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Sonntag, 12.06.2016

Sorben bolzen doppelt bei EM

Zur Europameisterschaft der Minderheiten schickt das kleine Volk aus der Lausitz zum ersten Mal auch eine Frauenauswahl in den Wettbewerb. Die Sorben wollen zeigen: Ihre Tradition ist mehr als nur Folklore.

Peter Böhmak (l), Trainer der sorbischen Frauen-Elf, gibt während des Trainings der sorbischen Auswahl für die Fußball-Europameisterschaft der Minderheiten auf dem Sportplatz in Ralbitz.
Peter Böhmak (l), Trainer der sorbischen Frauen-Elf, gibt während des Trainings der sorbischen Auswahl für die Fußball-Europameisterschaft der Minderheiten auf dem Sportplatz in Ralbitz.

© dpa

Bautzen/Bozen. Die Kirchturmuhr in Ralbitz schlägt 14 Uhr. Es herrscht Samstagnachmittagsstille in dem kleinen Dorf zwischen Bautzen und Kamenz. Lediglich vom Sportplatz schallt immer wieder der fordernde Ruf „Schneller, schneller, schneller“ - auf Sorbisch. Über den Rasen rennen 20 Fußballerinnen in der Hitze dem Ball hinterher. Mit Leidenschaft trainieren sie für ein gemeinsames Ziel: Bei der Fußball-Europameisterschaft der Minderheiten ab 18. Juni im italienischen Südtirol will sich die sorbische Auswahl in blau-rot-weiß einen Platz auf dem Siegertreppchen sichern. Neben den Männern kämpfen die Frauen erstmals um den Europa-Meistertitel.

Trainer Peter Böhmak holt seine Schützlinge zusammen. Vor ihm stehen Schülerinnen, Studentinnen, Kindergärtnerinnen und Sekretärinnen. Einige von ihnen sind aktive Spielerinnen, andere kickten bis jetzt nur zum Spaß mit ihren Kindern auf der Wiese. „Als wir hörten, dass erstmals weibliche Mannschaften bei der EM erlaubt sind, haben wir uns einen Coach und Mannschaftsleiter gesucht“, sagt Franziska Hellner. Die 31-Jährige nimmt sich genau wie ihre Kolleginnen Urlaub für die Teilnahme bei der Europeada. Gegen fünf andere Mannschaften müssen sie antreten.

Insgesamt sind bei der dritten Europeada-Auflage 24 alteingesessene Minderheiten Europas von A wie Aromunen aus Rumänien bis Z wie die Zimbern aus Italien dabei. Mit 24 Männer- und sechs Frauenteams sei ein Anmelde-Rekord erreicht, berichtet die Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen (FUEN) als Ausrichter. Die Idee, eine Europameisterschaft der Minderheiten parallel zur offiziellen Fußball-EM durchzuführen, entstand vor knapp zehn Jahren. Den ersten Testlauf gab es 2008 bei den Rätoromanen im schweizerischen Graubünden.

Viele Fans mit dabei

Vier Jahre später trafen sich die Fußballer der kleinen Volksgruppen in der Lausitz. „Mit dem Thema Fußball können wir zeigen, dass Minderheiten mehr als nur Tanz und Trachten sind“, sagt Domowina-Vorsitzender David Statnik. Der Bund Lausitzer Sorben kümmert sich für seine Spieler um das Organisatorische. Mit etwa 500 Fans rechnet Statnik, die die beiden „wubrankas“ anfeuern werden. Wubranka ist Sorbisch und heißt Nationalmannschaft. „Nachdem die Südtiroler bei uns gewonnen haben, wären wir jetzt dran“, so der Domowina-Chef.

Fußball-Wettkampf der nationalen Minderheiten

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DIE GRÖSSTE MNDERHEIT:

Zu einer der größten der 24 teilnehmenden Minderheiten bei der Europeada gehören die Okzitaner aus Frankreich. Nach aktuellen Schätzungen gibt es noch zwischen ein bis zwei Millionen Menschen, die diese Sprache täglich verwenden.

Sie wird heute von Toulouse bis zum Rhônetal in 31 von 101 französischen Départements gesprochen. Okzitanisch entstand vor über 800 Jahren im Süden Frankreichs. (dpa)

DIE KLEINSTE MINDERHEIT:

Als eine der kleinsten Minderheiten schicken die Zimbern ihre Mannschaft in den Wettbewerb. Zur Volksgruppe aus der Provinz Trient in Italien gehören noch gut 1000 Menschen. Vor gut 200 Jahren sprachen in den Bergen zwischen Etsch, Brenta und der Po-Ebene noch 20000 Menschen Zimbrisch.

Mittelpunkt des zimbrischen Lebens ist das Trentiner Lusern, ein auf 1300 Metern gelegenes, schwer zugängliches Bergdorf mit 300 Einwohnern. (dpa)

DIE TITELVERTEIDIGER:

Die Auswahl „Südtirol“ ist zweifacher Europeada-Titelverteidiger. Sie nahm den Pokal 2012 sowie 2008 mit nach Hause.

Die Fußball-Elf vertritt die deutschsprachige Minderheit in Südtirol. Diese wird auf 350000 Menschen geschätzt. Sie leben in der Provinz Bozen. (dpa)

DIE ERFOLGREICHSTE MINDERHEIT:

Bei der Europeada 2012 trat eine Amateur-Auswahl der Waliser bei der Minderheiten-EM an. Vier Jahre später haben sich die Profis für die Fußball-EM in Frankreich qualifiziert.

Für Wales ist es die erste Teilnahme an einer EM-Endrunde und die begann gleich mit einem Auftaktsieg gegen Gruppengegner Slowakei.

Neben der National-Elf aus Wales sind mit England sowie erstmals Nordirland insgesamt drei britische Mannschaften in der EM-Endrunde in Frankreich dabei. (dpa)

DIE SORBISCHE MINDERHEIT:

Die Sorben oder Wenden in der Ober- und Niederlausitz können auf etwa 1400 Jahre Geschichte zurückblicken.

Heute umfasst die Minderheit der Sorben etwa 60000 Menschen, davon leben 40000 in der Ober- und 20000 in der Niederlausitz. (dpa)

Doch vor dem Erfolg steht der Schweiß: Immer wieder feuert Trainer Böhmak sein Team der 15- bis 42-Jährigen an. 22 Frauen und 20 Männer sind für den Mannschaftskader nominiert. Die Wettkampfsprache ist Sorbisch. „Wir sind ein bisschen stolz, dass wir als kleinste slawische Minderheit mit 60 000 Menschen doppelt in den Wettkampf gehen können“, sagt Böhmak. Seine Mannschaft muss ihre erste Wettkampfprobe am 19. Juni gegen die Okzitanerinnen aus Frankreich bestehen. Die Männerauswahl läuft gegen das Team Nordschleswig auf. Insgesamt werden an sechs Tagen bis zum 26. Juni 67 Spiele ausgetragen.

Friedliches Miteinander

Die Gastgeber, die deutschsprachigen Südtiroler und die Ladiner aus den Dolomiten, freuen sich schon auf den Wettstreit im Pustertal und Gadertal: „Die Idee der Europeada ist, zu zeigen, wie Zusammenleben funktionieren kann. Mit klarem Bekenntnis für friedliches Miteinander und Respekt in aller Verschiedenartigkeit werden wir dieses europäische Großereignis durchführen“, sagt Martha Stocker, Südtiroler Landesrätin und FUEN-Vizepräsidentin. Die FUEN vertritt die Interessen dieser europäischen Minderheiten.

Zur Pause nach einer Stunde schlägt in Ralbitz wieder die Kirchturmuhr. Die Fußballerinnen stärken sich mit Wasser, Keksen und Bananen. Torfrau Jadwiga Richter dehnt sich und schüttelt unzufrieden den Kopf. Die Brandoberinspektorin der Dresdner Berufsfeuerwehr hat eine Zerrung und muss zur Physiotherapeutin. Glücklicherweise spielt gleich eine mit im Team. Nach ein paar Minuten geht es zurück auf den Platz. „Bei einer EM oder WM fiebern wir ja sonst für Deutschland. Nun können wir dieses Gefühl mal selbst erleben, wie es ist, wenn unsere Nationalhymne erklingt“, sagt Franziska Hellner. Dann zieht sie sich die Stutzen hoch und läuft wieder auf den Rasen. Erst wenn die Kirchturmuhr wieder läutet, ist das Training der „wubranka“ zu Ende. (dpa)