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Freitag, 03.08.2018

Sollen sie sagen, was sie wollen

Er ist der namhafteste Neuzugang, aber der beste? Patrick Ebert interessiert das nicht. Der 31-Jährige hat schon genug erlebt, um zu wissen, worauf es ankommt.

Von Tino Meyer

Er geht seinen Weg, auch wenn da gerade kein Weg entlangführt. Patrick Ebert hat ereignisreiche Jahre hinter sich und große Ziele vor Augen. Mit Dynamo will er in die Bundesliga aufsteigen.
Er geht seinen Weg, auch wenn da gerade kein Weg entlangführt. Patrick Ebert hat ereignisreiche Jahre hinter sich und große Ziele vor Augen. Mit Dynamo will er in die Bundesliga aufsteigen.

© Robert Michael

Plötzlich ist er da, leichtfüßig tänzelnd und hüftkreisend, die Hände schwingen, zwei Schritte vor, einen zurück. Der Mann im Auto neben ihm ist aus dem Häuschen – und die Netzgemeinde auch. Da traut sich einer mal was ... Das ist der Tenor auf die kleine, in einem 25-Sekunden-Video festgehaltene Tanzeinlage von Patrick Ebert in einer Tiefgarage, die Dynamo Dresden kürzlich über seine Instagramseite in die virtuelle Welt schickte.

Und in der wirklichen, der realen Welt, also auf dem Fußballplatz? Gibt Dynamos prominentester Neuzugang dort eine ebenso gute Figur ab? Kann er, dessen Glanzzeiten schon länger zurückliegen, die großen Erwartungen erfüllen? Kann er überhaupt noch was nach einem Jahr, in dem er kaum Spiele bestritten hat?

Ebert kennt alle diese Fragen, dazu die Vorurteile, und er erwartet geradezu, auf seine ereignisreiche, turbulente Vergangenheit angesprochen zu werden – weil das schließlich immer wieder passiert. „Die Frage kommt jedes Mal“, sagt der 31-Jährige einigermaßen gelangweilt wie genervt. Dabei ist es doch wirklich interessant zu erfahren, wie er es findet, 2009 mit Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil den U 21-Europameistertitel gewonnen zu haben, aber 2014 nicht dabei gewesen zu sein, als die Mitspieler von einst Weltmeister wurden. Özil und Boateng sollen 2012 ja sogar noch bei Auswahlmanager Oliver Bierhoff vorstellig geworden sein, um dem Kumpel ins Team zu verhelfen. „Aber wenn du bei Joachim Löw einmal in der falschen Schublade steckst“, erklärte Ebert kürzlich dem Magazin 11 Freunde, „ist es schwer.“

Eine Antwort auf die Frage mit der WM gibt der gebürtige Potsdamer dann trotzdem, wenn auch ausweichend. Abducken kann und will Ebert nicht. „Ich bin nicht neidisch, auf keinen und nichts“, sagt er. Nur zurückblicken mag er nicht gern. Vermutlich weil es offensichtlich ist, warum Özil bei Arsenal London spielt und Boateng von Bayern München zu Paris St. Germain wechseln könnte, Ebert aber in Dresden unterschreibt. Warum also einer wie er, der zu den größten deutschen Talenten seiner Generation zählt, nicht nur beim Bundestrainer in die Schublade geriet mit dem Stempel: verhaltensauffällig.

Ebert ist in Berlin aufgewachsen und erzählt von einer harten Zeit in den wilden Nachwendejahren. Als Jungprofi hat er bei Hertha BSC dann sehr schnell sehr viel Geld verdient; dazu die Verlockungen der Großstadt, falsche Freunde, falsche Entscheidungen und Negativschlagzeilen wie die Autospiegel-Affäre. 13 Wagen sollen er und sein Kumpel Kevin-Prince Boateng im März 2009 bei einem nächtlichen Kreuzzug beschädigt haben.

Nach sechs Jahren und 109 Bundesligapartien für Hertha spielte Ebert anschließend bis 2017 insgesamt vier Jahre in Spanien, zwischendurch für Spartak Moskau („Das waren gute Erfahrungen, beide Sachen“), danach ein halbes Jahr nirgendwo und zuletzt vier Monate in Ingolstadt. Das Internet vergisst nichts, Ebert auch nicht. Doch die Vergangenheit ist Vergangenheit und Rückblicke vertane Zeit, meint er. „Du kannst eh nichts mehr verändern.“

Nun ist der zentrale Mittelfeldspieler in Dresden angekommen, beim Vorjahres-14. der zweiten Liga. Ein Abstieg auf Raten!? „Jeder hat seine eigene Meinung und jeder soll sagen, was er denkt. Entscheidend ist, was ich auf dem Platz abliefere. Danach will ich beurteilt werden“, meint Ebert, und er weiß, dass er damit mögliche Zweifel vorerst kaum ausräumen kann.

Der kriselnde Erstliga-Absteiger Ingolstadt hatte ihn im Winter als Hoffnungsträger geholt, doch über vier Kurzeinsätze kam Ebert nicht hinaus. Für Außenstehende sieht das mindestens komisch aus. Der Trainer habe ihm gesagt, er mache alles richtig, er solle weiter so gut trainieren. Nur spielen lassen, so erzählt es Ebert, hat er ihn nicht. „Das kam mir auch komisch vor. Aber man sieht sich immer zweimal im Leben.“ Dynamo dürfte also so etwas wie ein Neuanfang sein, auch wenn das Wort so nicht fällt.

Von den sieben Neuzugängen ist er der mit Abstand namhafteste, der erfahrenste. Und der beste? Nicht wenige sehen in ihm zumindest den legitimen Nachfolger von Cristian Fiel und Andreas Lambertz, die eine ähnliche Rolle innehatten. Die Mannschaft führen und zusammenhalten, auf dem Platz und in der Kabine. Den hohen Anspruch stellt auch Ebert an sich („Ich habe nie wirklich ein Blatt vor den Mund genommen, auch nicht gegenüber Älteren.“), nur mit den Vergleichen kann er wenig anfangen. „Eigentlich spielen wir doch alle nur Fußball. Ich bin ein Neuzugang wie die anderen auch, und genauso wie die anderen versuche ich, meinen Teil dazu beizutragen, dass wir erfolgreich sind.“ Wobei für Ebert der Begriff erfolgreich klar definiert ist: „Ich möchte aufsteigen.“

Das hat er schon mit Hertha geschafft, sieben Jahre ist das her und für Ebert immer noch präsent: „Das fühlt sich supergeil an. Dann kommen nicht mehr Sandhausen und Heidenheim nach Dresden, sondern Bayern München und Borussia Dortmund.“ Und er geht noch einen Schritt weiter: „Ich sage auch, wenn der Verein in die erste Liga aufsteigt, wird er nicht so schnell wieder runtergehen – weil hier einiges möglich ist. Aber das ist natürlich ein hartes Stück Arbeit.“ Auch und vor allem für ihn.

Gute Leistungen will er zeigen, wiederholt Ebert, sich vielleicht noch mal selbst ein Stück weiterentwickeln und andere unterstützen, sich weiterzuentwickeln. „Man lernt nie aus, gerade im Fußball – auch mit über 30“, sagt er und das so leise, fast zurückhaltend, dass man sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie so einer die Mitspieler antreiben will. „Das sind zwei verschiedene Menschen“, erklärt er. „Es gibt den Fußballspieler Patrick Ebert und den Menschen. Ich habe so eine Art Schutzmechanismus, lasse nicht viele Menschen an mich ran und brauche Zeit, um aufzutauen.“ Also abseits des Platzes.

Hat Ebert ein Trikot an, ist das kein Problem. Die sechswöchige Vorbereitung bei Dynamo sei zumindest schon mal das Beste, was ihm habe passieren können. Die Fitness vergangener Jahre kehrt so langsam zurück und damit auch die Form. Und das nicht nur am Fußball, wie das Tanzvideo aus der Tiefgarage zeigt. Witzig sei das gemeint gewesen, ein kleiner Spaß. Dass einige darin den Hallodri wiedererkannt haben wollen, interessiert Ebert nicht.

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