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Umworbene Jugendliche

Handwerk und Industrie brauchen Fachkräfte. Migranten sollen beim Berufe-Informationstag in Heidenau vom Sinn einer Ausbildung überzeugt werden.

07.11.2018
Von Gunnar Klehm

 Jugendliche
Zur Ausbildungsmesse bei AMS in Heidenau haben sich mehrere Unternehmen jungen Migranten vorgestellt. Ob Handwerk oder Dienstleistung, für jeden Bereich war ein Unternehmen anwesend. Murat Mazrek lässt sich von Friseurmeisterin Claudia Mihaly-Anastasio das Handwerk des Friseurs zeigen.

© Daniel Schäfer

Heidenau. Murat ist überzeugt von sich und seinen Fähigkeiten. Selbstbewusst nimmt er Kamm und Föhn und bringt die Haare einer Ausbildungspuppe in Form. „Im Kosovo habe ich schon zwei Jahre in einem Friseur mitgearbeitet“, sagt der 17-Jährige. Friseurmeisterin Claudia Mihaly-Anastasio guckt genau zu, wie er sich anstellt. „Man sieht, dass er geschickt ist und Vorkenntnisse hat. Aber er muss eine Ausbildung machen, wenn er hier eine gut bezahlte Arbeitsstelle finden will“, sagt die Freitalerin.

Genau das war das Thema beim Berufe-Informationstag in Heidenau, den die Arbeitsagentur zusammen mit dem Jobcenter und verschiedenen Ausbildungsbetrieben organisiert hatte. „Bei uns sind derzeit etwa 500 Migranten registriert. Die Zahlen sind seit einem Jahr stabil“, sagt Michael Kühne, der Geschäftsführer des Jobcenters des Landkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Darunter sind sowohl EU-Ausländer als auch Flüchtlinge. Hundert von ihnen, die den Aufenthaltsstatus dazu haben, eine Ausbildung aufzunehmen, wurden jetzt nach Heidenau in die Räume der Ausbildungsgesellschaft für Metalltechnik und Schweißer (AMS) eingeladen. Hier wurde etwa ein Dutzend sogenannter Berufserkundungsstationen aufgebaut.

Am Stand für Pflegeberufe der Donner & Partner Bildungszentren konnten die eingeladenen Migranten testen, wie man Blutdruck misst oder einen Patienten lagert. „In der Pflege werden dringend Mitarbeiter gesucht“, sagt Kühne.

Daneben ist eine Kasse aufgebaut, an der das Kassieren ausprobiert werden kann. Etwas handfester geht es an der Station des Berufsförderungswerkes Sachsen zu. Zimmerermeister Daniel Hänel drückt Interessierten eine Säge oder einen Stechbeitel in die Hand. „Manch einer hat in seiner Heimat Bäume gefällt und sagt jetzt, dass er Tischler ist“, erklärt Hänel. Bei den praktischen Übungen merke er schnell, wer tatsächlich was von Holzverarbeitung versteht. Ein Mittdreißiger aus Syrien soll eine Überplattung herstellen. „Er wusste, wo man den Schnitt ansetzen muss, er scheint geeignet“, sagt Hänel. Seine Erkenntnisse schreibt er auf den Laufzettel, den alle Migranten für diesen Tag bekommen haben. Wer es bis zu einem Ausbildungsplatz geschafft hat, sei oft williger als viele Deutsche, sind Hänels persönliche Erfahrungen. „Wir brauchen Lehrlinge, das ist unbestritten.“

Im Nachbargebäude steht Ramsi Besghaier an einem Schweißerarbeitsplatz. Der Tunesier hat selbst bei AMS eine Ausbildung absolviert und ist dort inzwischen fest angestellt. Zwei junge Syrer interessieren sich für seine Arbeit. Flugs bekommen sie eine Arbeitskluft gegeben, Handschuhe und Schutzmaske. Dann dürfen sie unter Anleitung ein Übungsstück schweißen. Schnell kommen sie ins Plaudern über eine Ausbildung. Die Hemmschwelle ist sofort weg. Besghaier musste nach seiner eigenen Ankunft in Deutschland selbst erst überzeugt werden, dass eine Ausbildung wichtig ist, bevor man einen Job bekommt. Heute steht er voll dahinter und wirbt für die Vorteile. „Im Metallbau werden Fachkräfte gesucht“, sagt AMS-Geschäftsführer Norbert Rokasky.

Sprachausbildung hat Priorität

Aus dem Jobcenter sind auch viele Betreuer mit in Heidenau. Vor Ort besprechen sie gleich mit den Migranten, in welcher Richtung weiter nach einem Ausbildungsplatz oder einer Qualifizierungsmaßnahme gesucht werden soll. „Viele unserer Kunden haben ja gar keine Vorstellung von bestimmten Berufsgruppen“, sagt Andrea Liebert, die Migrationsbeauftragte im Jobcenter.

Dass nicht alle 500 eingeladen wurden, liegt zum einen an ihrem Aufenthaltsstatus, zum anderen an mangelnden Sprachkenntnissen. Murat Mazrek hat ein Jahr lang in einer sogenannten DazKlasse, also Deutsch als Zweitsprache, fleißig gelernt. Er versteht nicht, warum er noch eine Ausbildung machen soll, obwohl er so talentiert mit der Schere umgehen kann. Das hätten ihm auch all seine Freunde bestätigt. Friseurmeisterin Claudia Mihaly-Anastasio erklärt ihm geduldig, dass dieses Handwerk mehr ist, als Haareschneiden. „Bei falscher Anwendung von Färbemitteln können wir Kunden sogar verletzen. Es geht einfach nicht ohne Ausbildung“, sagt sie. Da muss auch Murat gestehen, dass er mit Färbemitteln keine Erfahrung hat oder wie man ein Unternehmen führen muss. Die Freitaler Friseurmeisterin hat ihn fast überzeugt und bietet ihm ein Praktikum an. Ihr sei nur wichtig, dass Menschen, die diesen Berufsweg einschlagen, das Handwerk genauso lieben, wie sie es tut. „Wenn sie sich gut ausbilden lassen, ist es völlig egal, wo sie herkommen“, sagt sie.