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Donnerstag, 07.04.2016

Sie kommt wieder

Kein VW Phaeton, keine Cargo-Tram: Die blauen Bahnen stehen im Depot. Lange sollen sie dort aber nicht bleiben.

Von Sandro Rahrisch

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Urlaub für die blaue Cargo-Tram. Eine der beiden Bahnen wartet im Betriebshof Trachenberge auf neue Aufgaben. Die gibt es, deutet VW an.
Urlaub für die blaue Cargo-Tram. Eine der beiden Bahnen wartet im Betriebshof Trachenberge auf neue Aufgaben. Die gibt es, deutet VW an.

© Sven Ellger

Sie hat keine Fenster, ist blau und hält auch dann nicht an Haltestellen, wenn Fahrgäste warten: Fast 15 Jahre ist die Cargo-Tram zwischen der Friedrichstadt und dem Straßburger Platz gependelt und hat die Gläserne Manufaktur mit Teilen für die VW-Luxuskarosse „Phaeton“ beliefert. Seit vergangener Woche stehen die beiden knapp 60 Meter langen Güterstraßenbahnen auf dem Abstellgleis. VW hat die Produktion in Dresden eingestellt. Einrosten sollen die Fahrzeuge aber nicht.

Eine Tram steht derzeit bei VW auf dem Logistikhof – abgedeckt und gut beschützt, sagt Manufaktur-Sprecher Carsten Krebs. Ihre Schwester hat zumindest Straßenbahn-Gesellschaft und wird von den Verkehrsbetrieben im Trachenberger Betriebshof gehütet. Ganz müssen die Dresdner im Stadtverkehr aber nicht auf die blauen Riesen verzichten. Da Stillstand selbst Neuwagen nicht guttut, sollen die Güterbahnen trotz Stilllegung ab und an ausgefahren werden. Außerdem sei es kein Abschied auf Dauer, sagt Krebs. „Sie wird bald wieder fahren.“ Wann „bald“ ist, verrät er nicht. Allerdings hatte VW-Sachsen-Chef Siegfried Fiebig erst vor wenigen Tagen verkündet, die Gläserne Manufaktur sei ein Juwel, das „bald“ wieder erstrahlen werde. Bis zum Jahresende will der Autokonzern entscheiden, was in Zukunft an der Elbe hergestellt wird, und ab wann.

Die Güterstraßenbahn ist nicht nur für den Autobauer ein Vorzeigeprojekt, sondern auch für Dresden. Für nur einen Phaeton werden 1 200 Einzelteile und 34 Module von der Schalttafel bis zur Hinterachse benötigt. Der gängige Weg wäre die Anlieferung per Lkw gewesen. Doch der Stadtrat verlangte ein städteverträgliches Logistikkonzept. Ein Bürgerbegehren gegen die Ansiedlung am Straßburger Platz scheitert an nur 3 000 fehlenden Unterschriften. Die Idee einer Güterstraßenbahn wird geboren. Zwischen der Planung, dem Bau der Fahrzeuge und der Schienen sowie den ersten Tests vergehen gerade einmal zwei Jahre. Gefertigt werden die Trams in Gelsenkirchen von der Schalker Eisenhütte Maschinenfabrik. Die Motoren liefert das Sachsenwerk in Niedersedlitz, die Führerhäuser, von denen es pro Bahn zwei gibt, um ohne Wendeschleife in beide Richtungen fahren zu können, kommen aus Salzwedel. Die Verkehrsbetriebe stellen die Fahrer und warten die Fahrzeuge.

60 Tonnen Güter kann allein ein Fahrzeug hinter seinen blauen Schiebe-Planen laden. Das entspricht der Fracht von drei Lastern. Der ADAC krönt Dresden schon kurz nach der Inbetriebnahme mit dem deutschen Städtepreis, weil die Trams die Dresdner Innenstadt von zusätzlichem Lkw-Verkehr entlasten. Dennoch gibt es in den darauffolgenden Jahren immer weniger für die Straßenbahnen zu tun. 30-mal sollen sie täglich zwischen dem Logistikzentrum am Friedrichstädter Güterbahnhof und dem Großen Garten pendeln, so die Prognose vor der Eröffnung der Manufaktur. Bereits 2003 absolvieren die Trams höchstens zehn Fahrten. Im vergangenen Jahr sind es im Schnitt drei am Tag. Die wenigen Phaeton-Bestellungen sorgen für diesen dünnen Fahrplan.

Dennoch rechnete sich die Cargo-Tram bis zuletzt, zumindest für die Umwelt. Während die Kosten bei wenigen Fahrten deutlich höher liegen als bei wenigen Lkw-Fahrten, belastet die Cargo-Tram, deren Geschwindigkeit auf 50 km/h gedrosselt ist, die Umwelt mit nur gut 40 Tonnen Kohlenstoffdioxid im Jahr. Zum Vergleich: Drei Lkw stoßen zusammen über 100 Tonnen aus. Außerdem sind die Bahnen deutlich leiser als ein schwer beladener Laster.

Ein Verkauf der Trams wäre schwierig, da die Dresdner Straßenbahn-Spurweite einzigartig ist. Möglicherweise werden die Güterbahnen auch in das neue Besucherkonzept eingebunden, bevor sie wieder Automobilteile durch die Stadt fahren. Am Freitag wird die Gläserne Manufaktur ein Schaufenster für Elektromobilität und Digitalisierung ihrer Marken eröffnen. Was würde da besser passen als eine elektrische Güterbahn?

Leser-Kommentare

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Insgesamt 20 Kommentare

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  1. Jonathan

    Wann wurde eigentlich in Dresden die letzte reguläre Güterstraßenbahn eingestellt? In Meißen soll es laut wikipedia bis 1967 noch die Güterwagons auf Straßenbahnschienen gegeben haben, auf Rollböcken, um sich umladen zu sparen.

  2. Lärmvermeidung?

    Die Güterstraßenbahn ist deutlich lauter als ein LKW, und sie poltert schön am Zwinger vorbei und die Wilsdruffer Straße lang

  3. frankdd

    @1 Nach einem Thread auf Drehscheibe-online wurden die Wagen der Bienertbahn 1965 außer Dienst gestellt. Gleisreste sind jetzt noch auf dem Gelände der Bienertmühle vorhanden. Nach Eröffnung der Brauerei in Coschütz gab es einen Versuch verschiedene Gaststätten mit der Straßenbahn zu beliefern, um Diesel zu sparen. Es ist meines Wissens nach nicht umgesetzt worden.

  4. Andteas

    @2, Wow, so viel Sachverstand in wenigen Zeilen ist schon einzigartig! Wenn es noch mehr solche Experten wie sie gäbe, dann wären alle Probleme dieser Welt ruckzuck gelöst. Leider gibt es in unserer Stadt zuviel solcher " Experten ", die meinen überall mitreden zu müssen. Die Ergebnisse lassen sich hier überall finden.

  5. Rob

    Die nüchternen Zahlen zeigen, dass die CarGoTram ein reines Politikum war und ist. Maximal 90 LKW-Fahrten über 4 km am Tag je Richtung eingespart - wow! Bis zu sechs LKW's pro Stunde während der Betriebszeiten, das hätte man natürlich enorm gespürt im Dresdner Straßenverkehr.. :-) Dafür die Millionen-Investitionen in die Spezialbahnen und die Gleisanlagen - clever... Man sollte einfach mal akzeptieren, dass Güterstraßenbahnen heutzutage aus der Zeit gefallen sind, weil der Investitionsbedarf und der logistische Zusatzaufwand bei der Nutzung in keinem Verhältnis zu den erzielbaren Vorteilen steht. Noch nicht einmal aus ökologischer Sicht, wenn man es umfassend betrachtet.

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