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Montag, 07.03.2016

Raubtier-Alarm auf der Prager Straße

Am Sonnabend kamen ganz besondere Kinogäste in den Kristallpalast. Auf dem Weg sorgten sie für verwirrte Gesichter.

Von Sarah Grundmann

Am Wochenende versammelten sich sogenannte Furries – Menschen, die in ihrer Freizeit gerne als Tiere herumlaufen – in der Dresdner Innenstadt.
Am Wochenende versammelten sich sogenannte Furries – Menschen, die in ihrer Freizeit gerne als Tiere herumlaufen – in der Dresdner Innenstadt.

© Anja Schneider

Da staunten die Passanten auf der Prager Straße am Sonnabendnachmittag nicht schlecht. Schließlich laufen Tiger, Fuchs und Co. nicht alle Tage durch die Dresdner Innenstadt. An diesem Wochenende hatten sich rund 35 sogenannte Furries versammelt, um gemeinsam zur Vorstellung des neuen Disney-Streifens „Zoomania“ in den Kristallpalast zu gehen. Furries sind Menschen, die in ihrer Freizeit gerne als Tiere herumlaufen. Fur-Suits – zu deutsch Fellanzüge – nennen sie die Kleidungsstücke, die sie sich zu bestimmten Anlässen überstreifen. Das Wort Kostüm sollte man besser nicht in den Mund nehmen. Denn Furries halten ihren Freizeit-Look in der Regel nicht für eine Verkleidung – vielmehr ist das Tier ihr zweites Ich.

So auch bei Klaus Tibel. Oder wie er sich an diesem Wochenende und bei anderen Treffen mit Gleichgesinnten nennt: Lee Tiger. Der 27-Jährige ist extra aus Glashütte nach Dresden gekommen, um an der Furry-Parade zum Kristallpalast teilzunehmen. Seit vier Jahren ist er in der Szene aktiv, zu Beginn machte er hauptsächlich Fotos und begleitete die Furries, ohne sich selbst zu verkleiden. „Meinen Anzug habe ich erst seit eineinhalb Jahren, dafür habe ich lange gespart“, sagt Tibel, der im normalen Leben als Uhrmacher arbeitet. Denn ganze 1 600 Euro hat die Kostümierung als Tiger-Schneeleopard-Mischling gekostet. Für diese Rasse hat der Glashütter sich nicht grundlos entschieden. „Die Tiere sind eher zurückhaltend, werden erst aggressiv, wenn sie in die Ecke gedrängt werden“, sagt Tibel. So sieht er sich auch selbst.

Neben den hohen Kosten bringen die Fur-Suits aber auch noch andere Schwierigkeiten mit sich. So ist das Sichtfeld sehr eingeschränkt, ein Blick nach unten ist meistens nicht möglich. „Deswegen gibt es vor Veranstaltungen auch immer Absprachen, wer mit und wer ohne Kostüm kommt“, sagt Franziska Irmer. Die ist Sprecherin des Vereins Sachsen Furries, der die Parade zum Kristallpalast organisiert hat. „Die Unverkleideten helfen dann beim Laufen oder der Versorgung mit Getränken“, so Irmer weiter. Doch zu viel Flüssigkeit sollten die Menschen-Tiere nicht zu sich nehmen. Denn auf die Toilette können sie mit ihren Ganzkörperanzügen nicht.

Trotz aller Hindernisse gibt es deutschlandweit recht viele Menschen, die der Bewegung angehören. „Im dazugehörigen Forum sind etwa 8 000 angemeldet, etwa die Hälfte davon ist wirklich aktiv“, sagt die Sprecherin. Wieviele es in Sachsen gibt, ist nur schwer zu sagen. Denn auch am Sonnabend hatten sich Gleichgesinnte aus der ganzen Bundesrepublik versammelt, eine Ratte war sogar extra aus Frankreich angereist. Veranstaltungen gebe es in Sachsen aber etwa drei- bis viermal im Jahr, jedes Mal mit rund 150 Teilnehmern.

Die Idee, eine Parade zur Nachmittagsvorstellung des neuen Streifens „Zoomania“ – in dem passenderweise sprechende Tiere in den Hauptrollen zu sehen sind – zu machen, stieß bei Ufa-Sprecher Till Grahl gleich auf Begeisterung. Die Furries bekamen prompt Freikarten, wegen der ausladenden Kostüme jeweils zwei. Im Gegenzug sorgten sie am Sonnabend für Staunen und Freude auf der Prager Straße und im Kristallpalast, wo sie ab 16 Uhr die Besucher begrüßten. Vor allem die kleinen Gäste bekamen von den Furries gar nicht genug. Und Lee Tiger musste immer wieder seine Krallen für ein Foto ausfahren.

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