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Donnerstag, 08.10.2015

Streit um Prohliser Schule eskaliert

Eltern streiken und behalten ihre Kinder zu Hause. Unbekannte warfen Molotowcocktails auf das geplante Asylheim.

Von Bettina Klemm und Nora Domschke

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Gestern wurde ein Brandanschlag auf die geplante Asylunterkunft in Prohlis verübt.
Gestern wurde ein Brandanschlag auf die geplante Asylunterkunft in Prohlis verübt.

© Sven Ellger

  • Gestern wurde ein Brandanschlag auf die geplante Asylunterkunft in Prohlis verübt.
    Gestern wurde ein Brandanschlag auf die geplante Asylunterkunft in Prohlis verübt.
  • In das Schulgebäude vorn sollen noch in dieser Woche 150 Flüchtlinge einziehen. Die Eltern der Grundschule dahinter haben Angst vor Krawallen.
    In das Schulgebäude vorn sollen noch in dieser Woche 150 Flüchtlinge einziehen. Die Eltern der Grundschule dahinter haben Angst vor Krawallen.
  • Im Eingangsbereich sind die Spuren des Anschlags zu sehen.
    Im Eingangsbereich sind die Spuren des Anschlags zu sehen.

In der 89. Grundschule packen Lehrer und Eltern seit gestern Nachmittag Kisten. Die Schule zieht definitiv aus der Boxberger Straße aus. Deshalb gibt es heute und morgen auch keinen regulären Unterricht, aber eine Notbetreuung. Das haben die Eltern gestern Abend erfahren. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden die Schüler nach den Herbstferien in der Schule am Terrassenufer unterrichtet.

In einem Teil des Schulkomplexes an der Boxberger Straße sollen noch in dieser Woche 150 Asylbewerber einziehen. Doch die Eltern fürchten um die Sicherheit ihrer Kinder. Der Streit nahm dramatische Züge an. Die meisten Eltern haben deshalb gestern ihre Kinder nicht in die Schule geschickt. „Wir fürchten um die Sicherheit unserer Kinder“ und „Wir haben Angst um unsere Kinder“ stand an den Fenstern. Die Eltern sehen nicht in den Asylbewerbern die Gefahr, sondern erwarten vor dem Heim Krawalle und Auseinandersetzungen von Asylgegnern und -befürwortern.

Dass die Sorgen nicht unbegründet sind, zeigt ein Brandanschlag auf das Schulgebäude in der Boxberger Straße. Unbekannte hatten am Mittwoch zwischen 1.30 und 2 Uhr vier Molotowcocktails in den Teil des Schulgebäudes geworfen, in dem Flüchtlinge untergebracht werden. Glücklicherweise war es den Tätern aber nicht gelungen, einen Brand auszulösen.

Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) ist von der Eskalation geschockt: „Der Anschlag auf das Schulgebäude ist beschämend und widerlich. Nichts, wirklich gar nichts rechtfertigt eine solche Tat“, sagt er. Mit Gewalt sei eine Grenze überschritten. „Ich warne auch diejenigen, die vielleicht heimlich Beifall klatschen: Der Schaden solcher Taten ist für die Stadt weit größer als kaputte Türen und Fensterscheiben“, so der Oberbürgermeister. Er werde nicht hinnehmen, dass fremdenfeindliche und rassistische Anschläge das Klima in der Stadt vergiften.

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Die Stadt habe von Anfang an gesagt, dass der Schulbetrieb durch die zeitweilige Unterkunft für die Flüchtlinge nicht beeinträchtigt werden dürfe, sagt Rathaussprecher Kai Schulz. So bemühe sich die Stadt um ausreichend Sanitärcontainer, um hygienische Probleme zu verhindern.

Auch die Eltern der Schüler sind über die Eskalation entsetzt. „Von einem Brandanschlag haben wir nichts gewusst, als wir uns entschieden haben, unsere Kinder für einen Tag nicht in die Schule zu schicken“, erzählt die Mutter eines Schülers einer zweiten Klasse. Die Eltern seien von dem Gespräch mit Schulbürgermeister Peter Lames am Montag enttäuscht gewesen. „Wir hatten das Gefühl, er nimmt unsere Sorgen nicht ernst. Die beiden Schulen haben beispielsweise eine gemeinsame Brandmeldeanlage. Auch ein geplanter Sichtschutz hilft nicht“, so die Mutter.

„Kaum mehr als 20 der 240 Schüler sind zum Unterricht erschienen“, sagt Frank Hannig. Der Bevollmächtigte einer Bürgerinitiative hat gestern früh gemeinsam mit Schulleiterin Barbara Klemm am Schuleingang gestanden und gezählt.

Die Bürgerinitiative hatte sich am Abend zuvor gebildet, um eine gemeinsame Unterkunft von Schülern und Flüchtlingen in dem baulich nicht komplett getrennten Schulgebäude zu verhindern und zugleich die Sorgen der Eltern öffentlich bekannt zu machen. „Es ist abzusehen, dass rechte als auch linke Krawallmacher, politische Parteien und Bürgerbewegungen die Situation an der Schule für ihre Zwecke vereinnahmen werden und dort demonstrieren wollen“, sagt Hanning. Bereits nach der Ortsbeiratssitzung am Montag war es zu Krawallen von etwa 60 zum Teil betrunkenen Personen, gekommen. Die Polizei musste eingreifen, um den Zugang zur Schule zu sichern. Hannig wird über Twitter als Pegida-Anwalt bezeichnet. Es stimme, er habe einige Zeit den Förderverein von Pegida beraten. „Aber ich stehe Pegida politisch nicht nah. Als Strafverteidiger bin ich streitbar und vertrete sowohl Linke als auch Rechte“, sagt er.

Jens Hänsch, ein Dresdner Rechtsanwalt, hat im Auftrag von Eltern eine einstweilige Verfügung beantragt, um die unmittelbare Nähe von Schule und Flüchtlingsunterkunft zu verhindern. Er wolle sich dazu aber nicht äußern, das verlange die anwaltliche Schweigepflicht.

Der Elternrat der 89. Grundschule distanziert sich von der Bürgerinitiative, teilt CDU-Stadträtin Heike Ahnert mit. „Der Schulelternrat hat in diversen Stellungnahmen bei Ämtern und Behörden darauf aufmerksam gemacht, dass die Entscheidung der Stadt in der geplanten Umsetzung nicht durchführbar ist“, sagt sie. Erfreulicherweise prüfe die Stadtverwaltung jetzt Alternativen. Da das Stammhaus der 89. Grundschule in der Sosaer Straße bis Februar saniert wird, müssen nun die Schüler erneut umziehen. Eine endgültige Entscheidung soll noch in dieser Woche fallen.