erweiterte Suche
Dienstag, 13.03.2018

Türkei kesselt Kurden in Syrien ein

Die syrische Kurdenregion Afrin und das Rebellengebiet Ost-Ghuta sind beide von der Außenwelt abgeschnitten. Hunderttausende Zivilisten sind eingeschlossen. Die humanitäre Lage ist dramatisch.

6

Türkische Panzer stehen am 12. März 2018 in der Nähe des Stadtzentrums von Afrin. Die Türkei und syrische Verbündete hatten am 20. Januar eine Offensive auf die von der Kurdenmiliz YPG beherrschte Region begonnen.
Türkische Panzer stehen am 12. März 2018 in der Nähe des Stadtzentrums von Afrin. Die Türkei und syrische Verbündete hatten am 20. Januar eine Offensive auf die von der Kurdenmiliz YPG beherrschte Region begonnen.

© Xinhua/dpa

Damaskus. Knapp zwei Monate nach Beginn ihrer Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien haben die türkischen Streitkräfte die Stadt Afrin eingekesselt. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete am Dienstag unter Berufung auf die Armee, der Belagerungsring sei bereits am Vortag geschlossen worden. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, mehr als 300 000 Menschen seien nun in der Region eingeschlossen.

Im Zentrum Syriens verließ nach der bislang schlimmsten Angriffswelle der syrischen Regierungstruppen erstmals eine größere Zahl von Zivilisten das Rebellengebiet Ost-Ghuta. Mehr als 150 Menschen wurden in die benachbarte Hauptstadt Damaskus gebracht, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und regierungstreue Medien meldeten. Fernsehbilder zeigten vor allem Alte, Frauen, Kinder und Verletzte, die dringend behandelt werden müssen.

Auch in Afrin hat sich die humanitäre Lage in den vergangenen Wochen immer mehr zugespitzt. Bereits in den vergangenen Tagen waren nach Angaben der Menschenrechtsbeobachter Tausende vor der türkischen Offensive geflohen. Die humanitäre Lage sei auch schwierig, weil die Strom- und Wasserversorgung in Afrin unterbrochen sei.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan warf der YPG vor, „Zivilisten als lebendige Schutzschilde“ zu missbrauchen. Die türkischen Streitkräfte hätten bei ihrer Operation bislang „3 400 Terroristen neutralisiert“, sagte er in Ankara. „Und wir stehen knapp davor, in Afrin einzumarschieren.“ Der Präsident betonte erneut, es gehe nicht darum, Afrin dauerhaft zu besetzen.

Die türkischen Streitkräfte und syrische Verbündete hatten am 20. Januar die „Operation Olivenzweig“ gegen die YPG begonnen. Die türkische Regierung stuft die YPG wegen ihrer Verbindungen zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK als Terrororganisation ein. Ankara argumentiert, dass die „Operation Olivenzweig“ nicht gegen internationales Recht verstoße. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages hatte zuletzt allerdings Zweifel daran geäußert.

Im Rebellengebiet Ost-Ghuta im Zentrum Syriens sind rund 400 000 Menschen von den Regierungstruppen eingeschlossen. Wegen der Kämpfe und Blockade ist die humanitäre Lage dort ebenfalls katastrophal.

Syrische Regierungskräfte hatten vor mehr als drei Wochen eine Offensive auf Ost-Ghuta begonnen. Sie konnten mehr als die Hälfte der Region einnehmen. Die verbliebenen Rebellengebiete sind in drei Teile aufgespalten. Seit Beginn der Offensive sind nach Angaben von Aktivisten rund 1 200 Menschen durch Luftangriffe und Artillerie ums Leben gekommen. Die UN hatten am Montag gefordert, mehr als 1 000 Kranke und Verletzte so schnell wie möglich aus Ost-Ghuta zu bringen.

Aus syrischen Armeekreisen hieß es, Kranke und Verletzte aus dem Ort Duma in Ost-Ghuta sollten in Damaskus behandelt werden. Syriens Verbündeter Russland habe sich mit den beiden führenden Rebellengruppen Dschaisch al-Islam und Failak al-Rahman auf den Abtransport geeinigt. Rebellen erklärten, die Einigung sei über die Vereinten Nationen erzielt worden. Ein Sprecher von Dschaisch al-Islam kündigte zugleich an, der Kampf in Ost-Ghuta gehe weiter.

Bilder des regierungstreuen Senders Al-Ikhbaria zeigten, wie Busse die Menschen aus dem Gebiet brachten. Aus den Fahrzeugen stiegen Alte, Frauen, Kinder und Verletzte. Mitarbeiter des syrischen Roten Halbmonds nahmen die Menschen in Empfang. Russland hat für Ost-Ghuta eine tägliche fünfstündige Waffenruhe angekündigt. In den vergangenen Tagen hatten trotzdem nur vereinzelt Menschen das Gebiet verlassen. Auch Hilfslieferungen kamen bisher kaum hinein.

Die Vizechefin des UN-Nothilfebüros (Ocha), Kate Gilmore, erklärte in Genf, die Menschheit versage in Syrien. Allein in Ost-Ghuta lebten 125 000 Kinder seit Jahren unter Belagerung, würden permanent bombardiert und seien schwer traumatisiert. „Die Zeit der Hoffnung ist vorüber“, sagte sie. Niemand werde aber ungestraft davon kommen. „Wir schauen nicht tatenlos zu.“ Verantwortliche für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit würden identifiziert und Beweise gesammelt. Ein Tribunal werde sie zur Rechenschaft ziehen. (dpa)

Leser-Kommentare

Seite 1 von 2

Insgesamt 6 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Ernst Haft

    Völkerrechtswidriges Morden auf fremdem Staatsgebiet! Aber Türken sind doch die Guten, oder? Da muss die „demokratische Weltgemeinschaft“ nichts machen, das ist schon richtig, was da abläuft!?

  2. Dresdner45

    (1)@Ernst Haft, genau diese Verlogenheit in der Politik und bei den Medien will keiner sehen. Sie hoffen, dass das Volk genauso beschränkt ist. Es werden immer weniger Menschen, die sich hinter das Licht führen lassen, aber dann jammern, dass die Gegenwehr in der Welt immer größer wird

  3. Fritz

    Und das mit deutschen Panzern.....wo bleibt der Aufschrei der Guten.........SPD;CDU.Und die Türkei bekommt noch EU - Geld.

  4. Wenzel 4

    Autokraten wie Erdogan haben nicht Angst vor vermeintlichen "Terroristen", auch wenn er alle politischen Gegner so bezeichnet. Die kurdisch verwalteten Gebiete südlich der Türkei bedrohen Erdogan nicht mit Terror, sondern mit einer für diese Region relativ moderne Politik mit Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und einer moderaten Nationalitätenpolitik. Nach der Befreiung vom türkisch unterstützten IS kan man dort wieder relativ sicher und friedlich leben. Die Schweiz sieht die YPG und PKK und deren Verhältnis zur Türkei wesendlich objektiver. Liegt das daran, dass die Scheiz nicht Rücksicht auf einen fragwürdigen NATO-Partner nehmen muß?

  5. Der echte jk

    "Türkei kesselt Kurden in Syrien ein" - das war uns der Starjournalist Yücel wert. Die eine oder andere deutsche Panzerlieferung Richtung Türkei führt dann sicher wieder zu herzlichen Begegnungspartys zwischen Türken und Kurden in Köln, Duisburg und anderswo.

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 2

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.