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Samstag, 24.06.2006

Radeln und Renaissance

Weser Auf 500 Kilometern kann man dem Wasserlauf folgen.

Teller und Tassen, Kannen und Schüsseln, kunstvolle Figuren, ausladend gedeckte Tische – mehr als 5 000 Exponate verdeutlichen im Museum der Porzellanmanufaktur Fürstenberg deren 250-jährige Tradition. Doch wer oben unterm Dach die wuchtige Tür zum Hochzeitskabinett öffnet, ist sogleich in der Gegenwart angekommen: Auf großen Fotos posieren Models zwischen Porzellanbüsten, auf der gedeckten Tafel ist die neueste Kollektion des „Weißen Goldes“ aus dem Weserbergland zu sehen. Auch wie Porzellan geformt und bemalt wird, können Gäste in der Manufaktur in Fürstenberg erlernen – die Porzellanmalerin Dagmar Kleine zeigt es ihnen.

Das Erlebnis von Tradition und Moderne im Museum von Fürstenberg ist ein gutes Beispiel für die Vielfalt des Weserberglandes. „Diese Landschaft ist mit ihrer Geschichte und den Bauwerken vergleichbar mit der Toskana, der Lombardei oder dem Loiretal“, schwärmt Stephan N. Barthelmess, Museumsleiter von Schloss und Kloster Corvey. Schon im Jahr 822 gründeten Mönche das Kloster, aus dem Jahr 885 stammen die beiden spitz aufragenden Kirchtürme. „Das so genannte Westwerk ist nicht nur der älteste Bau an der Weser, sondern auch eines der ältesten Westwerke in ganz Europa“, sagt der Kunsthistoriker.

Etwa 120 000 Besucher zählt das Museum von April bis November. Viele Gäste steuern Corvey mit dem Fahrrad an, denn der insgesamt 500 Kilometer lange Weserradweg zwischen Hann, Münden und Cuxhaven führt direkt an der ehemaligen Abtei vorbei. Corvey mit seiner imposanten Bibliothek von 70 000 Bänden lohnt dabei mehr als nur einen kurzen Rundgang: Noch bis zum 25. Juni sind im Barocksaal zum Beispiel 120 Radierungen von Rembrandt van Rijn zu sehen. Die 52. Corveyer Musikwochen dauern noch bis in den Juni.

Durch den Wohlstand von Adel und Bürgertum entstanden im 15. und 16. Jahrhundert zahlreiche Schlösser, Kirchen, Bürger- und Rathäuser in den Städten an der Weser. Viele sind heute noch erhalten und haben im Sommer ihre Pforten für Besucher geöffnet. Besonders prächtig ist neben den beiden Schlössern Bückeburg und Bevern die Hämelschenburg, die vom Jahr 1588 an aus Oberkirchener Wesersandstein errichtet wurde. „Der schönste Teil mit der reichhaltigen Ornamentierung ist die Südfassade“, erklärt Hagen Wolf von der Stiftung Hämelschenburg.

Während Hämelschenburg in der zwölften Generation im Familienbesitz ist und teilweise privat bewohnt wird, können Reisende wenige Kilometer weiter selbst zu Schlossherren auf Zeit werden: Um 1570 ließ Hilmar von Münchhausen – ein Vorfahre des legendären „Lügenbarons“ – nahe Hameln ein Schloss aus ockerfarbenem Sandstein erbauen. Der Zahn der Zeit hatte schon arg an ihm genagt, als der Renaissancebau vor vier Jahren neue Besitzer fand. Nach einer Restaurierung wurde 2004 das „Schlosshotel Münchhausen“ eröffnet. Drumherum erstrecken sich zwei Golfplätze.

In Hameln säumen feine Fachwerkfassaden im Renaissancestil die Osterstraße. Aufs Pflaster gemalte Ratten locken zu einem Rundgang durch die Altstadt auf den „Spuren des Rattenfängers“. Wie diese bekannte Sagengestalt haben an der Weser auch die Märchen der Brüder Grimm ihren Ursprung: Dornröschen, Aschenputtel, Hänsel und Gretel, der Gestiefelte Kater und die Bremer Stadtmusikanten zum Beispiel. „Vater Rhein hat viele Schlösser, die Weser dafür ihre Märchen und Sagen“, sagt Jörg Menze von der Reederei Flotte Weser. Mit acht Dampfern steuert sie im Linienverkehr die Hauptorte des Weserberglandes und der Mittelweser an. Zweiräder dürfen mit an Bord.

Geschichte und Gegenwart vereint die neue Erlebniswelt Renaissance (EWR) im Hamelner Hochzeitshaus. Das mit mehr als 14 Millionen Euro geförderte Projekt soll die Weserrenaissance virtuell erlebbar machen. Mit dem vollelektronischen „E-Guide“-Kästchen zum Umhängen werden den Touristen Geschichten aus der Zeit der Weserrenaissance erzählt, die auf wahren Vorkommnissen beruhen. Das Projekt steckt zwar noch in den Kinderschuhen. Doch in Zukunft sollen sich die Besucher neben dem virtuellen Rundgang durchs Hamelner Hochzeitshaus per „E-Guide“ auch durch Höxter, Rinteln, Stadthagen und die beiden Renaissanceschlösser Bevern und Bückeburg leiten lassen können.

Werden Adam und Lukretia sich kriegen? – das beispielsweise ist die spannende Frage beim Rundgang mit dem „E-Guide“ durch die Rintelner Altstadt. „Wir erleben die Geschichte eines jungen Liebespaares, eines Studenten und einer Bürgertochter, die sich in der Universitätsstadt Rinteln zu Zeiten der Renaissance im Jahr 1623 zugetragen hat“, erzählt EWR-Sprecherin Jenny Gäth.

Wem dies alles zu virtuell ist, kann sich in der Wirklichkeit am Schloss Bückeburg an anderen Künsten erfreuen. In der „Fürstlichen Hofreitschule“ zeigt Reitmeister Wolfgang Krischke bei den Vorführungen für Besucher die Reitkünste aus barocker Zeit und erklärt die Besonderheiten historischer Pferderassen.

Am Weserradweg in Polle treffen die Radwanderer manchmal auf Fritz Köster. Er ist als letzter Fischer noch regelmäßig mit seinem kleinen Kahn unterwegs, um Aal, Hecht und Zander anzulanden. Wenn Kösters Fritze viele frische Fische fängt, ist für den Binnenschiffer die Welt in Ordnung: „Die Weser hat wieder Trinkwasserqualität.“Bernd F. Meier, gms