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Freitag, 23.06.2017

Regenbogenbunt, ein bisschen

Nach langem Hin und Her bekommen schwule und lesbische Nazi-Opfer ein Denkmal in München – zum Drüberlaufen.

Von Paul Kreiner, München

Buntes Gedenken in München: Ganz so knallig wie im ursprünglichen Entwurf wird das Denkmal nicht, aber immerhin soll es nun endlich kommen.
Buntes Gedenken in München: Ganz so knallig wie im ursprünglichen Entwurf wird das Denkmal nicht, aber immerhin soll es nun endlich kommen.

© Grafik: dpa/Ulla von Brandenburg

Sage keiner, die Stadt München gedächte ihrer Nazi-Opfer zu wenig. Die Frage – und sie zielte ebenso auf historische Wahrheit wie auf political correctness – war lange Zeit eher die, ob sich auch jede einzelne Gruppe hinreichend gewürdigt sah. In dieser Diskussion, die unter dem Stichwort „Inflationierung von Denkmälern“ geführt wurde, hat sich gegen zähen Widerstand heute eine stillschweigende, für manche resignative Einsicht Bahn gebrochen: Speziell in München reicht es wohl nicht, das Gedenken en bloc dem „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ aufzuladen; vielmehr war die Gründungsstadt der NSDAP – laut Hitler Hauptstadt der Bewegung –, als Ganzes so verstrickt, dass die Erinnerung heute genauso flächendeckend stattzufinden hat.

In diesem Sinne bekommen nun auch die Homosexuellen ihr Mahnmal. 2014 vom Stadtrat beschlossen, liegt es in einer Einkaufsstraße der City, wo die Fußgängerzone anfängt. Gestaltet hat es die in Karlsruhe geborene, in Frankreich lebende Künstlerin Ulla von Brandenburg. Mit Betonplatten in den Farben des Regenbogens hat sie einen ungefähr 70 Quadratmeter großen Winkel in das Straßenpflaster gelegt, der ideell die Hausecke der im Zweiten Weltkrieg zerbombten „Gastwirtschaft von Anton Schwarzfischer, vormals Wutz“ nachzeichnet. In den wilden, künstlerisch sehr freien Münchner Zeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der „Schwarzfischer“ eines der schwulen Szenelokale der Stadt. Genau dort, mit einer Razzia am 20. Oktober 1934, begannen die Nazis auch ihre deutschlandweite Verfolgung von Schwulen und Lesben.

In die Platten eingearbeitet hat Ulla von Brandenburg auch ein schwarzes und ein rosa Dreieck: Es sind die Kennzeichen, die Lesben und Schwule in den Konzentrationslagern wie ein Brandzeichen offen tragen mussten. Der bunte Winkel legt sich um ein postmodern-bleiches, schniekes Geschäftshaus. Matte Pastelltöne, die auf Regen hoffen. Denn dieser – so pflegte Friedensreich Hundertwasser die Menschheit zu trösten – mache Farben kräftig. Und lässt politische Entscheidungsgremien stärker aussehen, als sie selbst es sein mochten, könnte man anfügen.

Immerhin: Die vereinigte Stadtratsfraktion von Grünen und Rosa Liste als der Hauptmotor des Projekts ist zufrieden. Ja, sogar „froh, dass dieses Denkmal nach jahrelangen Diskussionen nun Wirklichkeit wird“, wie Fraktionschef Florian Roth sagt. Grüne und Rosa Liste haben auch überhaupt nichts dagegen, dass „ihr“ Denkmal in den Boden eingelassen ist, sodass die Passanten drüberlaufen. „Wir fragen: Wie gut ist ein Denkmal, nicht wie hoch ist es“, sagt Florian Roth.

Unter den Denkmälern in München – zum Beispiel für die Geschwister Scholl – findet sich ein besonders kurioses und weitgehend unbeachtetes: Eine zögerliche, nicht eben geradlinige Bronzespur (entworfen von Bildhauer Bruno Wank) zieht sich durch die Viscardigasse. Das Sträßlein ermöglichte es Münchnern während der Nazizeit auf dem Weg vom Marien- zum Odeonsplatz, das Nazi-Ehrenmal an der Ostseite der Feldherrnhalle zu umschleichen und auf diese Weise auch keinen Hitlergruß leisten zu müssen. „Drückebergergasse“ nannte man die Route seinerzeit. Heute wird sie als Symbol für den „stillen Widerstand“ der Münchner gefeiert. Aber eben nicht allzu sehr.