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Samstag, 15.09.2018

Roter Teppich für Mediziner

Herrnhut richtet ein Ärztehaus ein. Die ersten Mieter stehen schon fest. Für weitere wäre Platz.

Von Anja Beutler

Das Gebäude im Civitatenweg 1 ist als früheres Predigerseminar bekannt. Es gehört der Stadt und die will es gemeinsam mit Allgemeinmediziner Kay Herbrig in ein Ärztehaus umbauen. Dazu gibt es inzwischen einen ersten Ratsbeschluss. Auch ein Architektenwettbewerb ist bereits gelaufen.
Das Gebäude im Civitatenweg 1 ist als früheres Predigerseminar bekannt. Es gehört der Stadt und die will es gemeinsam mit Allgemeinmediziner Kay Herbrig in ein Ärztehaus umbauen. Dazu gibt es inzwischen einen ersten Ratsbeschluss. Auch ein Architektenwettbewerb ist bereits gelaufen.

© www.rafa-sampedro.de

Herrnhut. Dr. Kay Herbrig will eigentlich noch gar nicht so viel darüber reden. Denn der angepeilte Umzugstermin seiner Hausarztpraxis in ein neues Ärztehaus im Civitatenweg liegt erst zu Beginn des Jahres 2021 – und es ist noch unheimlich viel zu tun. Dennoch treibt das Thema derzeit die Herrnhuter um – vor allem die Stadträte. Die Frage ist nämlich, ob die Stadt einen Kredit in Höhe von rund 500000 Euro aufnehmen soll, um das kommunale Gebäude im Civitatenweg 1 in ein Ärztehaus umzugestalten. „Klare Zusagen“ und „mehr als nur eine Interessenbekundung“ wünschten sich Skeptiker deshalb auch vor dem Ratsbeschluss zu Umbau und Sanierung des denkmalgeschützten, früheren Seminargebäudes der Brüder-Unität.

Dr. Herbrig kann die Skepsis verstehen – schließlich weiß er, dass Wunsch und Wirklichkeit nicht immer beieinanderliegen. In Großschweidnitz hatte man vor rund sieben Jahren Ähnliches vor: Weil die Gemeinde hausärztliche Verstärkung brauchte, hatte Bürgermeister Jons Anders (parteilos) bei Medizinern im Umfeld geworben, eine Art Zweigstelle ihrer Praxis in Großschweidnitz zu eröffnen – im Gemeindeamt. Dort stand ohnehin eine Sanierung an und so wurde nach einer ernsthaften Interessensbekundung alles für eine Praxis im Erdgeschoss des Hauses vorgerichtet. „Aber am Ende waren die Hürden durch das kassenärztliche System so hoch, dass es nicht geklappt hat“, berichtet Bürgermeister Anders. Zum Glück fand eine andere Firma die Räume ebenso passend, sodass der Umbau nicht umsonst gewesen war.

In Herrnhut nun geht die Initiative vom Mediziner selbst aus. Dr. Kay Herbrig, der sich für die Patienten seiner Praxis und die derzeit bei ihm arbeitenden Mediziner bessere Bedingungen erhofft, betonte mehrfach, dass es ihm sehr ernst sei. Aktuell behandeln in seiner Praxis in der August-Bebel-Straße auch Internist Thomas Pfefferkorn und Anästhesistin Kerstin Thamm, die ihre Facharztausbildung zur Allgemeinmedizinerin absolviert, die Patienten. Unterstützt wird er an einigen Tagen vom pensionierten Kollegen Tilmann Verbeek.

Bürgermeister Willem Riecke (Herrnhuter Liste) sieht in den Plänen langfristige Vorteile für Herrnhut: Mit einem sanierten, gut erreichbaren und modernen Ärztehaus sei die Stadt durchaus attraktiver für Ärzte, die sich neu niederlassen wollen oder auch zu bestehenden Praxen als angestellte Mediziner hinzukommen. Die Frage nach mehr Zukunftssicherheit bei der ärztlichen Versorgung in und um Herrnhut ist ohnehin ein Dauerbrenner: Vor Jahren war diskutiert worden, ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) gemeinsam mit einem diakonischen Partner zu etablieren. Doch das habe sich zerschlagen, erinnert sich Bürgermeister Riecke.

Dass Klarheit bei Immobilienfragen durchaus ein wunder Punkt bei der Attraktivität von Arztsitzen sein kann, weiß auch Gottfried Hanzl. Der Allgemeinmediziner, der sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung und beim Sächsischen Hausärzteverband engagiert, kennt die Dinge, auf die Ärzte Wert legen: Sicherheit, dass man nicht wegen Eigenbedarf gekündigt wird, sowie gute bauliche Bedingungen liegen demnach im Trend. „Großzügige Lösungen, beispielsweise in einem kommunalen Gebäude, in dem man Praxen und gleich noch eine Sozialstation, Apotheke oder Physiotherapie unterbringen kann, wecken Interesse“, sagt Hanzl.

Ob gleich ein so großer Wurf in Herrnhut gelingen wird, weiß derzeit niemand. In einem ersten Schritt hat der Rat dem Vorhaben aber bei nur einer Stimmenthaltung zugestimmt. Zudem hoffen Kay Herbrig und die Stadt, dass ihr rund zwei Millionen Euro teures Ärztehaus-Projekt zu drei Vierteln mit Fördergeldern unterstützt wird. Der Antrag soll – ebenso wie der Bauantrag – demnächst gestellt werden. In den Folgejahren muss der 44-jährige Mediziner die Vorfinanzierung der Stadt mit seinen Mietkosten wieder erwirtschaften.

Herrnhuts Bürgermeister Riecke ist generell optimistisch, dass die Vereinbarung für beide Seiten Vorteile bringt – immerhin wird auch das inzwischen nur noch vom Bauhof genutzte Haus im Zentrum auf diese Weise neu belebt. Riecke weiß zudem, dass wohl einige seiner Nachbarkollegen gern ein solches Projekt in ihrer Gemeinde hätten. Denn der Ärztemangel wird zunehmend greifbar. In Bernstadt beispielsweise wirbt Bürgermeister Markus Weise (Kemnitzer Liste) seit Langem um einen zweiten Allgemeinmediziner, der die Lücke schließen soll, die 2015 durch den Tod des Bernstädter Arztes Frank Posselt entstanden ist. Deshalb war Weise kürzlich in Dresden bei der Kassenärztlichen Vereinigung, wo er sich Unterstützung erhoffte.