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Dienstag, 15.05.2018

Schüler treffen ehemalige Lager-Kinder

Als Kinder lebten sie in deutscher Gefangenschaft. Über diese Jahre sprach eine russische Delegation nun mit Zwölftklässlern.

Von Antje Steglich

Die einst minderjährigen Häftlinge Alewtina (links), Boris und Ina trafen sich im Zeithainer Gemeindehaus zum Gespräch mit Schülern des BSZ für Technik und Wirtschaft Riesa.
Die einst minderjährigen Häftlinge Alewtina (links), Boris und Ina trafen sich im Zeithainer Gemeindehaus zum Gespräch mit Schülern des BSZ für Technik und Wirtschaft Riesa.

© Sebastian Schultz

Zeithain. Die Geschichten machen betroffen und lassen bei den Zwölftklässlern vom Beruflichen Schulzentrum Riesa vor allem eine Frage offen: Wie kann man nach diesen Erlebnissen ein normales Leben führen? Als die Zeitzeugen in Zeithain erzählen, ist der Zweite Weltkrieg seit 73 Jahren vorbei. Ein Krieg, der für die russische Delegation Verschleppung und Zwangsarbeit, große persönliche Verluste, Trauer – und vor allem jahrzehntelanges Schweigen mit sich bringt. „Ich habe auch immer geglaubt, dass ich mich gar nicht mehr erinnern kann“, sagt Alewtina Andrejewna Lutova gegenüber den Schülern. Doch als die 78-jährige frühere Kinder-Neurologin die Gedenkstätte Ehrenhain besucht, kommt alles wieder hoch: der Stacheldraht, der Wachturm und die Hunde, die ihre Mutter und die anderen Gefangenen zur Zwangsarbeit in eine Fabrik begleiten.

Alewtina Lutova ist gerade mal ein Jahr alt, als sie mit zwei Brüdern, der Mutter und der Großmutter erst nach Estland verschleppt wird und später in Lager nach Polen und Deutschland kommt. Sie lebt in Holzbaracken, wie auch heute noch eine in der Gedenkstätte Zeithain steht. „Wir Kinder wurden mit Seilen an den Beinen aneinandergebunden, damit wir nicht weglaufen, während die Eltern gearbeitet haben“, erinnert sich auch der heute 75-jährige Boris Ignatewitsch Ljubas, der in einem Lager bei Dresden geboren wird.

„Im ganzen Lager waren wir über hundert Kinder. Nur drei haben überlebt.“ 1945 wird den Gefangenen einfach gesagt, sie sollten nach Hause gehen – zu Fuß. „Das war eine schwierige Zeit. Meine Mutter hat mich oft auf den Schultern getragen, und irgendwie haben wir es bis zur Grenze geschafft“, so der ehemalige Polizist. – Auch Alewtina Lutova kommt nach vier Jahren Lager zurück in die Heimat an den Ural. „In unserer Familie haben wir danach schon über die Zeit in Deutschland gesprochen. Aber meine Mutter hatte Angst, dass sich das herumspricht“, erinnert sich die Rentnerin.

Denn in der ehemaligen Sowjetunion werden ehemalige Gefangene und Zwangsarbeiter nach ihrer Rückkehr oft als Verräter behandelt.

„Deshalb haben wir irgendwann geschwiegen. Und als ich Interesse an den Geschehnissen bekam, war niemand mehr da, den ich befragen konnte.“ Hass gegenüber den Deutschen haben die ehemaligen Gefangenen nicht, sagen sie auf Nachfrage der Schüler. „Da gab es einen Wachmann. Er hieß Willi. Er hat mich anscheinend gemocht, mich oft in die Luft geworfen, mir Milch oder Schokolade zugesteckt“, so Alewtina Lutova, „das hat die negativen Erinnerungen verdrängt und mir geholfen, ein normales Leben zu führen.“

Die Gedenkstätte Ehrenhain sei einer der wenigen authentischen Orte in Sachsen, wo ein Gedenken überhaupt möglich sei. Weshalb das Wahlkreisbüro von Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) gemeinsam mit dem Verein „Gesellschaft zur Hilfe für Kriegsveteranen in Russland“ die Delegation der einst minderjährigen Häftlinge nach Zeithain und Strehla eingeladen hat. Neben der Gedenkstätte steht auch ein Besuch des Denkmals zur Erinnerung an die Begegnung von US- und Roter Armee in Strehla-Lorenzkirch auf dem Programm.

Und immer wieder werden dabei neue, teils schmerzhafte Erinnerungen wach. Der Besuch ist sehr emotional, sagt auch Ina Pawlowna Charlamowa, die 1942 als Baby mit der Mutter in ein Zwangsarbeiterlager verschleppt wurde und mehrfach mit den Tränen kämpft. Das Erinnern sei aber wichtig, betont sie. Und wie in Zeithain, aber auch in den Schulen mit dem Thema umgegangen werde, „das ist für uns ein großes Zeichen.“