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Montag, 11.06.2018

Umstrittene Finanzspritze für die Absteiger

Kaiserslautern und Braunschweig erhalten jeweils 600 000 Euro. Das Geld kommt auch von Dynamo.

Von Cornelius de Haas

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Der Abstieg war traurig und für manche auch unfassbar, doch in die neue Drittligasaison dürften Braunschweig und Kaiserslautern als Favoriten starten.
Der Abstieg war traurig und für manche auch unfassbar, doch in die neue Drittligasaison dürften Braunschweig und Kaiserslautern als Favoriten starten.

© Jan Huebner

Die Nachricht lässt aufhorchen: Die Klubs der 2. Fußball-Bundesliga greifen den Absteigern mit einer solidarischen Finanzspritze unter die Arme. Um den wirtschaftlich schweren Gang in die 3. Liga ein wenig abzufedern, erhalten Eintracht Braunschweig und der 1. FC Kaiserslautern jeweils 600 000 Euro. Das Geld stammt von allen Klubs, die sich unabhängig von der Deutschen Fußball Liga (DFL) bereits im April darauf verständigt hatten, jeweils 66 666 Euro zu diesem Zweck in einen gemeinsamen Topf einzuzahlen.

Dabei herrscht zwischen den sportlichen Kontrahenten sonst selten Einigkeit. Michael Born, Geschäftsführer von Dynamo Dresden, sagt deshalb: „Bemerkenswert ist, dass sich auch die Vereine beteiligt haben, die verhältnismäßig sicher sein konnten, dass sie mit dem Abstieg nichts zu tun haben werden.“ Doch warum entschieden sich die Klubs zu diesem Schritt?

Darauf kann der von den Zweitligisten gewählte DFL-Vizepräsident Helmut Hack eine – zumindest auf den ersten Blick – plausible Antwort geben. „Die wirtschaftliche Brutalität eines Abstiegs in die 3. Liga ist kaum zu beschreiben“, erklärt der langjährige Präsident der SpVgg Greuther Fürth. Angesichts der „außergewöhnlichen Situation, dass in der abgelaufenen Saison zwei Drittel der Klubs bis zu den letzten Spieltagen um den Klassenerhalt bangen mussten und daher Planungen für den Abstiegsfall kaum möglich waren“, habe man sich zu dieser Initiative entschieden.

Allerdings gibt es bereits eine Art Rettungsschirm für die Absteiger in Form eines „Überbrückungsgeldes“ in Höhe von 500 000 Euro. Diese Summe erhalten Vereine, die auch in der dritthöchsten Spielklasse ihr Jugendleistungszentrum weiter betreiben. Die Vergabe des Geldes ist in den Verträgen zur Verteilung der Fernsehgelder geregelt. Das erklärt auch, warum die Verärgerung der Drittligisten groß ist. Zwar hält Helmut Sandrock, Geschäftsführer beim Karlsruher SC, die Aktion der Zweitliga-Klubs für bemerkenswert, aber: „Sie hilft der dritten Liga überhaupt nicht.“ Und das ist noch zurückhaltend formuliert.

Der Sportdirektor des SV Wehen Wiesbaden wird da deutlicher. „Ich sehe es als Wettbewerbsverzerrung an“, sagte Christian Hock dem Hessischen Rundfunk und erinnerte daran, dass die Kluft zwischen den Ligen ohnehin schon sehr groß sei. „Wenn man dann auch noch einen Zuschuss bekommt, finde ich das ungerecht.“ Auch beim VfL Osnabrück spricht man von „einem brutalen Wettbewerbsnachteil“. Geschäftsführer Jürgen Wehlend erläutert das so: Die Summe der beiden Zuschüsse von 1,1 Millionen Euro „entspricht in etwa dem strukturellen Defizit, das ein durchschnittlicher Drittligist Jahr für Jahr aus eigener Kraft kompensieren muss“.

Dem entgegnet Born: „Man muss einen differenzierten Blick darauf werfen. Der Unterbau der Vereine ist in der zweiten Liga insgesamt größer. Ein Abstieg betrifft nicht nur die Profimannschaft, sondern auch Mitarbeiter der Geschäftsstelle, die Fanarbeit oder die Talente-Ausbildung.“ Den Aufprall in diesen Bereichen etwas abzumildern, sei deshalb legitim.

Dass das Geld tatsächlich für diesen Zweck verwendet wird, daran zweifelt unter anderem der Geschäftsführer des VfR Aalen. „Die Praxis zeigt doch, dass die Absteiger zusätzliche Gelder in der Regel für den sofortigen Wiederaufstieg verwenden, damit der Abbau von Strukturen gar nicht erst stattfinden muss“, erklärte Holger Hadek gegenüber dem Portal liga3-online.de.

Verständnis für den Unmut gibt es aber auch in der zweiten Liga. „Die grundsätzliche Problematik, dass es bei den TV-Geldern sehr große Unterschiede gibt, sehen wir auch in der zweitem Liga“, erklärt Dynamos Geschäftsführer Born. Und Andreas Rettig räumt ein: „Ich kann verstehen, dass der ein oder andere Drittligist wahrscheinlich die Nase rümpft und sagt: Jetzt kriegen die noch mehr Geld“, so der Geschäftsführer des FC St. Pauli gegenüber der Hamburger Mopo. „Das Thema muss weiter verfolgt werden: Wie können wir das Delta zwischen 2. und 3. Liga kleiner machen“, erklärte der 55-Jährige. „Bis jetzt wächst es in jeder Saison um einen siebenstelligen Betrag.“

(mit sid)

Leser-Kommentare

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Insgesamt 6 Kommentare

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  1. dd

    stellt euch vor, Dynamo oder Aue wären abgestiegen. Niemand hätte es gejuckt. Kein Euro wär geflossen.

  2. Keine Ausreden

    @1, im Artikel steht doch, dass sich die Vereine bereits im April auf diese finanzielle Hilfe verständigt haben. Da war noch unklar, wer absteigt. Also kein Grund, hier eine Benachteiligung von Ost-Vereinen herbeireden zu wollen.

  3. Max Anders

    Ich fass es nicht. Diese vermeintliche Solidarisierung muß wohl an mir vorbeigegangen sein. Warum bilden die Zweitligisten solch einen gemeinsamen Fonds? Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit jedes einzelnen Vereins, selbst Vorsorge für all seine Eventualitäten zu betreiben. Bildet etwa jemand einen Sonderfonds für überhöhte Stadionmieten? Oder solidarisieren sich die Vereine etwa mal bei Skandalurteilen der Wüstengerichtsbarkeit des DFB? Und ausgerechnet Lautern, die jahrelang hinten und vorne alles reingeblasen bekommen haben. Egal - mir fehlt für solche Aktionen jegliches Verständnis.

  4. Keine Ausreden

    @3, ist Dynamo von einer überhöhten Stadionmiete betroffen? Falls ja, wäre darauf hinzuweisen, dass sie dazu selbst einen Vertrag eingegangen sind. Außerdem ist das Dresdner Stadion eines der größten und schönsten in der zweiten Liga, das darf dann auch mal was kosten.

  5. Max Anders

    Schönstes ja, Düdo, Nürnberg, Lautern sind deutlich größer. Naja, bei 6 Mio jährlicher Aufwendung durch Dynamo für ein 32.000er Stadion, welches 43 Mio gekostet hat, würde ich schon von überhöhten Stadionkosten sprechen. Zum Vergleich, Düsseldorf zahlt 1,6 Mio jährlich für das 218 Mio Projekt (davon 80 Mio öffentliche Mittel), Nürnberg 3 Mio bei 56 Mio Investitionen im Jahr 2005. Und nur um mal diese "Solidarität" ad absurdum zu führen: Kaiserslautern zahlt 2,4 Mio jährlich. Und das Stadion fasst 47.500 Zuschauer und wurde 4 Jahre vor dem Dresdner Stadion für rund 76 Mio Euro fertig saniert. Davon gabs rund 35 Mio vom Land und 7 Mio von der Stadt Kaiserslautern. Dynamo hat also nicht nur für seine eigene Blödheit und Korruption der 90er und 2000er bezahlt sondern auch für die total verfehlte Sportstättenpolitik von Dresden. Und wie jeder Interessierte noch wissen sollte, gabs den Vertrag nur unter massivem Druck unter Abtritt des Marketings an einen Dienstleister (Sportfive).

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