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Donnerstag, 15.02.2018

Putins Gasgigant feiert Geburtstag

Die Gewinnzahlen von Gazprom lassen Manager-Herzen höherschlagen. Doch Experten sind skeptisch, ob der Konzern fit für die Zukunft ist.

Von Thomas Körbel

25 Jahre nach seiner Umwandlung in eine Aktiengesellschaft wähnt sich der russische Energieriese Gazprom im Höhenflug.
25 Jahre nach seiner Umwandlung in eine Aktiengesellschaft wähnt sich der russische Energieriese Gazprom im Höhenflug.

© dpa

Die Führung des russischen Energieriesen Gazprom hat Deutschland und Europa zum 25-jährigen Firmenjubiläum fest im Blick. „Im vergangenen Jahr hat unser Unternehmen den absoluten Rekord beim Export von Gas nach Europa aufgestellt“, sagt Konzern-Vize Alexander Medwedew. 194 Milliarden Kubikmeter habe Gazprom an Staaten vor allem in der EU verkauft – mehr als 40 Prozent seiner Förderung 2017.

Auf Deutschland, Schlüsselmarkt in der EU, entfiel mehr als ein Viertel der Lieferungen. Das soll nach der Strategie des größten Energiekonzerns der Welt noch mehr werden, wenn die Ostseepipeline Nord Stream 2 gebaut ist. Seit Jahren flankiert Gazprom sein Geschäft in Deutschland mit einem Sponsorenvertrag für den Bundesligisten Schalke 04 und setzt bei der Nord Stream AG auf Altkanzler Gerhard Schröder als Aushängeschild. Kritiker warnen vor einer gefährlichen Abhängigkeit vom Gaslieferanten unter Kreml-Kontrolle.

Am Sonnabend feiert nun Gazprom seinen 25. Geburtstag. Der Staatskonzern ist 1990 aus einem für die Gasindustrie zuständigen Sowjet-Ministerium hervorgegangen. Am 17. Februar 1993 folgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Heute kontrolliert Gazprom ein Geflecht aus Tochterfirmen auch in der Banken- und Medienbranche.

Die Sektkorken dürften in der Moskauer Zentrale dank des jüngsten Export-Allzeithochs schon vor dem Jubiläum geknallt haben. Der Marktanteil in Europa sei auf fast 35 Prozent gestiegen, sagte Medwedew vor Investoren. Bis 2035 rechnet Gazprom mit einer Steigerung seines Anteils in Europa auf bis zu 41 Prozent. Gewinnzahlen für 2017 lagen zwar zunächst nicht vor, aber die Werte des dritten Quartals lassen Manager-Herzen höherschlagen: Mit 200 Milliarden Rubel (2,8 Mrd. Euro) hat sich das Ergebnis im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 2016 fast verdoppelt, wie Gazprom mitteilte. Experten sehen einen günstigen Rubelkurs zum US-Dollar als Grund.

„Finanziell ist Gazprom weitgehend gesund“, sagte Energieexperte Sergej Afonzew, der an zwei renommierten Moskauer Universitäten lehrt. Zugleich gebe es viel Potenzial für Verbesserungen; etwa bei der Umsetzung neuer Projekte, sagte er.

Hinter vorgehaltener Hand gehen Branchenkenner härter mit Gazprom ins Gericht. Die glänzenden Zahlen überstrahlten massive Probleme, heißt es: Zu viele Mitarbeiter (rund 450 000) und Korruptionsanfälligkeit sind Gründe für Ineffizienz, die den Gas-Riesen schwerfällig macht.

Anerkannt wird allenthalben, dass sich der Konzern – auch nach Druck der EU – gewandelt hat. „Mehr Markt, weniger Geopolitik“, umschreibt Afonzew die Erneuerung der lang kritisierten Preispolitik.

Über Jahre hatte Gazprom hohe Preise bei langen Laufzeiten diktiert. Die Kunden schluckten dies. Als aber 2006 und 2009 zwischen Russland und der Ukraine, dem wichtigsten Transitland für Gas in die EU, ein Streit eskalierte und Gazprom im Winter den Hahn zudrehte, schrillten in Westeuropa die Alarmglocken. So festigte sich das Bild von Gazprom als geopolitische Waffe des Kremls, um Staaten unter Druck zu setzen. „Für das Image von Gazprom war der Streit mit der Ukraine ein Eigentor“, sagt Fares Kilzie, Chef der Moskauer Beratungsfirma Creon.

Die Zeit der teuren Verträge ist in der EU nun vorbei. Der Preis wird durch Angebot und Nachfrage gebildet. So kostete russisches Gas in der EU 2017 im Durchschnitt rund 197 Dollar je 1000 Kubikmeter. Die Marktgesetze sorgen dafür, dass die Preise fallen, je mehr Gas in Europa ankommt. Gazproms Strategie ist, die Lieferungen zu erhöhen, um den Absatz zu steigern und seine Position am Markt zu stärken. Dazu kontrolliert Gazprom ein Netzwerk aus Röhren, die wie Tentakel von Russland aus nach der eurasischen Landmasse greifen. Durch die Ukraine und Weißrussland laufen Leitungen, die Ostsee-Pipeline Nord Stream, bei der Ex-Kanzler Schröder im Aufsichtsrat sitzt, führt direkt nach Deutschland. Neue Pipelines sind geplant: Nord Stream soll erweitert werden; im Schwarzen Meer wird Turkish Stream gebaut, um Gas über die Türkei nach Südosteuropa zu bringen; weit im Osten will Gazprom mit Sila Sibirii China beliefern.

Kaum ins Gewicht fällt dabei Flüssiggas (LNG). „Gazprom verschläft den Trend“, kritisiert Kilzie. Es gibt eine LNG-Anlage auf der Pazifikinsel Sachalin, andere Projekte liegen auf Eis. Gerade LNG könnte Gazprom unter Druck setzen, denn die USA wollen langfristig große Mengen exportieren und eine Alternative zum russischen Pipeline-Gas bieten. Der Druck wächst auch von russischer Seite. Für mehrere Milliarden Dollar hat die Firma Novatek eine LNG-Anlage auf der Jamal-Halbinsel errichtet. Als Präsident Putin diese im August 2017 inspizierte, sagte er: „Russland ist in der Lage und sollte auf dem LNG-Markt einen gebührenden Platz einnehmen. Bislang ist dieser Platz ziemlich bescheiden.“ Deutliche Worte an Gazprom. (dpa)

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