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Mittwoch, 16.05.2018 Aus dem Gerichtssaal

Tatort Telefonzelle

Wenn der Angeklagte Blaue sieht, sieht er rot. Und ist dabei meistens ziemlich blau.

Von Jürgen Müller

Von einer öffentlichen Telefonzelle aus ruft der Angeklagte über de Notruf die Polizei an, beleidigt und bedroht die Polizisten.
Von einer öffentlichen Telefonzelle aus ruft der Angeklagte über de Notruf die Polizei an, beleidigt und bedroht die Polizisten.

© dpa

Meißen. Die Älteren werden sich erinnern: Früher gab es mal Telefonzellen. Für die Handygeneration sei erklärt: Das waren sozusagen begehbare Handys. Ein paar ganz wenige Überbleibsel aus der Vergangenheit gibt es sogar heute noch. Und von derartigen Telefonzellen ruft ein 33-jähriger Radebeuler über den Notruf immer wieder die Polizei an. Nicht, um einen Notfall zu melden, sondern um die Polizisten übel zu beleidigen. „Drecksbulle“ und „schwuler Bulle“ sind dabei noch die freundlicheren Bezeichnungen. „Heute verreckt einer von euch, ihr Hurensöhne“, schreit er in den Hörer. Oder: „Heute zünden wir euch an. Steigt eine von euch Schlampen aus, schlitze ich sie auf.“ Der Mann hat offenbar ein Problem mit der Polizei. Wenn er Blaue sieht, sieht er rot. Bei seinen Anrufen ist er immer ziemlich blau, das hört man auch auf den Telefonmitschnitten an der lallenden Sprache. Durch die Anrufe aus öffentlichen Telefonzellen fühlt er sich wohl sicher. Das erste Mal ist eine Streife schnell vor Ort, findet ihn aber nicht. Beim zweiten Anruf wird er in der Nähe der Telefonzelle festgenommen.

Dem Mann, der zuletzt obdachlos war, wird noch eine ganze Reihe anderer Straftaten vorgeworfen. Gemeinsam mit seiner Schwester soll er in einem Markt in Dresden gestohlen haben. Bei einem anderen Diebstahl hatte er ein Wurfmesser bei sich. Und in einem dritten Fall drohte er einer Verkäuferin, die ihn verfolgte, mit dem Messer. Als sie ihn stellt, ruft er: „Verpiss´ dich, sonst hole ich mein Messer raus!“ Sie lässt daraufhin von ihm ab. „Das ist es nicht wert“, sagt die 33-Jährige als Zeugin vor Gericht. Auch bei diesen Taten war er betrunken, ebenso als er mit einem Fahrrad angehalten wurde. Da hatte er 1,9 Promille Alkohol in der Atemluft und auch noch eine geringe Menge Drogen im Rucksack.

Richtig Pech hatte der Mann am Freitag, dem 13. Da wird er wieder von der Polizei angehalten und gleich mitgenommen. Denn gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor, weil er zu seiner Gerichtsverhandlung nicht erschien. Und so macht der Mann einen „Schnupperkurs“ im Gefängnis, bleibt bis zur Verhandlung zwei Wochen in Haft.

„Mein Leben ist nicht so lebenswert“, sagt der 33-Jährige. Auch seine Eltern seien Alkoholiker gewesen, seine Mutter starb vor drei Jahren an Leberzirrhose. „Ich hab´ doch nichts anderes kennengelernt“, sagt er. Zwei Entgiftungen hat er gemacht, war danach trocken. Das erste Mal exakt eine Woche, das zweite Mal dauerte es ein bisschen länger. „Ich hatte nach dem Tod meiner Mutter beschlossen, mein Leben zu ändern“, sagt er. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach. Nach zwei Monaten bricht er die Therapie ab, greift wieder zur Flasche. Sechs, sieben Flaschen Bier pro Tag und drei Flaschen Schnaps die Woche trinke er, gibt er zu.

An die Beleidigungen will er sich nicht mehr erinnern können. Dass er bei einem Diebstahl ein Messer mit hatte, sei reiner Zufall gewesen. „Ich hatte es an diesem Tag gekauft, nur deshalb hatte ich es mit“, sagt er. Es sei im Rucksack gewesen. Die Polizisten finden es aber in der Hosentasche. Messer finde er interessant. Er brauche sie für sein Hobby, das Schnitzen, sagt er. Den Polizisten hatte er gesagt, das Wurfmesser sei sein Brotmesser.

Wegen räuberischen Diebstahls, Diebstahls mit Waffen, Missbrauchs von Notrufen, Beleidigung und Bedrohung, Drogenbesitzes und Trunkenheit im Verkehr fordert die Staatsanwältin eine Haftstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten. Das Schöffengericht verhängt zwar nur ein Jahr und neun Monate, aber auch diese ohne Bewährung. Messer und Alkohol seien eine gefährliche Kombination, so der Vorsitzende Richter: „Beim Messer hört der Spaß auf“. Er macht aber auch deutlich, dass er den Mann unter Druck setzen will, damit er sein Alkoholproblem ernsthaft angeht. Denn macht er bis zur Berufungsverhandlung erfolgreich eine solche Therapie, ist dann also „trocken“, kann er vielleicht in der Berufung doch noch auf Bewährung hoffen. Dann, aber eben nur dann.