auf eigene Faust

In den 70er Jahren kursierten in der DDR Geschichten von illegalen Reisen durch die Sowjetunion, die meist hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden. Unter Jugendlichen kursierten Geheimtipps, wie sich die UdSSR von innen betrachten ließ, wie sie Abenteuerlustigen einen Teil ihrer Geheimnisse offenbarte. Auf dem pastellfarbigen Formular „Reiseanlagen für den visafreien Reiseverkehr“, so lautete die sperrige Bezeichnung für eine Genehmigung, die die Volkspolizei für Reisen in das sozialistische Ausland erteilte, stand in der Spalte der möglichen Transitländer auch „UdSSR“. Man konnte also in die Sowjetunion ohne eine Genehmigung der dortigen Behörden gelangen. Diese Variante, offensichtlich eine Lücke in den Reiseregelungen, barg den Vorteil, offiziell auf keinerlei Reiseweg verpflichtet zu werden und auf eigene Faust unterwegs sein zu können.

Eine derart private Reise glich einer Grenzüberschreitung in doppelter Hinsicht. Das Neuland ließ sich nicht nur territorial begreifen, man verließ auf diesen Fahrten in jeglicher Hinsicht vorgedachte und vorgeschriebene Wege.

Was bewog junge Leute in der DDR zu dieser unkonventionellen, aber auch nicht ungefährlichen Reiseart? Neben dem unbändigen Wunsch, einen der überaus raren Freiräume zu entdecken, standen Neugier, Fernweh und Abenteuerlust obenan, gekoppelt mit der doppelten Herausforderung – an sich selbst und an das System der DDR.

Wer konnte einem offiziell verübeln, in die UdSSR fahren zu wollen, tönte doch die Propaganda bis zum Ausbruch von Perestroika und Glasnost tagtäglich, dass die Freundschaft zum großen Bruderland „fest und unverbrüchlich“ sei, dass „von der Sowjetunion lernen heiße, siegen zu lernen“. Wie oft wurden Schüler, Lehrlinge und Studenten ermahnt, der Gesellschaft für „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ beizutreten und an lästigen, häufig langweiligen Veranstaltungen teilzunehmen. Was lag näher, als diese so häufig, geradezu inflationär beschworene Freundschaft endlich einmal näher in Augenschein zu nehmen und eigenständig ohne Verdikt zu praktizieren?

Misstrauen an der Grenze

Also nahmen die Reiselustigen die Propaganda ihres Heimatlandes beim Wort und begaben sich auf den Weg. „Unerkannt durch Freundesland“ benannten sie ihr Unternehmen, das nicht nur unvorstellbar und aberwitzig erschien, sondern auch mit den üblichen 18 bis 20 Urlaubstagen kaum realisierbar war. Da unbezahlter Urlaub ein überaus rares Privileg war, kündigten nicht selten Transitreisende vor ihrer großen Tour, um ihr Abenteuer auch voll auskosten zu können.

Zu Breschnews Zeiten durfte in die UdSSR nur über wenige Grenzübergänge per Bahn oder Pkw eingereist werden. Daneben existierte auch die Möglichkeit zu fliegen, jedoch ausschließlich via Moskau. Aber gerade die Hauptstadt stand nicht im Blickpunkt der meisten Reisehungrigen. Mehrere Schuljahre hatten sie bereits im Russischunterricht per Kurzdialog auf dem Roten Platz, im Kaufhaus Gum und im Leninmausoleum verbringen müssen. Wortgruppen zu Ankunft und Abreise auf dem Flughafen Scheremetjewo waren nahezu gebetsmühlenartig von Lehrern und Dozenten wiederholt worden.

Hauptsächlich standen bei einer eigenständig geplanten Tour Reiseziele im Mittelpunkt, die offiziell weniger in den Werbebroschüren der deutsch-sowjetischen Freundschaft auftauchten. Attraktiv und interessant erschien ein Besuch der baltischen Republiken oder ein Ausflug in die mittelasiatische Region. Bergbegeisterte zog es vor allem in den Kaukasus.

Schon der Empfang an der Grenze, der man sich im Allgemeinen per Zug näherte, verhieß normalerweise nichts Gutes. Die sowjetischen Grenzpolizisten wandten das kleine postkartengroße Genehmigungsdokument der DDR-Behörde lange hin und her und benahmen sich jedes Mal so, als würden sie so ein Formular überhaupt zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Auch der für Ostblockverhältnisse sehr mickrig aussehende lappige blaue Personalausweis wirkte wenig vertrauenerweckend. Die folgende Zollkontrolle pflegte besonders gründlich zu sein und verhieß bereits einen Vorgeschmack von dem Misstrauen, das sowjetische Beamte allem Fremden und Außergewöhnlichen entgegenbrachten.

Wer in Städte und Regionen fuhr, die für Ausländer verboten waren, musste vorher eine Legende austüfteln – unter anderem mittels einiger Kenntnisse über die von „Intourist“ genehmigten Routen. Es ging nicht darum, einen sowjetischen Beamten zu belügen, man übte sich nur in der Kunst des Weglassens. Passable Landkarten und Stadtpläne gab es nicht. Abgesehen von einigen Schwerpunkten war klar, dass es sich eher um eine Reise ins Blaue handeln würde. Aber gerade darin bestand ja der Reiz.

Ausflüge in Parallelwelten

Alles war von Interesse: Altstädte, Museen, Galerien, Fußgängerzonen, abstruse sowjetische Propaganda und verblichene Inschriften aus der Vorkriegszeit. Ich streifte tagelang durch die Städte, entdeckte damals die noch unbekannten imposanten Jugendstilfassaden von Michail Eisenstein in Riga, stand in Wilna fassungslos vor Treppenstufen aus jüdischen Grabsteinen und bewunderte die zahlreichen Kirchenfassaden in Lemberg.

Die Geschichten, die ich erlebt hatte, konnte ich nur meinen Freunden erzählen und Bekannten, die auf die gleiche Weise gereist waren. Der Hauptanteil der Reiseerfahrungen ließ sich schwer oder kaum mitteilen. In dieser Hinsicht waren diese Reisen also Ausflüge in Parallelwelten.

Aus einem Vortrag der Ringvorlesung der Konrad-Adenauer-Stiftung zur DDR-Geschichte. Die nächste Veranstaltung findet heute 20 Uhr im Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Str.2 statt. Thema: Schwerter zu Pflugscharen! – Die Friedensbewegung in der DDR.

Unsere Autorin: Ruth Leiserowitz, geboren 1958 in Prenzlau, arbeitete in der DDR als Lektorin und Dolmetscherin für Polnisch und Litauisch. Sie studierte Geschichte und Polonistik in Berlin und Vilnius, promovierte und habilitierte sich. Lehraufträge und wissenschaftliche Arbeiten führten sie nach Klaipeda und an die Humboldt-Universität Berlin.