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Donnerstag, 12.07.2018

„Sabou S. war ein ruhiger, unauffälliger Mann“

In den Ermittlungen um Anis Amri spielt ein Tunesier eine wichtige Rolle, der zeitweise in Riesa lebte. Bei der Diakonie erinnert man sich noch an ihn.

Gerlinde Franke ist Leiterin der Migrationsberatung der Diakonie Riesa-Großenhain – und arbeitet seit 25 Jahren mit Ausländern.
Gerlinde Franke ist Leiterin der Migrationsberatung der Diakonie Riesa-Großenhain – und arbeitet seit 25 Jahren mit Ausländern.

© Archiv/Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Viel Mühe verwandte das Bundeskriminalamt darauf, Sabou S. zu observieren: Der mittlerweile 30-jährige Tunesier war zeitweise als Asylbewerber in Riesa untergebracht,  hatte aber auch Kontakt zum Berliner Attentäter Anis Amri und anderen Dschihadisten, wie „Die Welt“ berichtete. Mittlerweile ist Sabou S. abgeschoben. Die SZ hat bei der Diakonie nachgefragt, ob S. damals in Riesa auffiel – und wie es um die Integration von Tunesiern steht.

Frau Franke, hätten Sie damit gerechnet, dass unter den Asylbewerbern in Riesa jemand mit Kontakten zum IS ist?

2015 war das Thema für uns noch gar nicht aktuell. Wir hatten auch gar keine Zeit, über so was nachzudenken: Damals ging es darum, eine Unterkunft, ein Tisch, ein Bett zu organisieren. Erst 2016/17 war dann mehr Zeit. Ich arbeite seit 1993 in dem Bereich. Man hat schon ein Gefühl, ob jemand etwa über seine Herkunft lügt. Und wenn uns Ungereimtheiten auffielen, haben wir das auch gemeldet. Manchmal sprachen uns auch Asylbewerber an, dass mit einer Person etwas nicht stimmt. Aber bei Sabou S. hätten wir das nie gedacht: Das war ein ruhiger, unauffälliger Mann.

Was ist denn in den Fällen passiert, in denen man einen Verdacht schöpfte?

Das haben wir an die Polizei weitergemeldet. Die gaben das an die entsprechenden Stellen weiter. Allerdings dauerte es in den Fällen sehr lange, bis sich bei uns jemand – etwa mit einer Rückfrage – meldete.

Waren die Behörden eventuell durch viele Fälle überlastet?

Das wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, wie ernst sie solche Hinweise genommen haben. Auch bei uns rückte das Thema IS erst Ende 2016/Anfang 2017 in den Vordergrund. Zuvor achteten wir eher auf „normale“ Kriminalität.

Diebstähle oder Drogendelikte ...

Genau. Da ging es darum, die Leute vor Ort zu schützen.

2015 gab es eine sehr hohe Fluktuation bei Asylbewerbern, die im Raum Riesa untergebracht wurden. Laut SZ-Informationen konnte es schon mal sein, dass über Nacht 20 Leute wieder weg waren, die gerade erst in Zeithain An der Borntelle untergebracht worden waren. Wie ist das heute?

In Erstaufnahmen kamen damals solche Fälle vor. Die Leute wollten oft nach Köln oder in andere Großstädte. Heute kommt so etwas nur noch in Einzelfällen vor, etwa wenn jemand seine Abschiebung befürchtet. Die soziale Kontrolle durch Sozialarbeiter oder Behörden ist mittlerweile eine ganz andere. Heute weiß man, wer da ist.

Wirkt da die neue Wohnsitzauflage?

Die richtet sich an anerkannte Flüchtlinge, nicht an geduldete – wie es Tunesier in aller Regel sind. Aber wer einfach abhaut, bekommt auch kein Geld mehr: Einmal im Monat müssen die Betroffenen im Landratsamt vorsprechen. Das funktioniert.

Wie ist denn aktuell die Stimmung bei den Asylbewerbern aus Nordafrika, besonders bei den Tunesiern?

Die sind eher frustriert: Ihre Erwartung war, hierbleiben zu dürfen – aber die Anerkennungsquote ist derart gering, dass das fast aussichtslos ist. Für Geduldete ist es auch mit Arbeitsgelegenheiten schlecht. Das Amt und auch wir orientieren Tunesier deshalb meist auf eine Rückkehr. Tatsächlich leben heute viel weniger Tunesier als früher in Riesa, zwei bis drei pro Standort.

Womit beschäftigen sich Tunesier den ganzen Tag: Machen sie Sprachkurse?

Auf die Teilnahme an einem Sprachkurs hat man als Geduldeter eher schlechte Chancen. Aber ohnehin können die meisten Tunesier schon einigermaßen Deutsch: Viele von ihnen sind deutlich vor 2015 nach Deutschland gekommen, das hatte mit dem Arabischen Frühling zu tun.

Damit nicht fälschlich der Eindruck entsteht, alle Tunesier stünden dem IS nahe: Haben Sie denn auch eine Integrations-Erfolgsgeschichte für uns?

Das ist bei den Tunesiern gar nicht so einfach. Das sind in der Regel junge Männer ohne Bleiberecht. Die sind meist genauso perspektivlos wie Libyer. Einen Sprachkurs haben sie oft schon vor Jahren besucht. Aber Arbeitsgelegenheiten gibt es nicht, wenn der Pass verlorengegangen ist. Die Menschen sind zum Nichtstun verdammt.

Haben die wirklich alle ihre Pässe verloren?

Die Gründe sind differenziert: Wir haben etwa zu hören bekommen, dass in den Booten auf dem Mittelmeer alles Gepäck über Bord geworfen wurde, um Gewicht zu sparen. Was im Einzelfall der Grund ist, wissen wir nicht. Integrations-Erfolgsgeschichten haben wir trotzdem etliche, aber eher bei anderen Nationen – wie etwa Syrern.

Wie sehen diese Fälle aus?

Es gibt eine ganze Reihe Asylbewerber, die in Ausbildung sind, ein berufliches Gymnasium besuchen. Manche engagieren sich in Kleingärten oder in Sportvereinen. Da funktioniert Integration.

Interview: Christoph Scharf