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Mittwoch, 08.08.2018

Störfall Baum

Nur jeder dritte gefällte Baum wird ersetzt – jetzt arbeitet der Landkreis an einem Konzept für Alleebäume.

Von Birgit Ulbricht

Die Lindenallee zwischen Schönborn und Linz ist eine der schönsten im Landkreis Meißen. Fast wäre sie gefällt worden, aber die Landeigner stellten sich quer. Nur deshalb gibt es sie noch.
Die Lindenallee zwischen Schönborn und Linz ist eine der schönsten im Landkreis Meißen. Fast wäre sie gefällt worden, aber die Landeigner stellten sich quer. Nur deshalb gibt es sie noch.

© Anne Hübschmann

Landkreis. Eine der schönsten Baumalleen gäbe es längst nicht mehr, wären die Landeigner nicht so stur gewesen. Sie verkauften ihre Feldflächen einfach nicht, damit der damalige Landkreis Riesa-Großenhain nach der geplanten Straßenverbreiterung zwischen Linz und Schönborn eine neue Allee pflanzen kann. Denn so viel Schamgefühl hatte man 2004 im Amt dann doch noch, wenigstens neu zu pflanzen. 2009 sollte alles fertig sein. Doch weil die Landeigner partout nicht mitspielten, gibt es die Lindenallee zwischen Linz und Schönborn heute noch.

Nun mag man das als Provinzposse abtun. Fakt ist, dass die Landeigner tatsächlich diejenigen sind, die entscheidend mitbestimmen, ob Baumalleen eine Zukunft haben. Denn wie es am Straßenrand aussieht, bestimmen zwei Regelwerke, die sich widersprechen. Einmal „Die Empfehlung zum Schutz vor Unfällen mit Aufprall auf Bäume“ und die „Richtlinie für passiven Schutz an Straßen“.

Erstere fordert mindestens einen Abstand von 4,50 Meter von neu gepflanzten Straßenbäumen. Zweitere sogar 7,50 bis 12 Meter. Ein Blick ins Leben zeigt: Acker und Wiesen grenzen meistens unmittelbar an Straßen an, also noch weit unterhalb von 4,50 Meter. Im Landkreis Meißen trifft das sogar auf 96 Prozent des Baumallee-Bestandes zu, so Behördensprecherin Kerstin Thöns. Der Kreis ist also auf Landverkauf angewiesen, wenn er nachpflanzen will. Der Enthusiasmus zu verhandeln, dürfte sich allerdings in Grenzen halten. Denn „Straßenbäume sind zudem nicht ersatzpflichtig, wenngleich die Landkreise und auch wir als Baulastträger das aus landschaftspflegerischen Gründen dennoch anstreben“, versichert Isabell Siebert, Pressesprecherin des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr, die Behörde, die Fällungen und Neupflanzungen genehmigt. Die der Kreis begutachtet, ob Bäume krank sind oder nicht, ob es sich lohnt, an der Stelle neue Bäume zu pflanzen oder nicht.

Entsprechend sieht es in der Landschaft aus. 15 184 Bäumen stehen an Kreisstraßen. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Wolfram Günther stellte jüngst eine Anfrage an die Staatsregierung, aus der hervorging, dass nur jeder dritte gefällte Straßenbaum überhaupt ersetzt wird. Tiefpunkt dieser Entwicklung war das Jahr 2015, als im gesamten Landkreis Meißen nur 13 Bäume an Staats- und Bundesstraßen nachgesetzt wurden. Wolfram Günther hat ausgerechnet, dass Meißen damit unter den Landkreisen auf dem vorletzten Platz liegt.

Nur im Landkreis Mittelsachsen sieht es noch schlimmer aus. Nach jedem tödlichen Unfall, wie jüngst auf der Straße von Reichenberg nach Moritzburg, werden die ohnehin rigiden Regelwerke noch strikter ausgelegt, schließlich geht es um den Schutz von Menschenleben. So wird aus dem kostenverursachenden, ärgerlichen Straßenbaum der Feind Nummer eins.

Regelmäßige Schreiben des Bundesverkehrsministeriums über aktuelle Baumunfälle – wie im Jahr 2015, als 600 Menschen starben – halten den stetigen Trend zur Abholzung wach. Abhilfe könnte da ausgerechnet wieder ein technisches Regelwerk schaffen, diesmal geht es um Leitplanken, so wie sie an der B 6 zwischen Meißen und Riesa durchgängig angebracht wurden, um Autofahrer vor tödlichen Unfällen zu schützen. Allerdings sind solchen Leiteinrichtungen noch teurer und für Motorradfahrer eine tödliche Falle, wenn kein Unterrutschschutz angebracht ist. Das verteuert die Anlagen noch einmal.

110 000 Euro gibt der Landkreis Meißen an seinen Kreisstraßen pro Pflegegang für seine 15 184 Bäume aus. Zweimal im Jahr findet er statt, bei Problemen natürlich öfter. „Bei Unwettern oder anderen Schäden kann sich diese Summe schnell verdoppeln“, sagt Behördensprecherin Thöns. Das lässt erahnen, welche Zahlen hier erst stünden, wenn der Landkreis noch Pflanz-Land kaufen und überall Leitplanken setzen würde. Dennoch hat der Landkreis Meißen das Problem erkannt. Bis zum Jahresende will er erstmals eine Konzeption für Straßenbäume vorlegen. Wie immer die ausfällt: es wird teurer. Zusätzliche Gelder hat das Kreisstraßenbauamt deshalb schon mal für die Haushaltjahre 2019/2020 beantragt. Doch solange der Gesetzgeber Nachpflanzen nicht zur Pflicht erklärt, wird die Position bei Sparrunden immer wieder auf der Streichliste landen.

Und so bleibt es vorerst dabei, dass die Landeigner entscheidend über das Wohl und Wehe von alten Baumalleen bestimmen. Wenn die Pächter freilich sprichwörtlich bis an die Straße heran ackern, weil jeder Quadratmeter im Geschäft um die Subventionen aus Brüssel zählt, dann sieht es für Bäume schlecht aus.

Aber von der Straße wie vom Feld aus, ist es der Mensch, der Baumalleen zum Störfall erklärt.