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Dienstag, 09.01.2018

Über der Tischkante geht es noch weiter

Fortuna-Dresden-Trainer Andreas Pach spricht über die Ungleichbehandlung im Fußball, RB Leipzig und fehlendes Anspruchsdenken.

Von Alexander Hiller

Lässt Andreas Pach (r.) seinen Sportdirektor Roland Hönisch im Regen stehen? Das sicher nicht. Doch der 47-jährige Fußballlehrer, seit viereinhalb Jahren bei Fortuna Dresden tätig, ist für Angebote aus dem Männerfußball jederzeit offen.
Lässt Andreas Pach (r.) seinen Sportdirektor Roland Hönisch im Regen stehen? Das sicher nicht. Doch der 47-jährige Fußballlehrer, seit viereinhalb Jahren bei Fortuna Dresden tätig, ist für Angebote aus dem Männerfußball jederzeit offen.

© Christian Juppe

Die Fußballerinnen des 1. FFC Fortuna Dresden überwintern in der Regionalliga Nordost auf Rang sieben im Zwölferfeld – das klingt mittelmäßig für den Drittligafünften des Vorjahres. Dabei ist die derzeitige Platzierung alles andere als selbstverständlich. Denn das höchstklassig spielende Frauenfußballteam der Landeshauptstadt hat einen beispiellosen personellen Aderlass hinter sich. Sieben zum Teil routinierte Abgänge musste Trainer Andreas Pach aus den unterschiedlichsten Gründen in Kauf nehmen – mit Linda Ottlinger und Judith Knieling spielen zwei der Besten beim Zweitliga-Schlusslicht SV Henstedt-Ulzburg. Der 47-jährige Fußballlehrer Andreas Pach musste eine Verjüngungskur einleiten, die bislang aufgeht. Auch deshalb fällt sein Ausblick in der Winterpause durchaus optimistisch aus.

Herr Pach, wie schätzen Sie den bisherigen Saisonverlauf ein?

Wenn man den Umbruch sieht, den wir zu verkraften haben, dann bin ich recht zufrieden. Es gibt natürlich einige Reserven – was die Ergebnisse betrifft. Ansonsten stehen wir im Mittelfeld ordentlich da, stehen wieder im sächsischen Pokalfinale. Da haben wir sehr viel erreicht.

Ist das gesicherte Mittelfeld in der momentanen Situation das Optimum?

Es wird nicht einfacher, gerade durch die neue eingleisige 2. Bundesliga, die in der nächsten Saison kommt. Da wird es zwei starke Absteiger geben, die die Qualität der Regionalliga enorm erhöhen. Wir sind nicht in der Situation, dass wir aus vielen Töpfen sehr gute Fußballerinnen ziehen können wie beispielsweise im Ruhrpott oder in Berlin. Wenn wir uns mit Aue oder Bischofswerda vergleichen, sind wir ganz gut aufgestellt oder haben zumindest eine gute Arbeit gemacht. Aus meiner Sicht haben wir nichts mit dem Abstieg, aber auch nichts mit dem Aufstieg zu tun. Wir können wieder Pokalsieger werden, was wiederum erneut den DFB-Pokal nach Dresden bringen würde. Damit hätten wir das Optimale erreicht. Unser Anspruch sollte sein, den einen oder anderen Platz gutzumachen und uns weiterzuentwickeln.

Wo setzen Sie bei dieser Entwicklung Ihre Prioritäten?

Es gibt bei uns sicher Talente in der Mannschaft, die mal höherklassig spielen könnten. Aber dafür ist das ganze Umfeld noch nicht gegeben. Da müsste man gewillt sein, noch viel, viel mehr zu tun. Unsere Gesellschaft tickt heutzutage so, dass jeder in der Champions League spielen, aber möglichst nichts oder sehr wenig dafür tun will. Da geht es bei uns in der Mannschaft bei der Trainingsintensität los. Wir bieten dreimal in der Woche Training an, die meisten schaffen es zweimal. Die Anforderungen um den Fußball herum sind ganz andere.

Was wollen Sie bei Fortuna bewegen?

Ich freue mich, wenn ich eine Entwicklung mitgestalten kann. Ich denke, das ist bei Fortuna ganz gut gelungen. Wenn uns jetzt im Mai der dritte Sachsenpokal-Sieg nacheinander gelänge und wir wieder im DFB-Pokal starten könnten, wäre das ein weiterer Beleg dafür. Um noch weiter zu kommen, fehlt es uns an der Leistungsdichte. Wir haben uns einen guten Stand als Verein erarbeitet. Ein Beispiel: Die Russin Elizaveta Danilova war bei uns zum Probetraining, sie habe ich nach Saarbrücken vermittelt, mit dem Verein ist sie auf einem guten Weg in die 1. Bundesliga. Für uns wäre es schwierig geworden, ihr die Rahmenbedingungen kurzfristig zu ermöglichen.

Im Dresdner Fußball hat man lange Zeit über eine Leistungspyramide nachgedacht und debattiert. Wäre die auch im Frauenfußball denkbar und sinnvoll?

Sinnvoll auf jeden Fall, aber gleichzeitig unter den bisherigen Umständen undenkbar. Dazu gehören die richtigen Leute und das richtige Verständnis. Je weiter runter man kommt, desto eher schwimmen die Vereine im eigenen Saft, das ist auch in unserem Klub erkennbar. Zum Teil ist das Verständnis für gewisse Dinge nicht da – ohne das böse zu meinen. Manche denken, die Tischkante ist oben, aber da geht es schon noch ein Stück weiter hoch.

Vor 15 Monaten erlebte Fortuna mit dem DFB-Pokalspiel gegen Wolfsburg vor der Rekordkulisse von 1 052 Zuschauern einen Höhepunkt. Mittlerweile ist das Interesse auf den Normalwert von durchschnittlich 96 Heimspiel-Besuchern geschrumpft. Hat es der Klub verpasst, aus dem Highlight mehr Nachhaltiges zu entwickeln?

Das spiegelt einfach das normale Interesse am Frauenfußball wider. Ob wir da etwas verpasst haben, weiß ich nicht. Aus meiner Sicht haben wir alles dafür getan, dass wir interessant dastehen. Wir versuchen in jedem Jahr, uns sportlich für den DFB-Pokal zu qualifizieren. Ich weiß aber nicht, ob das Interesse auch von der Stadt da ist, noch mehr zu tun, zu investieren, zu fördern. Wenn man attraktiv Fußball spielt, kommt sicher der eine oder andere Zuschauer mehr, klar. Der Verein muss sicher sein, dass neben der sportlichen Entwicklung alles andere nicht vernachlässigt wird.

Derzeit wird viel über die Geschlechter-Gleichbehandlung debattiert. In der ersten DFB-Pokalrunde kassierte Ihr Verein in dieser Saison 2 500 Euro, in der kommenden Spielzeit Männer-Amateurvereine 115 000 Euro, die Profis gar 159 000 Euro. Finden Sie das gerecht?

Gleichbehandlung ist da nicht vorhanden. Dabei stelle ich überhaupt nicht in Abrede, dass bei den Männern 20 000, ja 40 000 Zuschauer kommen, die Medienpräsenz und das öffentliche Interesse ganz andere Dimensionen haben. Dafür können die Fußballer nichts, das ist der Markt. Aber für den DFB wäre es leicht, die Prämien für den DFB-Pokal der Frauen wenigstens auf zehn Prozent der Männer anzuheben. Da wird auf den Verbandstagungen lieber darüber debattiert, ob sich die Frauen nicht an die großen Männerklubs angliedern sollten. Davon halte ich nicht so viel.

Weshalb nicht?

Weil das der erste Punkt ist, der sofort fallengelassen wird, wenn es bei den Vereinen mal finanziell knapp wird.

RB Leipzig ist derzeit Regionalliga-Vierter – ist das die neue Nummer eins im sächsischen Frauenfußball?

Dafür muss RB noch einiges tun. Zunächst volle Anerkennung im eigenen Verein finden. Aber von dem professionellen Umfeld kann Fortuna langfristig gesehen nur profitieren. Zum Beispiel, wenn es darum geht, talentierte Kickerinnen über Spielpraxis weiterzuentwickeln. Die Bedingungen bei RB wären für jeden Trainer wünschenswert, der Weg zur 1. Liga ist aber schwierig.

Vor anderthalb Jahren betreuten Sie in der Rückrunde die Männer des Landesligisten Stahl Riesa und die Fortuna-Frauen in Doppelfunktion. Können Sie sich ein erneutes Engagement im Männerfußball vorstellen oder bleiben Sie der ewige Fortuna-Trainer?

Ich habe mich die letzten viereinhalb Jahre schon dem Frauenfußball verschrieben und denke, ich war dort nicht ganz erfolglos – sowohl sportlich, als auch im Bezug auf die Entwicklung des Vereins. Ich glaube nicht, dass ich bis 60, 70 unbedingt Frauentrainer bleiben werde. Das ist eine ehrenamtliche Aufgabe, die ich gern erfülle, aber ich würde im höherklassigen Männerbereich gern eine interessante Aufgabe übernehmen. Das weiß auch der Verein.

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