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Mittwoch, 08.08.2018

„Rettet die kyrillische Schrift“

Bei den jungen Serben gilt die traditionelle kyrillische Schrift als uncool und ein wenig aus der Zeit gefallen. Die Regierung will jetzt gegensteuern. Kritiker warnen vor der „Sprachpolizei“.

Von Thomas Brey

„Partnerschaft für die Zukunft“ steht in kyrillischer Schrift auf einem großen Plakat mit den Nationalfahnen von Russland und Serbien. In Behörden, Universitäten und Schulen in Serbien darf nur noch das kyrillische Schriftsystem verwendet werden, ansonsten drohen Geldstrafen.
„Partnerschaft für die Zukunft“ steht in kyrillischer Schrift auf einem großen Plakat mit den Nationalfahnen von Russland und Serbien. In Behörden, Universitäten und Schulen in Serbien darf nur noch das kyrillische Schriftsystem verwendet werden, ansonsten drohen Geldstrafen.

© Thomas Brey/dpa

Westliche Musik und Kultur, die sozialen Medien, Spielkonsolen und amerikanische Filme: Die Jugend in Serbien, wichtigstes Land auf der Balkanhalbinsel, hat der kyrillischen Schrift den Rücken gekehrt. „Kyrillisch zwischen heiliger und weltlicher Schrift“, beschreibt die renommierte Regierungszeitung „Politika“ die Lage. Und die Jungen geben der weltlichen Variante klar den Vorzug.

Die Regierung sieht bereits den Untergang der Nation, wenn das Kyrillische am Ende ganz in Vergessenheit gerät. Und daher hat sie ein neues Sprachgesetz auf den Weg gebracht, das es in sich hat. Alle Behörden, Universitäten und Schulen dürfen nur noch das seit dem 10. Jahrhundert in Bulgarien entwickelte Schriftsystem nutzen, das auf die Mönche Kyrill und Method zurückgeht. Lateinische Lettern sind tabu.

Doch es geht noch weiter. Produktbezeichnungen, Bedienungsanleitungen oder Garantiescheine müssen ebenfalls kyrillisch geschrieben sein. Wer dagegen verstößt, muss bis zu einer Million Dinare (8450 Euro) Strafe zahlen. Das scheint auf den ersten Blick nicht viel. Doch beim Blick auf den Durchschnittsverdienst in diesem armen Balkanland von umgerechnet 450 Euro im Monat ist das schon ein hübsches Sümmchen.

Mit dem neuen Gesetz soll sich auch das Erscheinungsbild in serbischen Städten von Grund auf ändern. Das Kultus- und Bildungsministerium als die Initiatoren der neuen Vorschriften haben sich vor allem daran gestört, dass die Geschäftsnamen und deren Werbung in den Einkaufsstraßen des Landes meist lateinisch geschrieben sind.

Bisher waren laut Verfassung kyrillische und lateinische Schrift gleichberechtigt. Jeder Bürger durfte wählen. Jetzt wird das Kyrillische verpflichtend. Nur wenn es unbedingt sein muss, zum Beispiel damit die Touristen auch etwas lesen können, dürfen unter den kyrilischen Großbuchstaben, auch lateinische im Kleinformat stehen. Latein als „Hilfsschrift“ heißt das.

Der Belgrader Vizebürgermeister Goran Vesic lockt Private bei der Mietung städtischer Räume und Häuser mit einem fünfprozentigen Nachlass auf alle Abgaben, wenn sie ihre Firmenlogos und Reklame in kyrillisch verfassen. „Meine Bedingungen an ‚Starbaks‘ war, dass der Firmenname auch auf Kyrillisch erscheint“, berichtete er.

Regierungskritische Intellektuelle sind empört. Sie sehen mit diesem Vorhaben den Nationalismus am Werk. Die propagierte „nationale Wissenschaft“ sei Humbug. „Was für eine armselige Nation, deren Identität von der Reklameschrift abhängt“, meint der Literaturwissenschaftler Dejan Ilic. Die logische Folge des neuen Gesetzes wäre ein Verbot ausländischer Sprachen im öffentlichen Raum und eine „Sprachpolizei“, kritisieren ähnlich Denkende.

Die neuen Sprachvorschriften beziehen sich nicht nur auf Serbien selbst, sondern auch auf die Landsleute im benachbarten Bosnien und Montenegro. Außer in Serbien wird vor allem in Russland, der Ukraine und Weißrussland kyrillisch geschrieben. In Südosteuropa ist dieses Alphabet auch in Bulgarien und Mazedonien zu finden. Es wurde im Mittelalter aus dem Griechischen entwickelt.

Die moderne serbische Variante stammt vom Philologen Vuk Karadzic vom Beginn des 19. Jahrhunderts. Der hatte die Sprache im gesamten südslawischen Raum modernisiert, auch für die Völker, die schon immer lateinisch geschrieben haben wie Kroaten und Slowenen. Der polyglotte Karadzic war auch mit deutschen Geistesgrößen wie Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried Herder oder Jacob Grimm befreundet. (dpa)