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Donnerstag, 17.02.2011

Rückkehr der schwarzen Amazone

Zehn Jahre mussten ihre Fans warten: Jetzt feiert Deborah Anne Dyer alias „Skin“ in Dresden die Wiedergeburt ihrer Rockband Skunk Anansie.

Von Tom Vörös

Wenn sie in den Spiegel schaut, dann sieht sie eine „schwarze, glatzköpfige und bisexuelle Amazone“, sagte sie einmal. Für Deborah Anne Dyer, Sängerin der britischen Band Skunk Anansie, bedeutet Rockmusik Provokation pur. Allen Rocker-Klischees zum Trotz – lange Haare und Harleys sind nicht so ihr Ding – weiß sie mit ihrer Band Skunk Anansie Anfang der 1990er-Jahre Fans aus den unterschiedlichsten Szenen um sich zu scharen. „Skin“, wie sie genannt wird, verpasst dem von bleichgesichtigen Männern dominierten Rockzirkus einen gehörigen und manchmal auch nötigen Hauch Exotik. Stets mit politischem Unterton ist „Skin“ bekannt für ihr zerbrechliches Pathos in der Stimme. Ob sie es am Mikrofon immer noch bringt, will die inzwischen 43-Jährige nun im Alten Schlachthof Dresden unter Beweis stellen.

„Skins“ Künstlername stammt noch aus ihrer Jugendzeit und leitet sich vom englischen Wort „skinny“ ab, was soviel wie dünn oder mager heißt. Die schlanke Britin ist allerdings bekannt dafür, auf der Bühne mit einer explosiven Show möglichst dick aufzutragen. „Ich mag ausdrucksstarke Charaktere und Powerfrauen, wie Grace Jones“, sagt die Sängerin. „An ihr habe ich einige Parallelen zu mir selbst entdeckt. Und ich kenne immer noch keine andere wirklich erfolgreiche schwarze Rocksängerin. Es ist ja oft so, dass weiße Musiker ihre schwarzen Kollegen nachahmen und damit viel besser vermarktet werden als schwarze Musiker, die in weiße Fußstapfen treten.“

„Skins“ Hang zur Selbstdarstellung und ihr offener Umgang mit ihrer sexuellen Orientierung hat ihr auch außerhalb der Musikwelt einiges an Respekt verschafft. „Ich versuche eben nicht, das Mädchen von nebenan zu sein, schon weil ich einfach nicht so aussehe“, sagt sie. „Aber ich war schon immer verrückt nach Mode – die muss dann aber genauso einzigartig und speziell sein wie meine Bühnen-Performance.“ „Skins“ Familie stammt zwar aus dem Reggaemusik-verwöhnten Jamaika. Als geübte Jazz-Sängerin, die auch Vibrafon und Theremin spielt und als DJane Clubs beschallt, verschaffen ihr verzerrte Gitarrenklänge schon immer ein Maximum an Geborgenheit. Live schlug die Mischung aus gefühlvollem Gesang und extrovertierter Bühnenshow spätestens seit ihrem Hit „Hedonism“ (Weak As I Am) weltweit ein. Den absoluten Durchbruch feiern Skunk Anansie mit ihrem Zweitling „Stoosh“.

Bereits 1994 wurde die Band Skunk Anansie gegründet. „Diese Band spielt enger zusammen, als bei Pamela Anderson eine Schwimmweste anliegen würde“, schrieb einmal eine US-amerikanische Zeitung. Gemeinsam mit Gitarrist Martin Ivor Kent alias „Ace“, Bassist Richard Keith Lewis und Schlagzeuger Mark Richardson startete die charismatische Frontfrau und Sprecherin der Band 1994 durch, um die Welt mit rockigen Crossover-Klängen zu bereichern. „Skunk“, zu deutsch Stinktier, und „Anansie“, ein Fabelwesen aus der westafrikanischen Mythologie, sollen für den Bandnamen Pate gestanden haben. Die Fabelwesen lernte Dyer über ihre Familie kennen, deren Vorfahren Geschichten aus früherer Sklaverei konservierten.

Weltweit über vier Millionen mal verkauften sich die drei Skunk-Anansie-Alben. Und auch in Deutschland war Skunk Anansie höchst erfolgreich. Hierzulande blieben vor allem die Live-Auftritte bei Rock am Ring, dem Bizarre-Festival oder im Rockpalast im Gedächtnis. „Das deutsche Publikum ist immer noch verrückt nach Rockmusik. Ich mag Frankfurt, Köln und Hamburg – dort war ich ganz oft mit meinen Leuten aus.“

Im Jahr 2001 haben sich Skunk Anansie offenbar endgültig totgerockt. Für das dritte Album „Post Orgasmic Chill“ war die Messlatte des zuvor erlangten Erfolgs wohl zu hoch. Auf die Trennung folgten diverse Soloprojekte der einzelnen Musiker. Wirklich erfolgreich war damit allerdings niemand und ein Wiedersehen im Proberaum vorprogrammiert.

Seit Mitte 2009 sind Skunk Anansie wieder auf Tournee. Zur Wiedervereinigung der bekannten Band verliert „Skin“ nicht allzu viele Worte: „Als wir das erste Mal wieder zusammen in einem Zimmer gesessen haben, war es einfach ein gutes und entspanntes Gefühl. Die Chemie ist genauso frisch, wie sie es schon immer war.“ Auf ihrem im letzten Jahr erschienenen Album „Wonderlustre“ versucht die Band mit musikalischer Vielfalt an den Erfolg anzuknüpfen. Harter Rock wechselt sich ab mit sanften Balladen, erhabenen Hymnen und karibischem Groove.

An der grundsätzlichen Herangehensweise hat sich offenbar nicht viel geändert. „Wir sind aber emotional mit den Jahren gewachsen, genau wie der Sound auf dem neuen Album“, sagt „Skin“. Die ganz krachigen Momente der Vergangenheit sind einer gesetzteren Sound-Erfahrung gewichen. Trotzdem vermeiden es Skin und Co., allzu sehr auf die Balladen-Schmacht-Karte zu setzen. Und so kommt trotz fehlender Song-Überflieger beim Hören wieder die typische Rock-Atmosphäre auf. Und auch stimmlich ist „Skin“ noch immer auf der Höhe. „Ich denke, ein Künstler sollte immer so individuell wie möglich bleiben und sich niemals anpassen“, sagt sie. Kein Wunder, dass die Sängerin Künstler wie Tom Waits oder Kurt Cobain als Seelenverwandte schätzt. Der stark politische Ansatz ihrer Texte ist auf der aktuellen Platte zwar nicht mehr ganz so deutlich spürbar. Offenbar hat die impulsive Bandleaderin ihre Gesinnungen nur in andere Formen gegossen und auf die zwischenmenschliche Ebene gehoben. „Alles was man tut, ist politisch. Wir schauen schon, was so in der Welt und unseren Leben passiert.“ Und so bleiben Politik, Rassen- und Geschlechterdiskriminierung bleiben feste Bestandteile ihres Themenspektrums.

Das Schlachthof-Publikum darf in jedem Fall gespannt sein auf „Skins“ geballte Frauen-Power. Vielleicht wird die rockige Britin auch in Dresden konfrontiert mit einem stark durchmischten Publikum. Denn wo sie auftritt, ist sie es gewöhnt, vor Leuten unterschiedlichster Nationalitäten, Alter und Hautfarben zu singen. „Die Welt ist ja nicht nur voll von schlanken weißen Jugendlichen, sondern auch von Leuten wie mir.“ Mit so einer Einstellung kann es kaum noch verwundern, dass, wenn man „Skin“ nach ihrer Lieblingsband befragt, sie mit schwärmenden Unterton „Blondie“ sagen hört.

Service:WasSkunk AnansieWann19. Februar, 20 UhrWoAlter SchlachthofTickets34 EuroHotline(0351) 866 600Internetwww.skunkanansie.net