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Freitag, 23.02.2018 Mein Olympia

Public Sleeping

Über die Schlafgewohnheiten der Koreaner kann man schmunzeln. Sie ratzen bei jeder Gelegenheit.

Von Michaela Widder

SZ-Redakteurin Michaela Widder berichtet aus Südkorea.
SZ-Redakteurin Michaela Widder berichtet aus Südkorea.

© Robert Michael

Sie können immer. Und machen es überall: schlafen. Im kleinen koreanischen Schnell-Bistro fläzt ein einheimischer Kollege mit dicker Daunenjacke und wartet auf sein Mittagessen. Der Laden brummt, ein Kommen und Gehen. Doch plötzlich mittendrin nickt er an seinem Platz ein, die Arme verschränkt, der Kopf fällt auf die Brust. Fehlt nur noch, dass er schnarcht.

Die Schlafgewohnheiten sind bei Olympia besonders gut zu beobachten. Der Schnellzug von Seoul nach Pyeongchang in die Berge gleicht am Morgen einem Schlafwagen. Auch im Bus wird geratzt, sobald er sich in Bewegung setzt. Und die müden Kollegen im Pressezentrum nutzen jede Gelegenheit für ein Nickerchen. Mal legen sie den Kopf auf den Schreibtisch und lassen die Arme baumeln, gemütlicher wirkt der Schlafplatz vor der großen Leinwand, auf der die Spiele flimmern. Auf der Couch davor hockt gleich eine ganze Gruppe Koreaner und hat sich wohl zum „Public Sleeping“ versammelt. Das Gewusel um sie herum stört sie nicht.

Überall und zu unterschiedlichsten Zeiten sieht man in Korea schlafende Menschen. Die Nachbarn in Japan haben dafür sogar einen Begriff kreiert: Inemuri, was so viel bedeutet wie „i – anwesend sein“ und „nemuri – schlafen“.

Offenbar kämpfen sie hier gegen eine permanente Übermüdung an, weil sie einem ständigen Leistungsdruck ausgesetzt sind. In keinem Land der Welt gibt es mehr Uni-Absolventen. Die Schüler zählen zu den Pisa-Siegern. Der Preis dafür ist hoch. Es wird gepaukt bis zum Umfallen. Wer etwas auf sich hält, geht zum Nachhilfeunterricht. Der berühmteste Lehrer Kim Ki-hoon soll angeblich so viel verdienen wie ein durchschnittlicher Fußballnationalspieler. Auch die Nacht ist zum Lernen da. Ein gängiges Sprichwort unter Südkoreas Jugend lautet: Wenn du drei Stunden schläfst, wirst du den Test bestehen. Vier Stunden Schlaf – und du fällst durch.

Als der Mann gegenüber sein Mittagessen serviert bekommt, ist er wieder hellwach, schlürft seine Suppen und starrt ununterbrochen auf sein Handy. Das ist die andere Lieblingsbeschäftigung der Koreaner.

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