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Mittwoch, 12.09.2018

Sieben Tage unter Medaillenkandidaten

Christin Christen war als Kampfrichterin bei der Leichtathletik-EM der Behinderten – eine Herausforderung.

Von Dorit Oehme

Erinnerungen an die EM: Christin Christen ließ sich mit dem Masskotchen und Kugelstoß-Europameister Sebastian Dietz ablichten. Er ist halbseitig gelähmt.
Erinnerungen an die EM: Christin Christen ließ sich mit dem Masskotchen und Kugelstoß-Europameister Sebastian Dietz ablichten. Er ist halbseitig gelähmt.

© Foto: privat

Freital. Das erste freie Wochenende liegt hinter ihr. „Jetzt habe ich wieder Muße für ein Buch auf dem Balkon“, sagt Christin Christen. Bisher sei ihr Kopf zu voll gewesen von den Eindrücken der Leichtathletik-Europameisterschaften der Paralympicsportler in Berlin, erklärt die 29-Jährige. Als Kampfrichterin erlebte die Freitalerin im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark sieben aufregende Tage. 600 Athleten aus 40 Nationen traten vom 20. bis 26. August an. Es gab 182 Wettbewerbe.

Zum Pflegehaus Kögler in Freital schickte Christin in freien Minuten schon erste Bilder. Sie arbeitet dort als examinierte Altenpflegerin im Dreischichtsystem. „Mein Arbeitgeber hat mich kurzfristig freigestellt. Das war toll“, betont Christin. Knapp einen Monat vor der EM hatte sie Chef-Kampfrichter Rinaldo van Rheenen vom Deutschen Behindertensportverband (DBS) für den Einsatz geworben. Im Juni agierte sie schon als Hauptkampfrichterin der Wurfdisziplinen beim Internationalen Leichtathletik-Meeting für Behinderte im Freitaler Stadion des Friedens. Vom 7. bis 8. Juli war sie bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften des Behindertensportverbandes (DBS) im Einsatz. „Es fehlten Kampfrichter“, erklärt ihre Mutter Siena Christen, die die Meisterschaften im brandenburgischen Kienbaum mit organisiert hatte. Christin trat überzeugend auf.

Nach einem Nachtdienst reiste sie mit ihrer Mutter dann auch zur EM an. Siena Christen wollte die Athleten dort von der Tribüne aus anfeuern, sprang aber als Volontärin ein. Bei den Paralympics 2012 in London war die sehbehinderte Werferin letztmalig international gestartet. Nun traf sie einstige Kontrahenten und Trainer im Stadion. Christin erlebte als Kampfrichterin zuerst den deutschen Kugelstoßer Niko Kappel. Der kleinwüchsige Athlet war 2016 in Rio Paralympics-Sieger geworden. Zur EM holte er Silber.

„Ich wurde auch in die elektronische Weitenmessung eingeführt. Vieles war Neuland“, sagt Christin Christen. Sie war auf dem Aufwärmplatz, kontrollierte im sogenannten Callroom Rennrollis und Wurfstühle vorm Wettkampf. Auch beim Hochsprung war sie eingesetzt. Als dort der am Unterschenkel amputierte Pole Maciej Lepiato – Weltrekordhalter und Paralympics-Sieger von 2016 – seine herausragende Leistung von 2,19 m überbieten wollte, fieberte sie innerlich mit. „Als Unparteiische durfte ich es natürlich nicht zeigen. Leider hat er es nicht geschafft“, sagt Christin.

Sie hat schon als 15-Jährige die Kampfrichterausbildung beim Deutschen Leichtathletikverband (DLV) absolviert. Ab 2002 begleitete sie ihre Mutter zu Trainingslagern. Sie half und lernte Athleten verschiedener Schadensklassen kennen – auch Top-Sportler aus dem Nichtbehindertenbereich, wie die Werfer Robert Harting oder Steffi Nerius, die inzwischen als Trainerin arbeitet.

„Bei der EM in Berlin hat mir Markus Rehm das Maskottchen der Para-Szene, den Pandabären Max, geschenkt“, verrät sie. Prothesen-Weitspringer Rehm gewann den EM-Titel mit Weltrekord. Außerdem holte er mit der 4-mal-100-Meter-Staffel Gold. „Schön ist auch, dass ich im Kampfrichter-Team Freunde gefunden habe. Nächstes Jahr will ich beim Grand Prix in Berlin dabei sein, vorher ist aber das Meeting im Stadion des Friedens dran“, betont Christin Christen.