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Donnerstag, 07.06.2018

Schluss mit dem Trinken!

Von Sarah Herrmann

Für viele Deutsche gehört das ein oder andere Gläschen Alkohol zum Alltag dazu. Doch der Genuss ist alles andere als ungefährlich, wie ein Dresdner leidvoll erfahren musste.Foto: dpa
Für viele Deutsche gehört das ein oder andere Gläschen Alkohol zum Alltag dazu. Doch der Genuss ist alles andere als ungefährlich, wie ein Dresdner leidvoll erfahren musste.Foto: dpa

© dpa

Vielleicht ist die Kindheit schuld. Die Jahre, in denen Thomas Schmidt* von seinem Stiefvater mit dem Lederriemen verprügelt wurde. Die Jahre, in denen er zusehen musste, wie seine schwangere Mutter die gleiche schmerzhafte Prozedur über sich ergehen ließ. Vielleicht war es auch der frühe Tod der geliebten Mutter oder die unglückliche erste Ehe. Warum er mit dem Trinken angefangen hat, weiß der heute 75-Jährige nicht mehr. Was er weiß, ist, dass der Alkohol ihn 15 Jahre fest in der Hand hatte.

Angefangen hat es 1965, kurz nachdem er das erste Mal geheiratet hatte. Glücklich war er mit der ersten Frau nie, sagt Schmidt heute. „Wenn man nicht verheiratet war, bekam man keine Wohnung“, erklärte er. Aus den anfänglichen drei Bier am Abend wurden irgendwann fünf und dann ein ganzer Kasten. „Das ist das Schlimme beim Alkohol: Es wird immer mehr. Und es passiert unbewusst“, sagt der Senior. Job, Frau, Kind – am Anfang lief alles normal weiter. Doch irgendwann kamen die „Leck-mich-am-Arsch-Gefühle“ hinzu, wie der gebürtige Frankfurter sie nennt. Immer häufiger blieb er der Arbeit fern, wurde gekündigt, suchte sich etwas Neues. „Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Jobs ich hatte“, sagt er. „Vielleicht 20, vielleicht 30.“ Irgendwann ließ sich seine Frau von ihm scheiden, nahm die gemeinsame Tochter und verschwand.

Mehrere Therapien machte der Suchtkranke – erfolglos. Während der Therapie trank er zwar nichts. Doch kaum war Schmidt wieder zu Hause, wurde er rückfällig. „Ich ging an den Kiosken vorbei, wo die Trinker rumstanden. Einige kannte ich natürlich“, erinnert Schmidt sich. „Ich bin dann hingegangen und habe mich mit ihnen unterhalten.“ Am ersten Tag blieb er noch bei Cola. Am zweiten dachte er sich: Ein Bier kann doch nicht schaden. „Das ist wie ein Magnet.“ Es hatte einfach nicht Klick gemacht. „Die Ärzte und Therapeuten konnten reden, wie sie wollten“, sagt Schmidt. „Die hatten doch keine Ahnung. Die hatten doch nie getrunken.“

Und dann kam der Tiefpunkt, der die Wende brachte. Ein neuer Wohnort, ein neuer Job – nach dem Umzug nach Limburg gab es erstmal keinen Tropfen Alkohol. Schmidt hatte einen Job bei Renault gefunden. Als die Autohausbesitzer im Skiurlaub waren, sollte er die Inventur machen. Dabei entdeckte Schmidt ein hochprozentiges Werbegeschenk: Mehrere Flaschen Weinbrand standen in den Regalen. Aus einem Schluck wurde eine Flasche, dann zwei. Schmidt wurde von den Nachbarn erwischt, entlassen. Er verlor auch das Zimmer, das vom Arbeitgeber angemietet wurde. Monatelang lebte er in einem Abbruchhaus – ohne Strom, ohne Wasser. So fror er sich durch den Winter, immer auf der Suche danach, seine Sucht zu befriedigen. „Ich konnte ohne Alkohol einfach nicht mehr leben. Nicht denken. Nichts machen.“ Er habe geklaut und gebettelt. „Ich habe mich so geschämt.“

Und dann besuchte er eines Tages ein Meeting der Anonymen Alkoholiker (AA). Das ist eine Gemeinschaft, die sich aus teils trockenen, teils noch trinkenden Alkoholikern zusammensetzt. Sie wollen sich mit ihren Erfahrungen gegenseitig helfen, nüchtern zu bleiben oder zu werden – ehrenamtlich und ohne Spenden von außerhalb. Zwölf Schritte sind dazu nötig. Der Erste ist, sich sein Problem einzugestehen. Und das hat bei Schmidt nach 15 Jahren Kampf endlich funktioniert. Die Leute, die wussten, wovon sie reden, die Leidensgenossen, die konnten endlich zu ihm durchdringen. „Seitdem sind die AA meine Familie“, sagt er mit feuchten Augen. Er bekämpfte seine Sucht, arbeitete ehrenamtlich bei den AA und lernte dort auch seine zweite Frau kennen. Mittlerweile ist Schmidt seit fast vierzig Jahren trocken. Seine Frau trinkt seit fast 30 Jahren nicht mehr. Nun wollen sie anderen Suchtkranken auch in Dresden helfen.

Im vergangenen Jahr suchten in der Landeshauptstadt fast 3 600 Personen Suchtberatungsstellen auf, rund die Hälfte davon wegen Alkoholproblemen. Zudem steigt die Zahl der Dresdner, die wegen Alkoholkonsums in Krankenhäusern behandelt werden müssen. Waren es 2015 nur knapp über 2 000 Fälle, zählt das Gesundheitsamt für 2016 rund 2 150. Betroffen sind alle Schichten gleichermaßen, wie auch das Ehepaar Schmidt weiß.

Seit vier Jahren wohnen die beiden in Weißig. Dort haben sie im März eine neue Gruppe der Anonymen Alkoholiker gegründet, die sich immer donnerstags trifft. Ab Juni soll es gleichzeitig ein Treffen für die Angehörigen geben. Wer möchte, kann einfach zu den offenen Meetings kommen und zunächst zuhören. „Für mich ist es der schönste Job, den ich mir vorstellen kann“, sagt Schmidt. Und jemandem zu helfen, ist der schönste Lohn.

*Name von der Redaktion geändert

Die Meetings der AA-Gruppen finden Montag und Mittwoch ab 19.30 Uhr im Elsa-Fenske-Heim auf der Ehrlichstraße 3, am Donnerstag ab 19.30 Uhr im Beratungszentrum Bülowh auf der Pillnitzer Landstraße 12 sowie am Freitag ab 17.30 Uhr in der Dreikönigskirche auf der Hauptstraße 23 statt. Mehr Infos zu den AA gibt es online.

anonyme-alkoholiker.de