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Montag, 21.05.2018

Starthilfe ins Leben

Junge Leute ohne Job haben oft mehr als ein Problem. Das weiß man auch in den Ämtern – und geht neue Wege.

Von Miriam Schönbach

Erik Seeliger arbeitet im Steinhaus Bautzen. Mit der Jugendarbeitsagentur hilft er jungen Menschen, die Starthilfe ins Leben brauchen.
Erik Seeliger arbeitet im Steinhaus Bautzen. Mit der Jugendarbeitsagentur hilft er jungen Menschen, die Starthilfe ins Leben brauchen.

© Uwe Soeder

Bautzen. Kurz nach 14 Uhr kommen die ersten Jugendlichen. Manche wollen nur Freunde treffen, andere ganz entspannt eine Runde Billard spielen. Einige bringen aber auch ihre Sorgen mit zum täglichen Treff ins Steinhaus. Aus diesem Grund gehören Jugendhäuser wie das in Bautzen zum neuen Netzwerk der Jugendberufsagentur. Vor einem halben Jahr rief der Landkreis das Projekt ins Leben, um jungen Menschen ohne Job Starthilfe ins Leben zu geben.

„Stress, Sorgen, Probleme, Ärger – jeder braucht mal Hilfe“ – so steht es auf dem Flyer an der Pinnwand im Steinhaus. „Wir brauchen diese niederschwelligen Angebote, manche Menschen finden keinen Zugang zu Behörden und bleiben passiv“, sagt Jobcenter-Chef Mathias Bielich.

Der Weg zum eigenen Lebensplan

Neben seinen Mitarbeitern sitzen das Kreisjugendamt und die Agentur für Arbeit mit im Boot. Ihr Angebot richtet sich an Männer und Frauen unter 27 – meist sind sie ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung. Zum Fall für die Jugendberufsagentur wird ein Hilfesuchender bei mindestens zwei komplexen Problemen. „Das können Arbeitslosigkeit, Kindswohlgefährdung, aber auch Verschuldung oder drohender Jugendarrest sein“, sagt Monique Rex, Sachgebietsleiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) im Jugendamt.

Die jeweiligen Fälle besprechen alle drei Ämter gemeinsam. „Es geht darum, früh zu erkennen, wo wir handeln müssen“, sagt Mathias Bielich. Eine solche Besprechung ist am besten mit Fallkonferenzen in der Medizin zu vergleichen. Ärzte aus ganz unterschiedlichen Gebieten setzen sich dabei an einen Tisch, um für den Patienten mehrere Behandlungsmethoden für die beste Therapie zu kombinieren.

35 Fälle haben Jugendamt, Jobcenter und Arbeitsagentur bislang auf diese Weise angepackt. Die meisten Betroffenen hatten einen Hauptschulabschluss oder die Schulausbildung abgebrochen. Ein Großteil kam über die Agentur für Arbeit. „Die Mitarbeiter sehen bei der Berufsberatung die Probleme und sind alle sensibilisiert, über den Tellerrand zu schauen“, sagt Jugendamtsleiterin Birgit Hoffmann. Der Weg zum eigenen Lebensplan führt dann meist über ein erstes Krisengespräch.

Familienhelfer eingesetzt

Die Zahl 35 erscheint auf den ersten Blick zwar nicht sehr hoch, „Die Fälle, denen wir uns gemeinsam widmen, sind aber oft sehr komplex“, sagt Mathias Bielich. Als Beispiel nennt er ein junges Paar, das gerade ein Kind bekommen hat. Der Vater hat die Ausbildung abgebrochen und stand in der Vergangenheit häufiger wegen kleinerer Straftaten vor Gericht. Die Mutter ist von der Geburt des Kindes und der eigenen Lebenssituation überfordert.

Die drei Ämter kümmern sich bereits unabhängig voneinander um die beiden. Sie erhalten zum Beispiel Hartz IV, auch bei der Jugendgerichtshilfe gibt es eine Akte. „Als das Kind geboren wurde, haben wir überlegt: Wie gehen wir weiter vor“, sagt Monique Rex. Als erste Maßnahme wird ein Familienhelfer eingesetzt. Er unterstützt beide dabei, ihren neuen Alltag mit dem Säugling zu meistern. Da sich die Mutter aber seelisch nicht fängt, wird ihr der sozialpsychiatrische Dienst an die Seite gestellt. Um das Kindeswohl und die Ausbildung des Vaters zu sichern, bekommt er das Angebot in eine betreute Vater-Mutter-Kind-Gruppe zu gehen.

Kurze Wege, rasche Abstimmung, schnelle Hilfe. So kommt wieder Ordnung ins Leben der kleinen Familie. Inzwischen geht der junge Mann regelmäßig zu seiner Ausbildung, die Gerichtsauflagen sind erledigt – und auch als Vater bewährt er sich. „Jetzt geht es darum, ihm eine eigene Wohnung zu besorgen. Zur Stabilisierung geben wir noch vier Stunden Familienhilfe mit hinein. Aus unserer Sicht können die drei nun ihren Weg gehen“, sagt die Mitarbeiterin des Jugendamtes.

Für Jobcenter-Chef Mathias Bielich zeigt dieses Beispiel, dass die Idee der Jugendberufsagentur funktioniert. Er ist überzeugt: „Sozialpolitik hat die Aufgabe, jedem eine Chance zu geben – aber auch den einen oder anderen mal zu schubsen.“