erweiterte Suche
Freitag, 10.08.2018

Schießen Kanonen den Regen weg?

Leisniger und Nachbarn haben diesen Eindruck. Doch die Obstbauern sind selbst auf das Nass von oben angewiesen. Der Hagel ist ihr Feind.

Von Heike Heisig

© Grafik/SZ

Leisnig/Döbeln. Am Mittwoch schien sich rund um Leisnig etwas zusammenzubrauen. Und während es dort am Nachmittag lediglich zu nieseln begann, stand der nahe gelegene Ort Erlbach schon beinahe unter Wasser. Dass das Nass in Leisnig so knapp ausfällt, wird häufig dem Einsatz der Hagelschutzkanonen zugeschrieben. Auch unter den DA-Unwetterfotos auf Facebook gab es darüber eine emotionale, teils unsachliche Diskussion. Derweil klingelten bei der Obstland Dürrwitzschen AG die Telefone ohne Unterlass, wie Pressesprecherin Tina Hellmann am nächsten Morgen erzählte.

Die Obstbauern sehen sich zu Unrecht in der „Schusslinie“ und dem Vorwurf ausgesetzt, dass der Einsatz der Hagelschutzkanonen ein Abregnen der Wolken verhindert. „Aus wissenschaftlicher Perspektive würde das erzeugte Schallfeld eher die Regenwasserbildung unterstützen – unabhängig davon, ob es auch bezüglich der Hagelunterdrückung einen Effekt gäbe.“ Zu diesem Schluss kommt Dr. Armin Raabe vom Institut für Meteorologie der Universität Leipzig.

Unwetter und Hagel stellen für die Obstbauern große Risiken dar. „Besonders Hagelkörner können binnen Minuten beträchtliche Teile der Obsternte vernichten“, so Tina Hellmann. Um diese Gefahr zu reduzieren und wirtschaftlichen Schaden abzuwenden, habe sich die Obstland Dürrweitzschen AG vor mehr als zehn Jahren zur Anschaffung von Hagelschutzkanonen entschieden. Inzwischen stehen sechs davon in den Plantagen. Hagelschutzkanonen sind übrigens schon seit dem 19. Jahrhundert im Einsatz, heute vorwiegend bei Winzern und Obstbauern in Süddeutschland, Österreich, Südtirol und Holland.

Vergleiche, was der Einsatz der Kanonen bringt, fallen schwer. Dafür müssten zwei Vergleichsfelder einmal ohne Vorsorge und einmal mit betrachtet werden. Aus der Praxis kann Obstland sagen: „Bei den letzten gravierenden Hagelschäden konnten wir bis zu 60 Prozent der Ernte aus den betroffenen Plantagen nicht mehr als Handelsware vermarkten“, so Tina Hellmann. „Prinzipiell ist eine Wirksamkeit der Kanonen auf den Radarbildern zu erkennen.“ Der Schutz vor Hagel erstrecke sich auch auf die Flächen anderer Landwirte sowie Gewächshäuser, Autos und Dächer in der Umgebung.

Damit das Prinzip der Hagelschutzkanone (siehe Grafik) funktioniert, müssen die Schutzkanonen rechtzeitig aktiviert werden. Daher bekommen die Obstbauern vom Wetterdienst Warnungen vor nahendem Unwetter. Anhand des Radarbildes und durch langjährige Erfahrung erkennen die zuständigen Mitarbeiter, die die Kanonen auslösen, ob sich eine Gewitterfront mit Hagel oder eine reine Regenzelle nähert. „Nur wenn eine ernsthafte Gefahr für die Früchte an den Bäumen besteht, werden die Kanonen in Betrieb genommen“, versichert die Obstlandsprecherin. „Wir sind ein betriebswirtschaftliches Unternehmen. Jeder Euro, den wir ausgeben, muss draußen in der Plantage erwirtschaftet werden. Deshalb überlegen wir sehr genau, was sinnvoll ist.“

Letztlich argumentierte sie: „Wir bewirtschaften mehr als 1 300 Hektar Obstanbaufläche und bewässern lediglich zehn Prozent – die Erdbeeren und einen Teil der Birnen. Bei allen anderen Kulturen sind wir auf die natürlich auftretenden Niederschläge angewiesen.“