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Mittwoch, 30.09.2015

Stolpersteine für Wilsdruffer Familienschicksal

Johanna und Fritz Pöthig wurden gedemütigt, entrechtet, zwangsgeschieden. Nun sind sie wieder zusammen.

Von Annett Heyse

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Sorgsam werden zwei Stolpersteine aus Messing ins Wilsdruffer Pflaster gelassen. Sie erinnern an Fritz Richard Pöthig und Johanna Pöthig, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.
Sorgsam werden zwei Stolpersteine aus Messing ins Wilsdruffer Pflaster gelassen. Sie erinnern an Fritz Richard Pöthig und Johanna Pöthig, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.

© Karl-Ludwig Oberthür

  • Sorgsam werden zwei Stolpersteine aus Messing ins Wilsdruffer Pflaster gelassen. Sie erinnern an Fritz Richard Pöthig und Johanna Pöthig, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.
    Sorgsam werden zwei Stolpersteine aus Messing ins Wilsdruffer Pflaster gelassen. Sie erinnern an Fritz Richard Pöthig und Johanna Pöthig, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.
  • Für die Enkelinnen Angela Kesteloo-Pöthig und Karin Dix war es ein bewegender Moment.
    Für die Enkelinnen Angela Kesteloo-Pöthig und Karin Dix war es ein bewegender Moment.

Wilsdruff. Es sind nur zwei kleine Messingplatten, darauf Name, Geburtsjahr und ein paar Stichworte. Stichworte, die Angela Kesteloo-Pöthig und Karin Dix die Tränen in die Augen treiben. Die beiden Cousinen, 63 und 53 Jahre alt, halten sich im Arm, schauen auf den Fußweg und lesen immer wieder: gedemütigt – entrechtet – zwangsgeschieden. Ermordet. Zwei Schicksale, zwei unter Millionen Schicksalen der Jahre 1933 bis 1945. Zwei Wilsdruffer, die ins Räderwerk der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie gerieten. Eine kam davon – Johanna Pöthig. Einer überlebte nicht – Fritz Richard Pöthig. An beide erinnern nun zwei Stolpersteine auf der Dresdner Straße vor Keils Gut in Wilsdruff.

Was das Ehepaar erlebte und mitmachen musste, wusste bis vor Kurzem keiner. Jahrelang ahnten weder Enkelin Angela noch Enkelin Karin überhaupt etwas. Erst als der Vater von Karin Dix im hohen Alter Andeutungen machte, wurde sie hellhörig. Nach seinem Tod fand sie Aufzeichnungen, in denen er sich als alter Mann den Kummer der Jugend von der Seele geschrieben hatte. „Ich war erschüttert“, sagt Karin Dix. Großmutter und Großvater Pöthig sowie deren zwei Söhne und das Adoptivkind waren von den Behörden schikaniert, bedroht, getrennt wurden.

Fritz und Johanna Pöthig, Jahrgang 1899 und 1900, machten aus ihrer sozialistischen Gesinnung nie ein Hehl. Als Verwalterehepaar des Gutes Kobisch, heute als Keils Gut bekannt, hatten sie aber eine durchaus gute Stellung in Wilsdruff. Das änderte sich schlagartig, als Fritz Pöthig einen epileptischen Anfall erlitt. „Nach allem, was wir recherchiert haben, muss das um 1939 gewesen sein“, erzählt Angela Kesteloo-Pöthig.

Der Naturbursche, mittelgroß, schlank und zu dem Zeitpunkt Angestellter in einem Gussstahlwerk, wurde plötzlich zum Patienten. Die Anfälle häuften sich, Fritz Pöthig baute körperlich ab und wurde zum Geisteskranken abgestempelt in die Heilanstalt Arnsdorf eingewiesen. Dass die epileptischen Anfälle vermutlich darauf zurückzuführen waren, dass er als junger Mann im Ersten Weltkrieg in Flandern verschüttet wurde und in einen Giftgasangriff geriet, wurde von den Ärzten ignoriert. Stattdessen wurde Fritz Pöthig zwangssterilisiert. „Ein gewisser Dr. med. M. Kabisch hat das beantragt“, sagt Karin Dix. „Das habe ich in der Krankenakte gelesen.“

Johanna Pöthig und die Kinder waren ab diesem Zeitpunkt nicht nur wirtschaftlich auf sich allein gestellt. Die Behörden beorderten die Söhne Karl-Heinz und Joachim zu einer erbgutachtlichen Untersuchung, lediglich der erst sechsjährige Adoptivsohn Gerfried wurde in Ruhe gelassen. Der Ehefrau wurde gedroht, noch 1939 musste sich Johanna Pöthig von ihrem Mann scheiden lassen. Sie lebte mit den Kindern weiterhin auf Keils Gut. Fritz Pöthig zog zu seiner Mutter, gesund wurde er nicht mehr. 1944 kam er erneut nach Arnsdorf, kurz darauf in die Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz. Der Name war zu diesem Zeitpunkt irreführend – die Klinik war Teil des Euthanasieprogramms, der Ermordung von Menschen aufgrund ihrer psychischen Erkrankungen oder geistiger Behinderungen. Aus Großschweidnitz wurde Fritz Pöthig nicht mehr entlassen, er starb hier am 8. Juni 1944. Karin Dix ist sich ganz sicher: „Er wurde ermordet.“

Johanna Pöthig erlebte das Kriegsende in Wilsdruff, arbeitete im Spiegelwerk und zog 1958 sie zu ihren inzwischen erwachsenen Söhnen nach Süddeutschland. Dort wuchsen auch die Enkel auf. „Ich habe sie als strenge aber liebevolle Oma erlebt. Sie hatte nicht viel, war trotzdem großzügig und sehr lebenslustig“, erinnert sich Karin Dix. Das Schicksal des Großvaters aber blieb jahrzehntelang unerwähnt. Nun erinnern die Stolpersteine daran. Die beiden Enkelinnen schauen darauf. Was sie empfinden? „Versöhnung. Wir konnten den Großvater wieder in unsere Familie aufnehmen.“

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