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Dienstag, 15.03.2005

„Überzeugte Neonazis“ an Apfels Seite

Von Thomas Schade

Eloquent schmunzelt der junge Mann fürs Foto hinter dem Titel seines Buches hervor. Dabei ist die Paperbackausgabe keineswegs lächerliche Lektüre. Denn der junge Mann namens Jan Zobel hat sieben Jahre seines Leben in der rechtsextremistischen Szene zu Papier gebracht. Über das „Hamlet“-Projekt des Aktionskünstlers Christoph Schlingensief ist Zobel 2000 ausgestiegen.

Eingestiegen war er 1990 als 15-Jähriger nach der Rückkehr mit seinen Eltern aus Südafrika. Was bewegen wollte er als junger Mann, kein Spießer sein, doch viele Türen blieben ihm verschlossen. In Hamburg-Harburg begeistert ihn schließlich die „Wutbombe aus Weinheim“. Unter diesem Namen lernt Zobel den damaligen NPD-Chef Deckert kennen und ist begeistert, so dass er schließlich einen Aufnahmeantrag ausfüllt.

Schon bald engagiert sich der heute 29-Jährige gebürtige Südafrikaner im Nachwuchs der rechtsextremistischen Partei und lernt Leute kennen, die sich heute in Sachsen tummeln. In einem NPD-Schulungsheim begegnet er erstmals dem heutigen NPD-Fraktionschef im Landtag Holger Apfel. Einem dicklichen Mann sei er damals vorgestellt worden, der „langweilig und langatmig“ sprach, sich in Rage redete, verhaspelte und kaum Autorität besaß. Einiges habe sich geändert, sagt Jan Zobel, nach dem er einige jüngere Auftritte Apfels auf Video gesehen hat. Inzwischen könne er sich „ganz passabel präsentieren“. Im Grunde sei er aber geblieben, was er immer war: ein Parteisoldat, der in der NPD groß geworden sei und der nur ein Ziel habe – eines Tages an der Spitze zu stehen. Nicht die Intelligenz des NPD-Mannes Apfel sei die Gefahr, sagt Zobel, sondern sein Fleiß.

Zobel verweist darauf, dass Apfel schon mehrfach im Auftrag der NPD umgezogen sei, meist in Verbindung mit seiner Tätigkeit für den Parteiverlag Deutsche Stimme. Unter Apfels Ägide sei die NPD-Nachwuchsorganisation zu einer elitären Kaderorganisation entwickelt worden, in der „Schulung und Grundausbildung“ eine große Rolle spielten. 1995 in Thüringen lässt Apfel seine Kader morgens sogar zum Frühsport antreten.

Umgeben von Getreuen

Im sächsischen Landtag habe die NPD ihre erste Garnitur zusammengezogen. Holger Apfel stehe ein „harter Kern treu ergebener Anhänger“ zur Seite, sagt Zobel. Das sei eine „eingeschworene Gemeinschaft“ aus „überzeugten Neonazis“, die lediglich nach außen das Bild einer bürgerlichen Partei vermitteln und die sächsischen Hinterbänkler im Griff hätten.

In seinem Buch verweist Jan Zobel darauf, dass der NPD-Fraktion im Landtag ein Mann vorsteht, der auch Kontakte zu Rechtsterroristen aus der Neonaziszene gehabt hat. So hätten Apfel und ein Franzose namens Didier Magnien Ende der 90er Jahre die gleiche Adresse in Sinningen auf der St. Wolfgangstraße gehabt. Der Franzose steht derzeit in München zusammen mit Martin Wiese und anderen Mitgliedern der Neonazi-Kameradschaft Süd vor Gericht. Die rechtsextremistische Gruppe steht im Verdacht, eine terroristische Vereinigung gebildet und einen Anschlag auf die Baustelle des jüdischen Gemeindezentrums von München geplant zu haben. Die Bekanntschaft rührt aus der Zeit, ehe Holger Apfel mit der Deutschen Stimme ins sächsische Riesa zog.

Über das Innenleben der NPD

Eigentümer des Grundstückes in Sinningen war Anton Pfahler, NPD-Mitglied und einstiger Regionalführer der berüchtigten Neonazi-Wehrsportgruppe Hoffmann, deren Mitglied Gundolf Köhler am 26. September 1980 auf dem Münchner Oktoberfest einen Selbstmordanschlag verübte. Seine Splitterbombe riss zwölf Besucher mit in den Tod, zweihundert wurden teils schwer verletzt. Und Jan Zobel macht auf einen dritten Mann aufmerksam, dem Holger Apfel bereits bei den Jungen Nationaldemokraten (JN) begegnete und dem er nun sogar auf Kosten des sächsischen Steuerzahlers im Freistaat zu Lohn und Brot verholfen hat: Peter Naumann.

Der ehemalige stellvertretende Bundesvorsitzende der JN war 1988 zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden, weil er in Italien, Frankreich und in der Bundesrepublik mehrere Sprengstoffanschläge verübt hatte. Als die Polizei 1981 in der Lüneburger Heide ein Waffendepot mit 150 Kilo Sprengstoff und 13 000 Schuss Munition entdeckte, fand man auch die Fingerabdrücke von Peter Naumann. Er hatte, wie sich herausstellte, die Befreiung des Hitlerstellvertreters Rudolf Heß geplant, so Jan Zobel in seinem Buch. Seit einiger Zeit ist Naumann Mitarbeiter eines NPD-Abgeordneten.

Zobel, der mit einer jungen Frau aus Thüringen in Hamburg lebt und in einer koreanischen Reederei arbeitet, plaudert in dem Buch höchst interessant über das Innenleben der NPD. Angriffe seiner einstigen Kameraden fürchtet er kaum: „Die wollen über diese Dinge nicht öffentlich streiten.“ Die NPD-Fraktion wollte sich gestern zu den Dingen nicht äußern. „Wir kennen das Buch noch nicht“, sagte Fraktionssprecher Holger Szymanski.

Jan Zobel, Volk am Rand, NPD: Personen, Politik und Perspektiven der Antidemokraten, edition-ost, 176 Seiten, Preis: 9,90 Euro