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Donnerstag, 21.12.2017

Sein neues Leben nach der Todesangst

Vor einem Jahr ist Dynamo-Profi Marc Wachs angeschossen worden. Jetzt spielt er wieder Fußball und fühlt sich stärker.

Von Sven Geisler

Bei Dynamo ist Marc Wachs als Ersatzmann ohne Einsatz geblieben, in Osnabrück hat der Linksverteidiger einen Stammplatz. Das lässt ihn auch sein dramatisches Erlebnis besser verarbeiten.
Bei Dynamo ist Marc Wachs als Ersatzmann ohne Einsatz geblieben, in Osnabrück hat der Linksverteidiger einen Stammplatz. Das lässt ihn auch sein dramatisches Erlebnis besser verarbeiten.

© osnapix/Titgemeyer

Seine ersten Sätze sind die wichtigsten. „Mir geht’s super“, sagt Marc Wachs. „Ich lebe mein Leben und genieße jeden Moment.“ Das hat viel mit seiner sportlichen Situation zu tun. Denn nachdem der Fußball-Profi von Dynamo an den VfL Osnabrück ausgeliehen wurde, hat er für den Drittligisten immer gespielt. In Dresden war er als Ersatzmann ohne Einsatz geblieben, das aber bald sein geringstes Problem.

Im Weihnachtsurlaub vor einem Jahr besucht er seine Tante und seinen Onkel in Wiesbaden, schaut morgens mit seinem Labrador-Welpen bei ihnen im Kiosk vorbei, als das passiert, was für ihn bis heute unfassbar ist. Plötzlich gibt es einen Knall, er hört sich an wie aus einer Zündplätzchenpistole, sagt Wachs später im Prozess. Doch es ist kein Spielzeug, der Täter hat die Tante mit einem Revolver aus nächster Nähe erschossen, trifft den Onkel an der Schulter und Wachs am Hals, einen Millimeter neben der Schlagader. Die Kugel bleibt kurz vor der Wirbelsäule stecken.

„Es war kein Schmerz, es war, als würde mir die Luft wegbleiben“, schildert er später diesen Moment, in dem er Todesangst verspürt. Er schafft es, durch eine Hintertür zu fliehen, um Hilfe zu rufen. Mit Not-Operationen retten die Ärzte ihm und seinem Onkel das Leben. Wachs möchte nicht darüber reden, was er unmittelbar danach gedacht und gefühlt hat. „Das ist zu privat, darüber habe ich mit niemandem gesprochen“, sagt er.

Seine Freundin gibt ihm Halt, seine Familie rückt noch enger zusammen, auch Dynamo hilft und ermöglicht ihm nach der Genesung einen sportlichen Neuanfang. Wachs will vor allem eines: in den Alltag zurückkehren. Er ahnt die Zweifel in der Branche, ob er das schreckliche Erlebnis psychisch überhaupt verarbeiten und zu alter Leistungsstärke zurückfinden kann.

„Ich muss keinem erzählen, dass ich einige Zeit gebraucht habe. Das ist, denke ich, selbstverständlich“, erklärt der 22-Jährige. „Aber ich kann jetzt sagen, dass ich viel stärker geworden bin.“ Der Täter, ein arbeitsloser Deutscher, ist Ende August wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden, sein Motiv bleibt rätselhaft. Er selbst sagte aus, sich – benebelt im Whiskeyrausch – nur schemenhaft zu erinnern, spricht von einer „Schnapsidee“. Drei Zigarren, Vanillegeschmack, lässt er mitgehen. Er wird durch DNA-Spuren vom Tatort überführt und am Tag vor Heiligabend in der Nähe seiner Wohnung festgenommen.

Das Urteil bringt für Wachs „so etwas wie Genugtuung und Ruhe“, Wiedergutmachung gibt es keine. Es sei das Mindeste, dass der Mörder seiner Tante, der auch ihn und seinen Onkel töten wollte, dafür sein Leben lang büßen muss. „Aber das ist Vergangenheit, und ich versuche, das so wenig wie möglich an mich rankommen zu lassen“, betont Wachs. „Als er wieder gesund ist, sucht er mit Dynamos Sportdirektor Ralf Minge nach einer Lösung, denn bei Dynamo wäre seine Einsatzchance weiter gering gewesen. „Man muss sagen, dass Philip Heise ein sehr guter Linksverteidiger ist“, meint er anerkennend über den Konkurrenten auf seiner Position.

Mit Osnabrück findet er den passenden Verein. „Es war wichtig, zu einer Mannschaft zu gehen, die attraktiven Fußball spielt und deren Stil dem von Dynamo ähnelt.“ Schließlich hat er mit Dresden längst nicht abgeschlossen. „Ich habe Vertrag bis 2019 und in meiner Karriere immer noch das Ziel, zweite Liga oder höher spielen zu wollen“, sagt Wachs. Seine Absicht mit dem auf ein Jahr befristeten Gastspiel in Osnabrück geht auf. „Ich wollte wieder voll wettbewerbsfähig werden und mir über die Spiele das Selbstbewusstsein holen.“

Wachs gelingt ein bemerkenswertes Comeback. Beim VfL ist er Stammspieler, hat 13 Partien in der 3. Liga bestritten, zwölf sogar über die volle Distanz, beim 4:0 gegen den FSV Zwickau gelang ihm ein Tor. „Ich bin absolut fit, kann mich nicht beschweren.“ Der Fußball, sagt er, hat nach wie vor einen hohen Stellenwert in seinem Leben. Trotzdem sei er „ruhiger auf dem Platz“ geworden, weil er sich weniger Druck mache. „Ich bin frei im Kopf und kann dadurch auch befreiter aufspielen.“ Das wollte er den Vereinen, Managern und Trainern in ganz Deutschland beweisen: „Ich kann es immer noch.“

Die einfachen Dinge mehr schätzen

Das ist die eine Seite, die andere sein Leben abseits des Platzes. Wachs wohnt in Osnabrück mit seiner Verlobten, die ein Fernstudium in Psychologie belegt, zusammen. „Sie hat mir am meisten geholfen.“ Deshalb hatte er sich bei ihr auch in seiner ersten Wortmeldung via Facebook im Januar bereits bedankt: „Mein Engel, du gibst mir die Kraft, die ich brauche, und dafür liebe ich dich mehr als alles andere.“

In den ersten zwei, drei Monaten nach der Tat sei er weniger kontaktfreudig gewesen, meint er, aber: „Ich bin nach wie vor ein offener Mensch, Vertrauen gehört dazu.“ Und er ist gelassener geworden. „Ich weiß die einfachen Dinge mehr zu schätzen. Kleinigkeiten, wegen denen sich andere die Köpfe einschlagen, regen mich nicht mehr auf.“ Der Spruch, dass alles Schlechte auch etwas Gutes haben soll, klingt absurd in seinem Fall. Und doch trifft er irgendwie zu. „Ich hätte das dafür nicht gebraucht“, sagt Wachs – und dennoch: „Man denkt immer, wir Menschen können nicht viel aushalten, aber der Mensch ist sehr belastbar. Ich bin stärker geworden dadurch: mental und körperlich. Mich kann so schnell nichts mehr umwerfen.“

Im Gespräch wirkt Wachs tatsächlich wohltuend unaufgeregt. Wenn er auf das Jahr zurückblickt, hat er das Gefühl, die Zeit sei so schnell verflogen wie nie zuvor. Sein Wunsch für 2018 ist Gesundheit für seine Familie und alle, die ihm nahestehen. Der Kontakt zu seinem Onkel ist nach wie vor eng. „Er hat natürlich das noch schwerere Schicksal zu tragen.“ Bodo Wagner hat seine Frau verloren und den kleinen Tabakladen verkauft, in dem er seit 1983 hinter der Ladentheke stand.

Marc Wachs will den nächsten Schritt machen in seiner Karriere als Fußballer, die er bei seinem Heimatverein FSV Schierstein 08 in Wiesbaden begonnen hat. „Ich habe wieder einen Riesenspaß am Fußball, das ist die Hauptsache“, sagt er.

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