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Montag, 27.11.2006

Ratlosigkeit und seltsame Ideen

USA. Washington sucht verzweifelt Auswege aus der Krise im Irak.

Von Laszlo Trankovits, Washington

Schon beim Nato-Gipfel am Dienstag in Riga erwartet US-Präsident George W. Bush Ungemach angesichts wachsender Probleme in Afghanistan sowie skeptischer und widerborstiger Bündnispartner. Aber das dürfte ihn sicher weit weniger belasten als der Ausblick, ab Mittwoch in Amman mit dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki eine Antwort auf das blutige Chaos im Irak finden zu müssen. Noch schlimmer für Bush wäre es allerdings, wenn Al-Maliki, von Sunniten wie Schiiten bedrängt, das Treffen absagen, den US-Präsidenten düpieren und aller Welt den schwindenden Einfluss der USA im Irak demonstrieren würde.

In Washington wächst die Ratlosigkeit, Zeichen von Verzweiflung sind unübersehbar. Hektische Reiseaktivitäten und das hektische, parteiübergreifende „brain-storming“ (Ideensuche) sind dafür Belege – wie auch der lauter werdende Ruf nach einem „starken Mann“ für den Irak, nach einem Diktator mit eiserner Hand statt erfolgloser Experimente mit demokratischen Strukturen in einem arabisch- islamischen Kulturkreis.

„Nötig ist ein starker Mann, die Demokratie ist gescheitert“, meinte der Ex-Pentagon-Spitzenbeamte Joe Reeder in „Fox News“. Die „Los Angeles Times“ schlug sogar „das Undenkbare“ vor: Saddam Hussein wieder die Macht zu übergeben, denn der „psychotische Massenmörder“ habe zumindest bewiesen, dass er Irak unter Kontrolle halten könne. Schließlich „gibt es Schlimmeres als eine Diktatur, nämlich endloses Chaos und Bürgerkrieg“.

Geplatzte Hoffnungen

Bush ist in den USA einer der wenigen, der noch Optimismus für die Zukunft des Iraks demonstriert. Aber selbst seine große Hoffnung, dass die von Ex-Außenminister James Baker geführte Arbeitsgruppe eine praktikable neue Strategie aufzeigt, scheint zerplatzt. Die unabhängige Kommission ist laut der „Washington Post“ heillos zerstritten. Die „New York Times“ hatte spekuliert, dass die Baker-Gruppe empfehlen werde, Gespräche mit den „Feinden“ Iran und Syrien aufzunehmen – was viele schon als „Kapitulation“ brandmarken.

„Ein Sieg im Irak ist nicht mehr möglich“, meint selbst Ex-Außenminister Henry Kissinger, ein entschiedener Kriegsbefürworter. Aber auch Demokraten fürchten bei einem überhasteten US-Abzug neue Gefahren für den Westen. „Amerika kann keiner Nation Demokratie verordnen. Das ist die bittere Lektion“, klagte der republikanische Senator Chuck Hagel. (dpa)